Karla Hiraldo Voleau: „Yusuke Has Nothing to Tell to Anyone“.
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Karla Hiraldo Voleau: „Yusuke Has Nothing to Tell to Anyone“.

Fotografie Forum Frankfurt

Was die Dinge mitteilen können

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt Arbeiten dreier junger Stipendiaten: Karla Hiraldo Voleau, Tobias Kruse und Mika Sperling.

Das dreckige Hinterteil einer auf der Wiese liegenden Kuh, ihr Bauch wirkt seltsam aufgebläht, möglicherweise ist sie tot. Ein Regenwurm mit Ausstülpungen, Deformationen. Ein Pferdeauge, auf dem die Fliegen sitzen. Der nackte, eingefallene Rücken eines Mannes, seine Schulterblätter stehen spitz ab wie Haiflossen. Eine Narbe. Ein blutiger Schnitt. Finger, die eine weiße Tablette teilen. Ein bleicher Pilz, der aus einem Riss in der Straße wächst. Immerhin ein Reh, das die Betrachterin ansieht, aber auf Tobias Kruses Schwarz-weiß-Aufnahme ist es fast schwarz, schemenhaft, ein Umriss, ein Geisterreh.

Wie die beiden Fotografinnen Karla Hiraldo Voleau und Mika Sperling, deren Arbeiten derzeit ebenfalls im Fotografie Forum Frankfurt ausgestellt sind, ist der 1979 in Waren geborene Kruse Stipendiat des „Recommended Olympus Fellowship“, das 2017 von Olympus ins Leben gerufen wurde, gemeinsam mit dem Fotografie Forum, dem Foam Fotografiemuseum Amsterdam und dem Haus der Photographie Hamburg. Die Stipendiaten haben ein Jahr, um eine Ausstellung zu erarbeiten, begleitet von einem Kurator oder einer Kuratorin.

Tobias Kruse hat seine Hässlichkeit und Verfall, aber auch das ganz normale Leben einfangende Fotoreihe „Deponie“ genannt, denn Ausgangspunkt seiner 8000 Kilometer langen Reise durch die östlichen Bundesländer war die Deponie Schönberg, auf der der Westen von 1979 an billig Sondermüll entsorgte und in deren Nähe Kruse aufgewachsen ist. Es sind fotografische Blicke auf die Ritzen und Fugen (und manchmal kommt ein Pilz raus), auf blätternde Wände, Giftschlacken, blasse Gesichter.

„I Have Nothing To Tell You“ überschreibt Karla Hiraldo Voleau, geboren 1992 in der Dominikanischen Republik, ihr fotografisches Projekt. Sie flog nach Tokio, versuchte, sich auf Hausdächer zu schleichen, lernte junge Japanerinnen und Japaner kennen, begann, ihnen Geheimnisse anzuvertrauen, bot sich ihrerseits als Kummerkasten an, ließ ihre neuen Bekannten Dinge auf ihren Körper schreiben und hielt diese Aktionen mit ihrer Kamera fest. So dass man zum Beispiel einen jungen Mann sieht, der auf der Seite liegt, seine angewinkelten Unterarme tragen Schriftzeichen. Der Unterarm einer unsichtbaren Person reckt sich in den Himmel, als wolle er eine Botschaft verkünden. Auch Rücken und Wangen werden beschrieben; auf einem Bild wirft Karla Hiraldo Voleau einen Blick über ihre nackte Schulter, ein Männerarm im Streifenhemd hält einen Stift. Mitteilungen über Leben und Liebe erhalten eine andere Qualität, ein anderes Gewicht, selbst wenn man sie anschließend abduschen kann.

Mika Sperling, die 1990 in Russland geboren wurde, aber in Deutschland aufgewachsen ist und eine vietnamesische Schwiegermutter hat, beschäftigt sich in ihrem nun im Fotografie Forum ausgestellten Projekt „Mother Tongue“ (Muttersprache) mit ihrer eigenen multikulturellen Familie. Sie suchte nach Unterschieden, nach Gemeinsamkeiten, wie Tobias Kruse ging sie oft ins Detail, ohne dafür zu reisen. Es sind häusliche Szenen: Ein Kopf-Ausschnitt mit Lockenwicklern. Nippes auf einer Vitrine. Essensschalen auf einem Tisch. Die Striche neben einem Türrahmen, mit denen das Wachstum der Kinder dokumentiert wird. Es sind ganz private und gleichzeitig allgemeine Bilder, denn wer aus einer bestimmten Generation wird sich nicht an eine Mutter oder Großmutter mit Lockenwicklern im Haar erinnern. Oder an die Bleistiftmarkierungen, neben die die Eltern 132 oder 141 schrieben.

Alle drei für das Stipendium Ausgewählten haben sich mit den eigenen Wurzeln beschäftigt, mit der Frage, woher sie kommen und was das für Auswirkungen auf ihr Leben hat. Die Bilder sind komponiert, wirken aber auch wie Momentausschnitte, als habe die Fotografin, der Fotograf, auch bei den unbelebten Gegenständen gerade im richtigen Augenblick hingesehen. Als habe er sie gleichsam erwischt, so dass sie nun der Betrachterin bedeutsam und vielsagend erscheinen.

Fotografie Forum Frankfurt: bis 25. Oktober. www.fffrankfurt.org

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