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James Turrell, "Stone Sky, Stonescape", 2005.

James Turell

In wechselndem Licht unterwegs zu sich selbst

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Begegnungen mit James Turrell und seiner Kunst zwischen Arizona und Baden-Baden.

Während des ersten persönlichen Zusammentreffens mit James Turrell kam es zu einem äußerst kritischen Moment, der zunächst direkt nichts zu tun hatte mit dessen Kunst. Es geschah im heißen Sommer vor dreißig Jahren in der Wüste von Arizona, in der Nähe von Turrells Wohnort in Flagstaff, wir waren unter Führung des Künstlers mit zwei Fahrzeugen aufgebrochen zu der vulkanischen Erhebung, die er in der schier endlosen Weite der Prärie erwählt hatte für das „Roden Crater Project“, ein Werk, das ihm bis heute als das für ihn wichtigste gilt. Noch in Flagstaff wies Turrell auf den tückischen Treibsand hin, der für die knapp zweistündige Fahrt ein Risiko darstelle: Daher werde er, gelangte man eine solche Stelle, vorausfahrend den Chauffeur des nachfolgenden Wagens seiner Gäste mit einem Handzeichen stoppen lassen und sich selbst ans Steuer setzen. 

Als nun tatsächlich eine entsprechend schwierige Passage erreicht wurde und Turrell also, nachdem er selbst das Sandloch mit einem geländegängigen Pickup durchquert hatte, anhielt, empfand der Fahrer des zweiten Wagens (der Verfasser) den Vorschlag Turrells, ihn abzulösen, als Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten und fuhr mit durchgetretenem Gaspedal selber los, kam sogar durch – dann aber versagte der versandete Motor des offensichtlich nicht wüstentauglichen Ford, den Turrell später aufwändig bergen ließ. Er war, begreiflich, zu erleben im Zustand zornigen Unmuts. Wir waren dicht am Abbruch eines kaum initiierten Kontakts.

Dann hat er aber doch, einige Stunden lang, das Vorhaben „Roden Crater“ vor Ort ausführlich erläutert. Alles war damals noch am Anfang. Turrell hatte den vulkanischen Hügel von einem Flugzeug aus entdeckt und Zug um Zug die Idee entwickelt, Schächte einzugraben, von denen aus, möglichst am Boden liegend, bei Tag wie bei Nacht Ausschnitte des Himmels konzentriert wahrzunehmen wären. Turrell erzählte damals, dass sich ihm der Gedanke aufgedrängt habe in der Schmerzphase einer persönlichen Krise, die er als Lebenskrise erlitt. Die Aufenthalte in einem der (anfangs wenigen und schmalen) in den Hügel gegrabenen Schächte und der Blick nach oben, fixiert auf nur ein niemals sich gleichbleibendes Segment des Himmels hätten ihn gelehrt, sagte er, wie einsam der Mensch auf dem Globus sei, ausgesetzt in der Unendlichkeit des Universums. Wir sind am folgenden Tag mit ihm an den Grand Canyon gefahren, er bestand darauf, den Blick in die Höhe in einen Zusammenhang zu bringen mit dem Blick in die jahrtausendelang von den Wassern des Colorado-Rivers ausgewaschenen Tiefen der Erde. 

Es war am Grand Canyon, dass Turrell, vergessen sein Unmut vom Vortag, überzeugt werden konnte, nach Frankfurt zu kommen, um das neue Museum für Moderne Kunst zu dessen Eröffnung zu umfangen mit Schleiern aus Licht in wechselnden Farben. Er ist auch wirklich gekommen, wollte aber, obsessiv vernarrt in Fluggeräte, honoriert werden mit einem Segelflugzeug aus einer international hoch renommierten Werkstatt in Neu Isenburg – das wäre jedoch so teuer geworden, dass selbst Hilmar Hoffmann nicht glaubte, es im Kulturausschuss durchsetzen können. Es befinden sich aber inzwischen ein Lichtraum und einige graphische Blätter von Turrell im Bestand des MMK. 

Seit jenen frühen Jahren hat Turrell die Strukturen des noch immer nicht abgeschlossenen Projekts in Arizona, das international zu den bedeutendsten der Land-Art zählt, weiter und weiter präzisiert und neuerdings sogar Möglichkeiten für den öffentlichen Zugang schon teilweise verwirklicht. In der Turrell gewidmeten, sehenswerten Ausstellung im Museum von Frieder Burda in Baden-Baden ist der gegenwärtige Zustand und sind die Pläne für die Zukunft vorzüglich dokumentiert. Es soll nahebei sogar ein Gästehaus gebaut werden. Wie sich das mit der ursprünglichen Idee vertragen soll, ist nicht leicht zu erkennen. Aber jedenfalls wird niemand mehr bei der Anreise durch Treibsand behindert werden. 

Das Roden-Crater-Project hat Turrells heute weltweiten Erfolg entscheidend vorbereitet. Kaum ein Museum, das auf sich hält, ohne einen Lichtraum. Auch kaum eine größere Stadt mit Sinn für Kunst im öffentlichen Raum ohne einen Sky-Space – das sind Bauten, die sich gen Himmel öffnen und das Licht im Innern sich wandeln lassen im Lauf des Tages. Besonders gelungen an dem von Turrell dafür ausgewählten und von der Salzburg Foundation dort realisierten Standort auf dem Mönchsberg hoch über der Salzach. 

Das bis dahin überhaupt umfassendste Erlebnis der Ideenwelt Turrells, seiner Räume schaffenden und zugleich im Zusammenspiel von Licht und Farbe deren Begrenzung auflösenden Kunst, hatte 2009 der unvergessene Markus Brüderlin, früh verstorben, in Deutschland, im Museum in Wolfsburg ermöglicht. Mit enormem Aufwand aber auch außerordentlichem Erfolg: Die immer nur für kleine Besuchergruppen begehbaren Installationen der Lichträume wurden vom Publikum geradezu belagert, es konnte scheinen, als wollten alle aus der realen Welt sich flüchten in eine Zone aus Licht und Farbe, in der sie auch befreit würden von der Last, die sie mit sich selber haben. 

Es geht im Burda-Museum jetzt angemessen ruhiger zu. Auch hier musste – wie ebenso im Jüdischen Museum in Berlin, wo Turrell derzeit auch zu Gast ist – im Haus erheblich umgebaut werden, um auf drei Etagen immerhin vier Lichträume von hoher Intensität der Wirkung entstehen zu lassen. Technisch wird sie erreicht durch den Vorgang sachter Farbwechsel, die oft wie Nebel heraufziehen, die sich verdichten – und sich auflösen, um anderen Tönungen zu weichen. Wobei alle räumlichen Grenzen überwunden scheinen. 

Keine Einfassungen mehr, alles nur Licht und endlose Weite. Ortloser Ort. Eine Besucherin staunend betört: Sie stelle sich so den Himmel vor. 

Es ist eine versöhnlich Kunst. Aber doch auch wieder nur harmonisch nicht. Was Turrell nämlich einst zu dem Projekt in der Wüste von Arizona motivierte, ist bis heute Antrieb seiner Arbeit geblieben und das Ziel: die unnachgiebige Behauptung einer Art der Wahrnehmung, die nach innen geht, den Weltenlärm transzendiert in der Erfahrung von Einsamkeit – Samuel Becketts „Allein wie ich immer war“. Trost und Klage in eins. 

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