1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Weitermachen, Jula malen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Selbstbildnis, 1923.
Selbstbildnis, 1923. © Jüd. Museum Ffm, Shmuel Elen, Foto: Ursula Seitz-Gray

Das Museum Giersch in Frankfurt erinnert an den Maler Eric Isenburger und seine Frau, die Tänzerin Jula Isenburger.

Die gemeinsame Geschichte von Eric und Jula Isenburger, damals noch Erich Isenburger und Anna-Jula Elenbogen, begann im Frühjahr 1925 mit einer Zufallsbegegnung in der Eschersheimer Landstraße 57. Er, 22, Sohn aus jüdisch-bürgerlichem Frankfurter Hause, ist gerade noch Student an der Frankfurter Kunstgewerbeschule, die sich seit neuestem (1923) Frankfurter Schule für freie und angewandte Kunst nennt. Sie, 17, kürzlich erst aus dem heute polnischen Augustow angereist und zur Zeit zum Kinderhüten bei einem Onkel und bekannten jüdischen Gelehrten, ist des Deutschen nicht mächtig. Der Zufall ist so groß, auch will Erich Isenburger nach Barcelona, dass man sich erst noch einmal ein wenig aus den Augen verliert. Dann nicht mehr. Kurz nach der Hochzeit (für die es Beharrungsvermögen braucht, Erichs Verwandte wollen das nicht, dazu ist Jula noch nicht volljährig) gehen sie nach Wien, Anfang der dreißiger Jahre nach Berlin.

Er malt, und sehr gerne malt er sie. Sie beginnt eine Tanzausbildung – unter anderem bei der bekannten Choreografin Gertrud Kraus – und fängt an, als Ausdruckstänzerin zu arbeiten. Es fällt dem Museum Giersch in seiner neuen Ausstellung nicht schwer, etwas von der privaten Aufbruchstimmung dieser Zeit zu vermitteln. Jugend und erste ermutigende Erfolge helfen weiter, die Bilder des jungen Malers wirken auch eigentlich gar nicht vortastend oder erprobend, sondern geradlinig und entschlossen. Eines seiner Vorbilder ist Pierre Bonnard, das sieht man, und auch Isenburger und Bonnard sieht man später zusammen auf einem Foto von 1941.

Dass er Henri Matisse ebenfalls persönlich kennenlernte, zieht Fäden zur derzeitigen Städel-Ausstellung ein paar Häuser weiter. Darum geht es aber nicht. Die von Susanne Wartenberg kuratierte Schau „Eric und Jula Isenburger. Von Frankfurt nach New York“ versteht sich als Beitrag der Frankfurter Goethe-Universität – zu der das Museum heute gehört – zu den Jüdischen Kulturwochen und ist das sichtbare und anschaulichste Ergebnis einer jahrelangen, jahrzehntelangen Recherchearbeit. Eindrucksvollerweise gibt es eine offenbar rege Eric und Jula Isenburger Gesellschaft in Neuburg an der Donau, die ein Isenburger-Archiv führt. Das braucht es für ein von Flucht, Verfemung und Krieg alsbald auseinandergerupftes Werk.

Aufbruchstimmung: Anfang 1933 widmet der Berliner Galerist Wolfgang Gurlitt (Cousin von Hildebrand G.) Isenburger eine Ausstellung. Galerist und Künstler sehen das damals und auch im Nachhinein als ersten echten Durchbruch für Isenburgers Werk. Dann erscheint ein antisemitischer Hetzartikel gegen die Bilder, der Gurlitt aufschreckt. Er empfiehlt den Isenburgers die Flucht. Mit leichtem Gepäck reisen sie in der Nacht des 31. März 1933 nach Paris.

Es sei gewesen, erklärte Jula Isenburger Jahrzehnte später über diese erste Zeit unter deutschen Flüchtlingen in Frankreich, „als schwebte man in der Luft“. Oder als komme ein Zug zu spät. Aber er komme ja trotzdem, also müsse man eben eine Weile warten. „Daher machten sie genau das – sie saßen alle in Cafés und warteten darauf, nach Hause zu fahren. Und langsam begann es jedem klar zu werden, dass sie nicht nach Hause zurückkehren würden.“

Eine scharfe Zäsur in der Biografie, eigenartigerweise nicht im Werk. Die Isenburgers sind auf finanzielle Hilfe angewiesen, wissen nicht, wie lange sie bleiben können, wie es weiter geht, was als nächstes kommt – existenzielle Planungsunsicherheit, vermeidbarer, aber nicht vermiedener Flüchtlingsalltag bis heute. Ansonsten arbeiten sie weiter. Er unterstützt ihre Versuche, als Tänzerin Fuß zu fassen, mit fabelhaften Plakatentwürfen (angewandte Kunst, das Studium hat sich also doch gelohnt), darüber hinaus scheint alles wie immer zu sein: Er malt, sie tanzt, sie verbringen Zeit in Stockholm, wo er Einzelausstellungen bekommt. Um Geld zu sparen, ziehen sie nach Südfrankreich – er malt mit nacktem Oberkörper, beiden blinzeln in die Sonne.

Nach dem Einmarsch der Deutschen werden die Isenburgers, wie viele jüdische Flüchtlinge, als deutsche Staatsangehörige interniert. Er zeichnet seine Mitinternierten, kommt frei, wird erneut interniert, kann fliehen. Sie sitzt in einem Frauenlager, nach gelungener Flucht gelingt es ihnen, sich mit der Hilfe von Verwandten ein amerikanisches Visum zu beschaffen.

Über Lissabon gelangen sie nach New York. Hier leben sie von 1941 bis zu ihrem Tod, Eric stirbt 1994, Jula 2000. Eine USA-Karte im Katalog zeigt die zahlreichen Orte, an denen er ausstellt, er gewinnt Preise, er malt Jula. In seiner Heimat könnte er vergessener nicht sein. 1962 stellt sein alter Galerist Gurlitt ihn noch einmal in München aus – die Isenburgers kommen dafür nach Deutschland. Über Jahrzehnte bemüht sich Eric Isenburger mit wenig Erfolg um Entschädigungszahlungen. Das Argument, 1933 berufsschädigend aus der Bahn geworfen worden zu sein, stößt auf wenig Verständnis. Sein Anwalt schreibt 1963: „Offenbar ist der Entschädigungsbehörde nicht mehr die Atmosphäre in Erinnerung, die sich nach der Machtergreifung im Januar 1933 gerade bezüglich der freischaffenden Künstler (…) entwickelt hat.“ So wird es wohl sein (dass sich die Entschädigungsbehörde nicht daran erinnert). Der heutige Leser erinnert sich dafür an Ursula Krechels Roman „Landgericht“. Es entsteht nicht der Eindruck, dass die Isenburgers verbittern. Nahe Verwandte von Jula, darunter ihre Mutter, sind im Holocaust ermordet worden. Eric malt Jula und malt sie noch einmal.

Die kleinen Säle im Museum Giersch zeigen wieder sehr geschickt eine thematische und zugleich chronologisch verständliche Retrospektive. Ein Raum voller Julas, schön und empfindlich und manchmal eine Spur von oben herab betrachtet. Ein weiterer Raum voller Porträts, die klassisch modern sind und sehr souverän. Ein weiterer Raum voller Selbstbildnisse, gerne mit Pfeife, nicht überinszeniert, aber selbstbewusst.

Sind die Porträts insgesamt die stärkste Seite von Isenburgers Werk, zeigen Stillleben und Landschaften ihn doch ebenso als Könner. Interessant, wie oft er übermalt – wohl auch aus finanziellen Gründen, vermuten die Experten – und das Vorher sorglos oder kalkuliert durchscheinen lässt. Dass das Vielschichtige nicht ein Bild für die Kompliziertheit des Lebens sein muss, sondern einfach eine Tatsache sein könnte, die gleichwohl geheimnisvoll bis ins Gespenstische wirkt – zu wem gehört das Auge dort? –, ist ein besonderer Reiz. Der vorzügliche Zeichner Isenburger beeindruckt. Dass er kein Künstler der großen Wandlungen zu sein scheint, lässt sein Werk nach dem Krieg zunehmend aus der Zeit fallen. Aber auch jetzt unterhalten sich die Museumsbesucher sofort interessiert.

Jula, als Modell allgegenwärtig, ist auf zahlreichen Fotografien beim Tanzen zu sehen. Man lernt sie von allen Seiten kennen, und im obersten Stock sind noch dazu Filmausschnitte von einem Interview aus dem Jahre 1998 zu sehen. Hier wird deutlich, was alles erst einmal abgefragt werden musste – wann wurde sie geboren, wann kam sie nach Deutschland? Hinter der 90-jährigen Jula Isenburger über dem Sofa hängt ein besonders schönes Jula-Gemälde.

Auch interessant

Kommentare