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Figur des Gottes Xipe Totec, Mitte 14. Jh. bis 1521. Museum der Kulturen Basel.

Lindenmuseum

Die Welten der Azteken in Stuttgart

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Stuttgarts Lindenmuseum bietet eine erschütternde, begeisternde Schau zu einer Kultur, die fast vernichtet wurde und jetzt doch weiterlebt.

Mehr als 220 Objekte aus europäischen und mexikanischen Museen sind zu sehen. Unter anderen: eine Steinkiste aus dem Besitz des letzten Herrschers der Azteken, ein 18 Zentimeter hoher und 28 Zentimeter langer zentnerschwerer Wasserfloh aus Stein, Götterbilder und Kriegerfiguren, eine Kopie des berühmten sogenannten Kalendersteins, zwei Federschilder. Alles Dinge, vor denen man staunend steht wie Albrecht Dürer, als er in Brüssel die von Karl V. präsentierten Schätze betrachtete. Er notierte 1520: „Ich habe in meinem ganzen Leben nichts gesehen, was mein Herz so erfreute wie diese Dinge. Denn ich sah dabei erstaunliche künstlerische Gegenstände und ich wunderte mich über die feine Erfindungsgabe der Menschen in diesen entfernten Ländern. Ja ich kann nicht genug Lobendes über die Dinge sagen, die ich vor mir hatte.“

Die Stuttgarter Ausstellung aber möchte uns nicht nur zum Staunen bringen. Wir sollen auch verstehen, was wir sehen. Sie möchte die menschlichen Beziehungen, die gesellschaftlichen Verhältnisse deutlich machen, in denen die ausgestellten Gegenstände entstanden. Dergleichen kann man nicht ausstellen. Auch eine noch so beeindruckende Kriegerfigur sagt nicht, dass ein erfolgreicher Krieger zu sein der sicherste Weg war zum gesellschaftlichen Aufstieg. Eine Götterskulptur sagt mir nicht, ob man diesen Gott um Unterstützung bitten durfte oder allenfalls darum, dass er einen verschont vor dem Schrecken, den er auszuatmen scheint wie die Drachen unserer heimischen Sagen.

Ich tue jetzt einfach so, als folgten Sie meiner dringenden Aufforderung, diese Ausstellung zu besuchen, und zeige Ihnen dort dies und jenes.

Federschild, um 1520. Landesmuseum Württemberg.

Nehmen Sie sich die Zeit, bei dem sogenannten Kalender- oder Sonnenstein stehenzubleiben und ihn sich erklären zu lassen. 3,6 Meter misst das runde Ungetüm im Durchmesser. Das Original soll 24 Tonnen wiegen. Wer die Erläuterungen liest, wird nicht nur einiges über die kosmologischen Vorstellungen der Azteken erfahren, also zum Beispiel, dass wir im Zeitalter der 5. Sonne leben, dass uns also vier längst untergegangene Weltzeitalter vorangingen, sondern er wird auch über fast jedes Detail aufgeklärt. Wer nicht gerne zuhört, den mag das anstrengen, aber so erhält er doch eine Lektion darin, wie wenig man sieht, wenn man nur hinschaut.

Auf keinen Fall dürfen Sie vorbeigehen an der kaum einen halben Meter hohen Figur aus Tuffstein. Es ist der auf der rechten Seite abgebildete sitzende Mann. Sehen Sie seine Lippen? Sehen Sie, dass unter den Lippen noch einmal Lippen sind? Abgebildet ist der Gott Xipe Totec – „Unser Herr, der Geschundene“ –, ein Schmerzensmann also. Oder ist das eine falsche Übersetzung? Heißt er vielleicht, wie anderswo erklärt wird, „der die Haut trägt“? In jedem Frühjahr wurde ihm zu Ehren ein Fest gefeiert. Als Symbol für den Kreislauf von Leben und Sterben in der Natur opferte man einen – den Xipe Totec darstellenden – Kriegsgefangenen. Ihm wurde die Haut abgezogen. Der Opferpriester zog sie sich über. Schauen Sie genau hin: Auch auf dem Oberkörper liegt eine zweite Haut. Sehen Sie auf die Arme!

Die kleine Figur ist ein Priester, der zugleich einen Gott darstellt, der wiederum nichts ist als das Sinnbild einer der vielen möglichen Verkörperungen des großen Zusammenhangs, in dem alles Leben steht. Kein aztekischer Gott, der nur ein Gesicht hätte. Keiner, der sich nicht verwandelte, keiner der nicht zugleich das eine und das andere wäre.

Einst, so eine der aztekischen Schöpfungsgeschichten, hatten die Götter sich geopfert, um die Menschen ins Leben zu bringen. Nun wurden Menschen geopfert, um Gott und die Welt am Leben zu erhalten. Wie viele es waren, darüber wird gestritten. Nicht nur in der Wissenschaft. Die Azteken sind nicht nur Vergangenheit. Ihre Nachkommen sind da und fordern ihre Rechte und ihre Sicht der Dinge ein. Die Azteken, die sich selbst ja Mexica nannten, sind, soweit sie auch aus Schlüsselpositionen der mexikanischen Gesellschaft verdrängt wurden, doch zentral für das nationale Selbstverständnis des heutigen Mexiko. Die 500 Jahre lange spanische Kolonialgeschichte wird weitgehend verdrängt, die aztekische, die kaum einhundert währte, glorifiziert.

Die Azteken errichteten im beginnenden 15. Jahrhundert keinen durchorganisierten Einheitsstaat, wie die Inka in Peru das getan hatten, sondern führten Kriege gegen ihre Nachbarn, ließen sie unabhängig, forderten aber mehr oder weniger hohe Tribute. Mal mit, mal ohne Erfolg. Mesoamerika war eine Welt von Stadtstaaten, die wohl ebenso intensiv miteinander handelten wie sie einander bekriegten. Allein im Hochland von Mexiko sollen es mehr als fünfzig gewesen sein. Die feindlichen Krieger wurden hüben wie drüben gerne den Göttern geopfert.

Wer die Texte der Ausstellung aufmerksam liest, der wird darauf stoßen, dass nirgends von einer „Eroberung“ durch die Spanier die Rede ist. Die Spanier waren keine Armee von 500 Mann, die sich Millionen Mexica und andere Bewohner der mexikanischen Hochebene unterwarfen. Sie agierten in Feldzügen, die tributunwillige Staaten gegen die Mexica führten. Am Ende freilich stand kein totonakischer oder tlaxcaltekischer Kriegsherr, der die Mexika zum Tribut zwang, sondern das spanische Kolonialreich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Handel gehört Geld. Kakaobohnen dienten in der Welt der Mexica als „Kleingeld“. Wir haben es mit einer hoch entwickelten Marktwirtschaft zu tun. Die spanischen Konquistadoren hatten Vergleichbares allenfalls in Venedig gesehen. Schon die Stippvisite in Yucatan hatte sie begeistert. Mächtige Steintempel, Paläste und Villen. Kolumbus war auf seiner Reise zu den Schätzen Indiens zu seiner Enttäuschung und der der spanischen Krone nur auf ein paar ärmliche Indios gestoßen. Hier endlich eine prächtige, reiche Kultur, von der etwas zu holen war.

Die Konquistadoren suchten nicht Gewürze. Sie suchten Gold. Sie hatten gerade bei der Vertreibung der Mauren die Erfahrung gemacht, dass sie eine wirtschaftlich, intellektuell, technologisch weit überlegene Kultur aushebeln konnten. Das wollten sie fortsetzen. Die frühe europäische Expansion war der Aufstand der Lehmhausbewohner gegen die Steinstädte. Die Europäer waren als Unterlegene gestartet. Überlegen wurden sie erst im Laufe ihrer Eroberungen und wirklich erst zwei Jahrhunderte später durch die industrielle Revolution.

Steinmesser, frühes 16. Jh.. Gliserio Castaneda, D.R.

Tenochtitlán war eine steinerne Stadt mitten in einem See mit schwimmenden Gärten, riesigen Tempelanlagen und Märkten, die größer waren als die Spanier sie je gesehen hatten. In der Stadt lebten etwa 200 000 Menschen, die alle frisches Wasser hatten und reichlich zu essen. Im Vergleich zur ärmlichen Extremadura, aus der viele der Konquistadoren kamen, war hier Schlaraffenland.

Eines, in dem zwar das Rad bekannt war, aber nicht genutzt wurde. Es gab kein Schießpulver, keine Pferde und keine Rinder. Mais war das Hauptnahrungsmittel und Pulque, der weder lager- noch transportfähige Agaven-Likör, das wohl wichtigste Rauschmittel. Aus Kakaosamen wurde cacahuatl oder xocolatl bereitet. Die Schokolade fand schnell nach Europa. Davor war schon der Tabak gelandet. Etwas länger dauerte es bei Avocado, Tomate, Chili oder Chiasamen. Die Ausstellung in Stuttgart zeigt nicht nur das. Im Museumsshop gibt es auch viel davon zu kaufen. In Veranstaltungen geht es nicht nur um Archäologie und Geschichte, sondern es gibt auch Kurse, in denen Kinder zum Beispiel lernen, aztekische Bildhandschriften herzustellen, also Geschichten ohne Worte, nur mit Zeichnungen, zu erzählen.

Diese Codices, von denen zwei Kopien in der Ausstellung zu besichtigen sind, gehörten zu den von den Spaniern besonders gerne vernichteten Objekten. Zu Tausenden wurden sie ins Feuer geworfen. Mesoamerika war keine schriftlose Kultur. Die Codices sind nicht einfach Bilder. Sie erzählen Geschichten. Nicht Laute wurden festgehalten, sondern Gegenstände und Ideen. Es gab kein Alphabet. Angesichts der Sprachenvielfalt war das eine vernünftige Lösung. Aus den Jahren vor 1521, vor der Vernichtung der Gesellschaft der Mexica also, sind nicht einmal zwanzig Exemplare dieser Texte erhalten. Von den danach entstandenen gibt es Hunderte.

Es gibt Codices, die die Geschichte von Städten und Gemeinschaften erzählen und religiöse Texte, die wie der in der Ausstellung gezeigte Codex Borgia, erklären, was an welchen Tagen zu tun und was zu meiden ist. Es gab auch Liebeslyrik. Die Empfindsamkeit scheint auch bei den Mexica dem Massakrieren weniger im Wege als vielmehr zur Seite gestanden zu haben: „Kleiner Page, mein Kind,/ Du, mein Herr, mein kleiner Liebling Axayacatl,/ Wir verlieren hier nur Zeit,/ Komm her zu mir, knie Dich nieder,/ Lass Deine Männlichkeit sprechen, ohuaye!“ Zu diesem berühmten Lied der Frauen von Chalco, frühen Rapperinnen, gibt es eine Geschichte: Ein berühmter Sänger habe es 1479 vor dem König Axayacatl vorgetragen und den König damit so begeistert, dass der angefangen habe zu tanzen und zu singen und das Lied als eigenes ausgegeben habe.

Wir wissen nicht, wie die Musik der Azteken klang. Aber wir müssen davon ausgehen, dass sie allgegenwärtig war. Und der Schrecken auch bei ihr immer mit dabei. Eine in der Ausstellung zu besichtigende Flöte wurde aus einem menschlichen Oberschenkelknochen geschnitzt. Ihre Herrscher nannten die Azteken Tlatoque. Das heißt: „Die, die gut sprechen“. Die Älteren erinnern sich, dass es einmal einen bundesrepublikanischen Kanzler gab, den Spötter „Häuptling Silberzunge“ nannten. Vielleicht gab es auch unter den Azteken Witzbolde, die, wenn sie Tlatoque sagten, „Häuptling Silberzunge“ meinten. Das hier abgebildete Feuersteinmesser, dem Lippen, Zähne und Auge hinzugefügt wurden, wurde bei Ausgrabungen im Templo Mayor im Zentrum der mexikanischen Hauptstadt entdeckt. Es wurde wohl nie als Messer verwendet. Man weiß nicht, was es bedeutet. Aber man weiß, dass in allen Kulturen Gegenstände belebt, in Personen verwandelt werden. Ja, jeder von uns hat das schon gemacht mit seinem Teddybären oder wenn er einen merkwürdig geformten Stein, ein eigentümliches Holzstück mit nach Hause brachte.

Wir lachen beim Anblick der 15 Zentimeter hohen Persönchen, aber vielleicht sollten sie böse Geister vertreiben. Die großen Augen und die kräftigen Zähne verweisen übrigens auf den alten Wettergott Tlaloc. Vielleicht konnte man ihn so mit sich tragen – als Geleitschutz, als Engel. Bei einem der drei in der Ausstellung zu sehenden Feuersteinmesser sei eine aus dem Mund austretende Sprechblase zu erkennen, steht im Katalog. Man muss sich das Wesen, dieses zur Person gewordene Objekt, also sprechend und singend vorstellen.

Zu den Hauptattraktionen der Ausstellung gehören die beiden Federschilde. Außer ihnen sind weltweit noch zwei weitere erhalten. Sie waren nicht zum praktischen Gebrauch bestimmt, sondern kostbare Auszeichnungen. Sie bestehen aus mehreren Schichten von Baumwolle, Rindenbastpapier und darüber noch einmal mehreren Schichten von Federn. Inés de Castro, die Leiterin des Lindenmuseums, weist darauf hin, dass die Hochzeit der Federarbeiten erst mit dem 16. Jahrhundert beginnt.

Die Spanier fielen, wir sollten das uns klar machen, nicht in eine verfallende, sondern in eine aufblühende, sich in ihrem Reichtum räkelnde und um ihn sich streitende Welt. Die Federobjekte waren in Europa sehr beliebt. Sie „verkörperten in der europäischen Vorstellung insgesamt das indigene Amerika.“ Sie wurden bald auch für den europäischen Markt produziert. Besonders als sie die Formate änderten und christliche Motive zeigten.

Die mexikanische Hochkultur war die erste außereuropäische, die die Europäer zerstörten. Hier begann das Vernichtungswerk, das wir beschönigend Kolonialismus nennen. Hier zerbarst nicht nur das christliche Bild von der Welt und ihren Bewohnern – der allwissende Gott hatte nichts über sie zu sagen gewusst – hier wurde die Ausrottung ganzer Bevölkerungen nicht nur hingenommen, sondern immer wieder auch zum erklärten Ziel der Politik.

Asien war eine bekannte Welt. Die Mongolen waren die Herren eines Reiches, das von Europa bis zu den Küsten Japans reichte. Chinesische Waren hatten Europa schon zur Römerzeit erreicht.

Amerika war dagegen wirklich die Neue Welt. Mit seiner „Erschließung“ erst begann die Globalisierung. Die begann mit einem Massaker. Weniger der Spanier als vielmehr der von ihnen importierten Viren. Die Amerikaner starben millionenfach an Pocken, Masern und Grippe. Die europäische Überlegenheit hatte nichts mit Rationalität, mit Wissen, mit Kenntnissen zu tun, sondern sie war das Werk von Kräften, von deren Existenz sie nichts ahnten. Was Sie für Gottes Willen hielten, waren Viren.

Linden-Museum Stuttgart: bis 3. Mai 2020. Der sehr informative Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen. www.lindenmuseum.de

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