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"Oostzijder Mühle am Abend" entstand um 1907/08.

Museum Wiesbaden

Was die Welt zusammenhält

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Eine gelungene Ausstellung zeigt Piet Mondrians Werke in neuem Zusammenhang.

Wer einmal „Piet Mondrian“ in die Google-Suchmaske unter Bildern eingibt, findet eine Vielzahl geometrischer Formen und die Farben Rot, Blau und Gelb. Meistens in seiner weltberühmten „Komposition mit großer roter Fläche, Gelb, Schwarz, Grau und Blau“ von 1921. Daneben noch einige sehr ähnliche Arbeiten, weitere Abstraktionen und zwei- bis dreimal Mondrians Konterfei. Dieses Suchergebnis spiegelt in umfassendem Maße die internationale Wahrnehmung des niederländischen Künstlers (1872 - 1944) wieder und ist zugleich Zeugnis eines kunsthistorischen Missverständnisses.

Parallel zu seinen berühmten geometrischen Rasterkonstruktionen malte Piet Mondrian (ursprünglich Mondriaan, aber die Franzosen und Französinnen konnten es nicht richtig aussprechen und seine Kunst verkaufte sich schlechter), inspiriert von seiner Herkunft noch an der Realität orientierte Abstraktionen. Diese Werke ebenso wie seine frühen Landschaftsbilder werden in der Kunstgeschichte immer stark von seinen späteren Phase getrennt. Wer beide Stile Mondrians miteinander verknüpfe, nehme seiner späten Phase, so der erhobene Vorwurf, die Progressivität.

Sich dieser Problematik annehmend, hat das Museum Wiesbaden unter dem Titel „Piet Mondrian - Natur und Konstruktion“ eine Sonderausstellung rund um die künstlerische Entwicklung des Malers eingerichtet. So stehen nicht nur jene traditionellen Werke und sein Naturschwerpunkt, sondern auch seine Verwobenheit in die Moderne im Zentrum der Wiesbadener Schau.

Das vertrackte Verhältnis zwischen Realität und Konstrukt wird schon im ersten Raum mit dem ersten Bild der Ausstellung thematisiert. Es ist ein Selbstporträt des Malers, eines von gerade mal zwei je entstandenen, von 1918, das Mondrians Realitätsnähe veranschaulichen soll. Anhand des Bildnisses ist klar zu erkennen, dass Mondrian in späteren Jahren eben nicht nur abstrahierend oder gegenstandslos malte, er brachte durchaus realistische Darstellungen auf die Leinwand. Ganz im Stil niederländischer Meister präsentierte sich der Maler seinen Betrachtern und Betrachterinnen im Profil, doch eine Sache scheint an diesem in Braun gehaltenen Gemälde nicht zu stimmen. Die häufig auf niederländischen Porträts im Hintergrund liegende Landschaft und Weite fehlt, stattdessen umgibt Mondrians Kopf die graue Silhouette eines seiner eigenen Werke. Das hier angedeutete Bild im Bild hängt im ersten Ausstellungsraum direkt gegenüber seines Selbstbildnisses. Die Ansammlung unzusammenhängender rosa, blauer und gelber Vierecke entstand ein Jahr vor seinem Gegenüber und ist ein besonderes Beispiel für Piet Mondrians Abstraktionsarbeiten.

Da hängt sie nun, diese realistische Darstellung eines Menschen umgeben von seiner eigenen abstrakten Kunst. Sie soll zeigen, was im Kopf des Künstlers gerade vorgeht, was ihn umtreibt und es ist auch gleichzeitig der Beweis dafür, dass sich die verschiedenen Phasen seiner künstlerischen Entwicklung nicht so einfach trennen lassen. „Mondrian hat immer auch die Realität wahrgenommen“, beschreibt Roman Zieglgänsberger, der Kurator der Ausstellung, dieses Bild.

Der Stil der bewussten Gegenüberstellung von Mondrians Werken wird weiteren Räumen jedoch durch eine chronologische Abfolge ersetzt. Vom Ende des Ersten Weltkriegs werden die Besucher und Besucherinnen zurückgeführt in die 1890er Jahre und die naturalistische Phase von Piet Mondrian. Gezeigt werden Landschaften mit impressionistischen Zügen und Windmühlen. Das war für die holländische Malerei gewiss kein seltenes Motiv, bekam bei Mondrian aber eine ganz andere Bedeutung. Die Flügel der Windmühle stehen orthogonal zueinander und das daraus entstehende Kreuz lässt die Windmühle wie eine Kirche aussehen.

Das Sakrale und Religiöse beschäftigte den Maler immer wieder in seiner Kunst und es ist einer von vielen Versuchen Mondrians, zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Diese Suche nach dem wahren Kern aller Dinge wird in den folgenden Räumen deutlicher. Die reine oberflächliche Darstellung reichte dem Künstler irgendwann nicht mehr aus, er abstrahierte zunehmend seine Werke, so zum Beispiel einen Baum, der mehr und mehr zu einem Gewirr aus Strichen wird. Auch eine Stadtansicht von Paris, ein kleiner Ausflug in die Architektur, löste er in einem buntes Formengemisch auf.

Der Baum, so Zieglgänsberger, sei Mondrians Weg in die Abstraktion und letztendlich die Gegenstandlosigkeit gewesen. Schon in seinen Frühwerken um 1900 ließ der Maler am Ufer stehende Weiden im Spiegel der Wasseroberfläche ihre Form auflösen und war damit der Essenz der Natur auf der Spur. Diese Experimente führten ihn schließlich irgendwann zu den weltberühmten Werken, die heute für den Namen Mondrian stehen. Sie waren die letzte Stufe auf dem Weg zur kompletten Gegenstandslosigkeit und dienten als Baukästen, aus denen alles Vorstellbare entstehen kann oder eben auch nichts bedeuten müssen.

Museum Wiesbaden: bis 17. Februar 2019. Ein Katalog ist im Wienand Verlag erschienen (144 S., 32 Euro). www.wienand-koeln.de

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