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Hawaii war die letzte Station auf Cooks Lebensreise.

James-Cook-Ausstellung

Die Welt studieren

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Eine große Schau in Bonn erzählt von den Begegnungen weißer Entdecker mit den Bewohnern der Südsee. Bilder und Figuren vermitteln viel von der Faszination des Fremden - und seiner Aneignung. Von Arno Widmann

Ich grüße die hier versammelten polynesischen Götter, möge ihr Geist uns erleuchten!" Das ist der erste Satz des Geleitworts der Kuratorin der größten James-Cook-Ausstellung, die es jemals gegeben hat. Adrienne L. Kaeppler ist eine der besten Kennerinnen der ozeanischen Kunst und Kultur. Sie arbeitet an der Smithsonian Institution in Washington. Sie erinnert uns mit ihrer Anrufung der Götter daran, dass viele der Gegenstände, die wir hier gezeigt bekommen, Kultgegenstände waren.

Wir können sie freilich nur so sehen, wie wir sie sehen, weil sie keine Kultgegenstände mehr sind. Was wir als ihre Schönheit sehen, ist wie ein Nachklang ihrer einstigen Funktion. Jedenfalls mag es dem Gläubigen so erscheinen, als sei das Schöne so etwas wie ein Abglanz des Göttlichen.

Der Ungläubige dagegen lächelt über den Glauben, der etwas, weil es so schön ist, als göttlich betrachtet. Die Schönheit kommt ihm vor wie der älteste und immer wieder überwältigende - niemals aber überzeugende - Gottesbeweis. Die polynesischen Götter mögen die Boten einer fremden Ästhetik gewesen sein. Inzwischen aber hat sie stark eingewirkt auf die der europäischen Moderne. Der heutige Besucher der Ausstellung, sein durch unter anderem Gauguin, Picasso und Nolde geschulter Blick, wurde bereits von ihnen erleuchtet. Die Ausstellung zeigt, was James Cook (1728 bis 1779) auf seinen drei großen Südseereisen (1768 bis 1771, 1772 bis 1775, 1776 bis 1779) gesehen, von Land und Leuten verstanden und von dort mitgebracht hat. Diese Reisen waren große Unternehmungen. Wissenschaftler waren dabei und Maler. Alles wurde detailliert beschrieben, auf- und abgezeichnet. Von der ersten Reise kam Cooks Schiff Endeavour mit etwa 30000 Pflanzen, 1000 zoologischen Präparaten und Hunderten von Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden zurück. So lernte Europa das erste Mal Eukalyptus, Akazie und die Mimose kennen.

Aufklärung und Imperialismus gingen zusammen

Zu den Schönheiten der Ausstellung gehört auch, dass man zum Beispiel das berühmte Porträt sieht, das Joseph Banks zeigt, eine der treibenden Kräfte der Cookschen Unternehmungen - gemalt von Benjamin West -, eingehüllt in einen prachtvollen Maori-Mantel, den man vor dem Bild in einer Vitrine im Original betrachten kann. Man steht davor und denkt an den bedeutenden Botaniker, der, weil er die Welt und nicht die Bücher studieren wollte, niemals einen ordentlichen Universitätsabschluss gemacht hatte, aber zum Präsidenten der Royal Society wurde.

Er hatte freilich auch - das deutet der Katalog an - die Idee, aus Botany Bay in der Nähe des heutigen Sydney eine britische Strafkolonie zu machen. Aufklärung und Imperialismus gingen zusammen. Die Welt sollte ja nicht nur verstanden, sondern auch gebessert, kultiviert werden.

Gleich zu Beginn der Ausstellung stehen beieinander zwei Tischgloben. Der eine aus dem Jahre 1764, der andere von 1783. Dazwischen liegen die Reisen von James Cook und der ihn begleitenden Wissenschaftler und Kartographen. Die Entdeckung des fünften Kontinentes, die Weiten der Südsee.

Aus einer Welt, die allenfalls "Gegenstand der Spekulation" war, ist eine erfahrene und geschaute, eine berührte geworden, eine Welt freilich, die ihrerseits auch ihre Entdecker berührt hatte. Am 14. Februar 1779 wurde Captain Cook von aufgebrachten Bewohnern Hawaiis umgebracht.

Cook war der Auffassung, Bilder vermittelten "eine viel bessere Vorstellung als Worte". Aber das stimmt nicht. Die Gemälde sind gerade darum interessant, weil sie uns klar machen, wie schwer es ist festzuhalten, was man sieht. Zu sehr schiebt sich zwischen den Künstler und den Gegenstand sein Ideal oder doch all das, was er schon gesehen hat.

Ein Eingeborener wie der Kriegsgott Mars

William Hodges´ (1744 bis 1797) "Kriegskanus von Otaheite" (Tahiti) ist ein großartiges Exempel dafür. Die Eingeborenen stehen in den Kanus wie Raffaels Philosophen, einer liegt wie der Kriegsgott Mars mit athletischem nacktem Oberkörper. Links in der Ecke eine Mutter mit Kind, ganz so wie die Maler seit der Renaissance die Heilige Familie auf der Flucht gemalt hatten. William Hodges´ Gemälde ist eine eindrucksvolle (180 mal 274 Zentimeter) Montage, ein Zusammenschnitt aus Vorgefertigtem. Sehr kunstvoll, anspielungsreich und in seiner Weise großartig.

Es zeigt aber, wie sehr unsere Wahrnehmung unseren Projektionen folgen kann. Wie schwer es uns fällt, das Neue zu sehen und darzustellen. Es ist das die an diesem Nachmittag in Bonn entscheidende Lektion. Wenig spricht dafür, dass es einem selbst besser gehen sollte als Hodges. Natürlich auch nicht beim Blick auf diese Bilder.Der Ausstellungskatalog beginnt mit einem Grußwort Ihrer Königlichen Hoheit Prinzessin von Tonga Salote Pilolevu Tuita. Es ist auch inhaltlich das Pendant zum Geleitwort von Adrienne L. Kaeppler. Verneigt sich die amerikanische Museumsfrau vor den polynesischen Göttern, so tut das die polynesische Prinzessin vor den sonst so oft beschimpften großen Museen der westlichen Welt.

Sie schreibt: "Man mag es bedauern, dass diese großartigen Stücke nicht zurück an ihre Herkunftsorte gelangen. Doch wären sie nicht bei den Entdeckungsreisen gesammelt worden, hätte man sie einfach weiter verwendet, verschlissen und schließlich weggeworfen. Dass Cook und seine Mitstreiter die Weitsicht hatten, sie zu sammeln, dass Museen und private Sammler sie über mehr als 200 Jahre hinweg so sorgfältig aufbewahrten, ermöglicht uns heute, die Kreativität unserer Vorfahren zu bewundern."

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn: bis 28. Februar. www.kah-bonn.de

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