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Publikum vor den Hofgarten-Arkaden, München 1937.

"Entartete Kunst"

Auf den Wellen des "gesunden Volksempfindens"

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Vor 80 Jahren begann in München die Ausstellung "Entartete Kunst". Die Ausstellung machte deutlich, was der NS-Staat bekämpfte und was er aus Museen und Sammlungen zu tilgen gedachte.

Einen Tag zuvor war in München das Haus der Deutschen Kunst eröffnet worden. Die  „Große Deutsche Kunstausstellung“ darin zeigte, was das NS-Regime als große, nationalsozialistische Kunst verstand. Sie war nicht nur eine Leistungsschau, sondern auch als Verkaufsausstellung gedacht. Die am 19. Juli eröffnete deutlich kleinere Parallel-Ausstellung „Entartete Kunst“ machte dann deutlich, was der NS-Staat bekämpfte und was er aus Museen und Sammlungen zu tilgen gedachte. Die Ausstellung wurde in München bis zum November gezeigt und wanderte danach – immer ein wenig verändert – durch Deutschland.

Renaissance der deutschen Kunst im Dritten Reich

Diese Parallelaktion ist nicht nur ein Beleg für das agitatorisch-pädagogische Geschick der nationalsozialistischen Propaganda, sondern auch dafür, dass sie wirklich an das glaubten, was sie taten. Sie hielten die im Haus der Kunst gezeigten Gemälde für eindeutige Belege einer großen Renaissance der deutschen Kunst im Dritten Reich. Ebenso evident schien ihnen, dass die in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigten Werke minderwertig, ja krankhaft seien. Für die Kraft, die einige der Werke ausstrahlten, waren die Nazis allerdings nicht unempfindlich. Die war ja auch ein Grund, sie zu beseitigen. Es war die Kraft der Zersetzung. So sahen und so nannten sie das. 

Klaus Graf von Baudissin, einer der Organisatoren der Münchner Ausstellung, hatte schon im Juni 1933 „Novembergeist – Kunst im Dienste der Zersetzung“ kuratiert. Sie war im ehemaligen Kronprinzenpalais gezeigt worden. Prominente Belege waren Arbeiten von George Grosz und Otto Dix. Im September 1933 folgte am gleichen Ort vom gleichen Kurator die Ausstellung mit dem prophetischen oder wohl eher programmatischen Titel „Von Krieg zu Krieg“.

Die Nationalsozialisten liebten das vergleichende Sehen. Immer wieder zeigten sie Werke der gehassten Weimarer Republik und konfrontierten sie mit denen, die unter der Führung des Nationalsozialismus entstanden waren. Sie hatten dabei sehr klare Überzeugungen, die durchaus auch die eigenen Gefolgsleute ins Abseits drängen konnten. Emil Nolde zum Beispiel war Antisemit und ein treuer Gefolgsmann des Führers. Allerdings sah er im Expressionismus eine germanische und nicht eine entartete Kunst. Mit Adolf Zieglers Werken konnte er nichts anfangen. So kam auch Nolde in die Münchner Ausstellung. 

Die Nazis wussten sich in ihrem Kunstgeschmack eins mit der Mehrheit der Bevölkerung. Diese Überzeugung erlaubte, nein, gebot ihnen, ihr Vernichtungswerk in aller Öffentlichkeit durchzuführen. Der Kampf des NS-Staates gegen die moderne Kunst war nichts, das den Nationalsozialismus auszeichnete. Alle möglichen Strömungen der Moderne waren anti-modernistisch. Max Nordau, Mitbegründer der Zionistischen Weltorganisation, war 1892/93 in zwei ungemein erfolgreichen Bänden gegen die „Entartung“ in der modernen Kunst zu Felde gezogen.

Die Ausstellung von 1937 zeigte unter anderem Werke von Max Beckmann, Lovis Corinth, Otto Dix, Max Ernst, Lyonel Feininger, Otto Freundlich, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Franz Marc, Ernst Wilhelm Nay, Emil Nolde und Oskar Schlemmer. Es gab eine Dadaismus-Wand und einen Raum mit Werken jüdischer Künstler. 

Erfolg der NS-Propaganda

Die Ausstellung war ein Riesenerfolg. Die meisten Besucher werden wohl die Auffassung der NS-Propaganda geteilt haben. Aber sicher sind auch viele aus Neugierde hingegangen. Der Anteil derer – wie man nach dem Krieg oft hörte –, die die Ausstellung besucht hätten, um einen letzten Blick auf die Meister der Moderne zu werfen, dürfte verschwindend gering gewesen sein. Man schreibt das so hin, weil man sich erinnern kann, wie viele der Nazigeneration, die um 1920 Geborenen, noch in den 50er und 60er Jahren von der modernen Kunst dachten. Aber es gibt keine empirischen Daten über den Kunstgeschmack jener Jahre. 

Einen Faktor darf man aber, glaube ich, nicht nur nicht übersehen. Man muss ihn vielmehr groß veranschlagen. Die Schmähkritik. Das Herabsetzen von Dingen, von denen man keine Ahnung hat, ist ein äußerst beliebter Volkssport. Den dicken Mann machen und darauf hinzuweisen, „das ist doch keine Nase“, fällt leicht und macht Spaß. Noch schöner ist es, wenn keiner einem dabei widersprechen kann, weil der große Bruder Staat einem nicht nur Recht gibt, sondern einem die Worte, bevor man sie denken konnte, schon von den Lippen genommen und selbst gesagt hatte. 

Nicht nur die Worte, sondern auch Ton und Unterton, das Schneidig-Drohende inbegriffen. Der Stammtisch war Reichskanzler geworden. Wer keine Ahnung hatte, hatte Recht.

Wir haben das schon immer gewusst, aber wir haben – blicken Sie in die Geschichtsbücher! – die Bedeutung, das Gewicht dieser Haltung unterschätzt. Der Erfolg Donald Trumps öffnet uns jetzt die Augen für diese wichtige Dimension der nationalsozialistischen Propaganda und ihres Erfolges. Der ja darauf beruht, dass sie gerade nicht die Wahrheit sagt, sondern ein weit verbreitetes Vorurteil aufgreift und bestärkt. 

Mit der Ausstellung „Entartete Kunst“ stellte sich die NSDAP nicht gegen die Mehrheit der Bevölkerung, sondern surfte geradezu auf den empörten Wogen des gesunden Volksempfindens. Unter den Bildern stand, zu welchen Beträgen sie angekauft worden waren. Des Besuchers Steuergeld war für so offensichtlich dilettantische Werke verschwendet worden, während Meister wie Ziegler, einer der Organisatoren der Ausstellung und gleichzeitig mit seinem Aktbild „Die vier Elemente“ in der NS-Kunstausstellung vertreten, ohne den Führer niemals auch nur Kunst hätten studieren können.

Wer Lust hat, mag ins Internet gehen und Zieglers Triptychon mit Franz Marcs „Turm der blauen Pferde“ vergleichen. Letzteres war einer der Glanzpunkte in der Ausstellung „Entartete Kunst“. Das Werk ist heute verschollen. Letzter Besitzer war Reichsmarschall Hermann Göring. Ob er ahnte, was für ein Meisterwerk es war, oder ob er nur dachte, es nach dem Krieg für Unsummen verkaufen zu können, weiß ich nicht. 

Der Kampf gegen die moderne Kunst ist ein Kampf innerhalb der Moderne. Man konnte das damals sehr gut in Italien und in der Sowjetunion beobachten. In beiden diktatorischen Regimen ging es immer auch darum, was die richtige, dem Regime entsprechende Kunst sei. Die Sowjetunion driftete immer mehr in eine mit dem NS-Regime weitgehend übereinstimmende Ästhetik. Der italienische Faschismus bediente sich bis zum Ende einer deutlich breiteren Palette.

Wer nicht ein Votum für ein paar wichtige Entscheidungen, sondern die Herrschaft über die Köpfe anstrebt, der wird immer bestimmen wollen, was wahre Kunst sei. Denn sie ist eines der Medien, mit denen wir einander weniger sagen als vielmehr fühlen lassen, was noch möglich ist über das hinaus, was eh schon ist. Die Kunst ist auch ein Ort der Utopie. Sie führt über die Gegenwart hinaus in die Zukunft, ins Unbekannte.

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