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Das Lager Benako in Tansania 1994. Aus dem Fotoband „Exodus“ von Sebastião Salgado.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Fotokünstler Salgado erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

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Der Friedenspreisträger Sebastião Salgado hat in den 90er Jahren mit seinen Bildern das Elend von Flüchtlingen sichtbar gemacht. An der Not hat sich wenig geändert.

Die Welt mit Licht und Schatten immer wieder neu schreiben, so berichtet die Stimme aus dem Off, es sind Worte von Wim Wenders. Mit tastenden Gedanken beginnt der Filmemacher seinen Dokumentarfilm über den Fotografen Sebastião Salgado, um, noch ist die Leinwand schwarz, seine Hörer auf den Uranfang des Wortes Fotografie aufmerksam zu machen: auf das griechische Wort „photós“ für Licht; auf das griechische „graphein“ für schreiben, malen. Denkbar bescheiden beginnt der Verehrer des Schwarzweißfilms, während ein schwaches Licht über die schwarze Leinwand huscht, sein Porträt über den magischen Lichtbildner aus Brasilien.

Fotograf Salgado erhält Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Auch unter dem Eindruck des Dokumentarfilms „Das Salz der Erde“, den Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgado, der Sohn des Fotografen, 2014 bei den Filmfestspielen von Cannes präsentierten, wurde Salgado der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt. Zur Begründung hieß es gestern, mit Salgado zeichne man einen „Bildkünstler aus, der mit seinen Fotografien soziale Gerechtigkeit und Frieden fordert und der weltweit geführten Debatte um Natur- und Klimaschutz Dringlichkeit verleiht.“ Mit seinem fotografischen Werk nehme er „die durch Kriege oder Klimakatastrophen entwurzelten Menschen“ ebenso in den Fokus wie das Schicksal von Arbeitern und Migranten, die Lebensbedingungen indigener Völker, die „geschändete Erde ebenso wie ihre fragile Schönheit“.

Im Kafue-Nationalpark von Sambia (aus dem Band „Genesis“).

Wiederum von Wenders stammt der Gedanke, dass es Salgado bei seiner Arbeit nicht um Effekte gehe, sondern bei seinen Fotos um „Eintauchen“ – man könnte es auch Versenkung nennen. Gegenstand dieser Versenkung sind seit rund 40 Jahren, seit den Anfängen der Augenzeugenschaft dieses Fotografen, Menschengesichter oder Leguankrallen gewesen, tief gefurchte Rinden von Urwaldriesen oder ein gleißender Gletscher, die anorganische Natur einer von Wind und Wetter gegerbten Hochgebirgslandschaft oder die aufgeplatzten Lippen eines verhungerten Kindes.

Sebastião Salgado ist in der Welt weit herumgekommen, bewundernswert weit, beängstigend weit. 1944 geboren, floh Salgado zusammen mit seiner Frau Leila aus dem Brasilien der Militärs. Die Karriere als Globetrotter für die Weltbank brach er ab, die Legende sagt, dass ihm seine Frau ihren Fotoapparat überließ, so dass er fortan die Welt durch ein Objektiv sah, mit anderen Augen.

Bereits im politisch aufgewühlten Paris der 70er Jahre machte sich der Fotograf einen Namen, 1979 nahm die Agentur Magnum den Begabten auf. Salgado ereilte „Reporterglück“, als er im März 1981 das Attentat auf Ronald Reagan dokumentierte.

Sebastião Salgado: Genesis. Taschen Verlag. Köln 2019. 520 S. 60 Euro.

Salgado hat gelegentlich erzählt, dass ihm nie „ein einzelnes Bild wichtig war. Es war immer eine Sequenz von Bildern, eine Geschichte, die ein Ereignis beschreibt.“ Aus dieser Haltung heraus hat er sich Zeit genommen, jeweils über Jahre hat er seine Anliegen verfolgt – Langzeitprojekte. Die Bilder, die Sebastião Salgado (sich) von der Welt macht, wollen Weile haben. Das macht die Dinge, die er zeigt, nicht gut, aber die Fotos bestechend genau. Die Naturbilder häufig verstörend schön, die Sozialfotografie verstörend schrecklich.

Der tiefere Grund, dass den Betrachter die Fotos nicht gleichgültig lassen, ist jedoch nicht so sehr die Schönheit der Naturaufnahmen, sondern vielmehr deren Erhabenheit. Das Hinreißende und das Erschütternde sind ein Paar seit den Tagen einer klassischen Ästhetik. Der Aufbau des Salgadokosmos ist akribisch komponiert – und die sicher am stärksten ästhetisierten Bilder brachte Salgado von den Ölfeldern Kuwaits mit, die Saddam Hussein anzünden ließ. Ein flammendes Inferno in der Wüste. Der Nerobefehl des Diktators verfinsterte die Sonne, in einem Kunstlicht wurde der niedergehende Ölfilm den Feuerwehrmännern zu einer zweiten Haut.

Salgado setzt sich dem Unerträglichen aus 

Aufgemacht hat sich der Augenzeuge immer wieder als Archäologe, und Archäologie, ernsthaft betrieben, verlangt Akribie – und Feingefühl. Eine „visuelle Archäologie des Industriezeitalters“ hat Salgado, der nüchtern über seine Arbeit Auskunft geben kann, diesen Zyklus genannt. Von 1986 an suchte er Plantagen und Automobilfabriken auf, einen Schlachthof, Schiffswerften und Schiffsabwrackanlagen – fünf Jahre lang bereiste er für 40 Reportagen 25 Länder, und fasste sie in einem seiner Bücher zusammen. Ein besonders berühmtes, „Gold“, in diesen Tagen in einer weiteren Auflage des Taschen Verlages veröffentlicht, entstand in den Minen von Serra Pelada, Brasilien, einem Ballungsraum irrwitziger Hoffnungen für 50 000 schürfende und wühlende Arbeiter. Inmitten geradezu ameisenartiger Aktivitäten exponierte Salgado immer wieder Einzelporträts, auch das eines Arbeiters, der an einem langen Holzpfahl lehnt. Wie an einem Schandpfahl?

Landflucht durch die Anden von Ecuador (aus dem Band „Exodus“).

In den Dokumenten Salgados zeigt sich häufig eine metaphorische Dimension, und in der Metapher nicht selten eine religiöse. Lehnt an dem Pfahl ein Märtyrer? Gewiss kein Säulenheiliger des Goldrausches, wohl aber ein herausgehobener Protagonist in einem Wimmelbild des Raubbaus, komponiert nach den höllischen Raffgierszenen eines Hieronymus Bosch. Anders als beim Vorbild ist es kein leuchtend greller Albtraum, sondern eine Welt aus Grau in Grau, aus einem Grau jedoch in unendlichen Nuancen und Variationen, wie in den Kupferstichen der Großmeister dieser Kunst. Ohne Licht gibt es kein Grau. Im Grau entdeckt er Motive der christlichen Ikonografie. Ein Bauer an der Seite seiner Frau trägt mit verschränkten Armen einen Hund als die einzig verbliebene Habe. Neben einem an einer Wand aufgehängten Jesusbild hält ein junger Mann ein Kleinkind auf seinem Arm – eine Pietà. Der Hund auf der Grabplatte eines mexikanischen Friedhofs verharrt wie ein Wächter über dem Reich der Toten, halb Zerberus, halb Sphinx. Das Reservoir, aus dem Salgado seine Metaphern schöpft, ist global.

Nicht dem anekdotischen Schlaglicht ist er hinterher, vielmehr will er, wie die von seiner Frau zusammengestellten Sammelbände im Taschen Verlag zeigen, den epischen Moment festhalten. Aus jedem einzelnen Foto spricht eine lange Annäherung und beharrliches Verharren. Verharren und Versenken. So zeigen es zwei Großaufnahmen von Händen und Füßen. Zwei raue Hände, aus denen Teeblätter wachsen wie aus einem rissigen Gefäß im Hochland von Ruanda. Zwei verstümmelte und verhornte Füße in Sandalen im Hochland der Anden. Gequälte Extremitäten. Großaufnahmen, ohne den Abgebildeten auf den Leib zu rücken, auch nicht den toten Kindern von Crateus, im Nordosten Brasiliens, die wie Porzellanpüppchen in ihrem Sarg liegen und mit offenen Augen, auf dass sie den Weg in den ihnen prophezeiten Himmel besser finden.

Verharren und versenken. Den Vorwurf, er verkläre in seinen Aufnahmen die Not und das Unrecht, mag man angesichts seiner rücksichtsvollen Nahaufnahmen nicht teilen. Salgado hat sich bei seiner Augenzeugenschaft häufig dem Unerträglichen ausgesetzt, auf kargem Vulkangestein, unter Zeltplanen, an Eisenbahnschienen entlang. In den Lagern der Verhungernden in Äthiopien, in den Feldlazaretten der Cholera-Kranken von „Ärzte ohne Grenzen“, in den Rettungscamps der Überlebenden des Jugoslawienkriegs. Auf einem Acker Kroatiens steht ein Kind, verloren im Vordergrund auf einer schmalen Schneise, die die Schollen teilt. Der Junge reibt sich das rechte Auge, reibt er sich Tränen aus den Augen? Im Hintergrund, horizontal aufgereiht, Eisenbahnwaggons, zur Verfügung gestellt von der Hilfsorganisation Cap Anamur aus Beständen der Deutschen Bahn. Nein, kein Deportationszug, wie man zunächst zusammenzuckt, sondern ein mobiles Flüchtlingscamp. Und doch bilden die Waggons eine Demarkationslinie unter einem weiten Himmel, gleichgültig und grau.

Sebastião Salgado:  Exodus. Neuausgabe. Taschen Verlag, Köln 2016. 432 S., 50 Euro.

Der Fotograf hat die Verdammten dieser Erde begleitet, Bahnhöfe in Indien oder die Sahelzone aufgesucht. Er war an der Seite von Hungernden und hat sich über Todkranke gebeugt. In immer wieder neuen Anläufen hat er sich über Jahre nach Ruanda aufgemacht, um Ansichten vom Genozid festzuhalten. Die Grausamkeiten sind bereits geschehen, keine Momentaufnahme eines Mordes, nicht den Totschlag hat er dokumentiert, wohl aber wie Bulldozer Leichen zu Bergen aus Leibern auftürmen, leblose Körper aus Schaufeln auskippen wie aus Krallen. Auf einer Strecke von 150 Kilometern Leiche an Leiche in Ruanda, von Macheten niedergemacht. Die Mörder haben in einem Kirchenraum gewütet, in einem Klassenraum. Salgado hat die Gräuel über Monate beobachtet – im Film spricht Wenders davon, Salgado habe ins „Herz der Finsternis“ gesehen. Dann eine Schwarzblende.

Die Essayistin und Kennerin der Fotografie, Susan Sontag, hat Salgado vorgeworfen, seine Fotografien machten Elend und Schrecken konsumierbar. Der nicht weniger eminente Fotokenner und Schriftsteller John Berger setzte sich im Jahr 2012 an die Seite Salgados, um an einem großen Tisch Schreckensfoto für Schreckensfoto anzuschauen. Berger sah Opfern, darunter Kindern aus Mozambique, in die Gesichter. Wie sie in die Kamera blickten, sagten sie: Hier bin ich. Für Berger sagte jedes Gesicht: Ich bin hier, ich existiere. In die Kamera blickend, adressierten sie an die Welt die Frage: Und wer bist du?

Sein Buch „Exodus“ zeigt Verkrüppelte in Kabul oder Landminenopfer in Angola. Flüchtlinge auf der nächtlichen Straße von Gibraltar, Boatpeople in Vietnam. Salgados Fotos halten Vertriebene fest hinter Stacheldraht und Gittern. Nature morte der Migration. Der Fotoband war 2016 eine Wiederauflage. Selten Blut auf den Fotos. Hinter transparenten Zeltplanen zeichnen sich die Schattenrisse von Dramen ab. Über genau kalkulierten Szenarien des Todes spannt sich ein dramatischer Himmel wie ein aufgewühltes Leichentuch, in Afrika, Asien, Südamerika.

Die Fotografien Sebastião Salgados sind in die exquisiten Fotogalerien der Welt eingezogen

Soeben ebenfalls neu aufgelegt wurde auch „Genesis“. Grau ist das ein und alles im Kosmos von Salgado, bei allem aber gibt es eine letzte Hoffnung, eine auf das letzte Licht. Am Anfang, wenn man das Buch aufschlägt, ein Eisberg in der Antarktis, am Ende, in Amazonien, eine Sumpflandschaft. Der Eisberg zerklüftet, das Sumpfgebiet wie träge.

Auch dieses Buch ist ein Nocturne über die Vielfalt von Grautönen. Kein Grau ohne Licht, Licht, das aus einem gleißenden Himmel stürzt, das Wolken in Strahlen und Schraffuren verteilen. Kein Grau ohne Wolken, federleichte, bleischwere. Das Meer wie anthrazitfarbene Asche, und die Düne da ist eine Sanddüne, kein Eisberg, denn hockte sonst ein Affe auf ihr? Karibuherden zeichnen in die Eiswüste eine Struktur, welch ein Ordnungssinn durch Herdentrieb auf einem langen Marsch durch die ewige Kälte. Alles andere als kurios ist ein erregter Elefant. Schräg fällt in den Busch ein schraffiertes Licht ein, auf dem mächtigen Leib des Tieres zeichnet sich ein Strauch ab – wie auf einem Röntgenschirm wirkt der Dornbusch wie Stacheldraht.

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Die Naturaufnahmen sind Dokumente der Vergänglichkeit, nicht weil sie, Schnappschüssen gleich, einen Augenblick bannen, den pompösen Flossenschlag eines Wals, die Rutschpartie von Pinguinen auf einem Gletscher, sondern weil aus den Aufnahmen die Gewissheit spricht: nichts bleibt. Hochgradig gefährdet erst recht die in einem Halbdunkel verharrenden indigenen Völker. Spektakulär deren Riten, dem Aussterben geweiht. Auch für Flora und Fauna sind die Tage gezählt. Wenn die Sozialfotografie Salgados Bestürzung hervorgerufen hat, dann seine Naturfotografie Betrübnis.

Die Fotografien Sebastião Salgados sind in die exquisiten Fotogalerien der Welt eingezogen, seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt, in Deutschland betreut der Taschen Verlag das Werk des Fotokünstlers, dessen großformatige Abzüge seiner ikonografischen Fotos für viel Geld gehandelt werden – oder eben dessen Buch „Gold“, das in diesen Tagen in einer teuren Vorzugausgabe angeboten wird. Seinen Reichtum hat Salgado in sein größtes Langzeitprojekt investiert, die Wiederherstellung seiner Heimat, den Weltwinkel, in dem er seine Kindheit verbrachte, von Menschenhand entstellt, abgeholzt, gerodet, eine Ödnis, die er in den letzten Jahren, zusammen mit seiner Frau, wieder aufgeforstet hat.

Auf „Instituto Terra“ ist, Wenders zeigt es, Wenders sagt es, ein Wunder geschehen. Nicht nur einen Baum hat das Paar gepflanzt, auf 600 Hektar sind wieder zwei Millionen angewachsen, gezüchtet aus Setzlingen in vielleicht joghurtbechergroßen Behältnissen, hat das Paar einen Urwald angepflanzt, der, so Salgado, in 400 Jahren „ausgewachsen“ sein sollte. Auch hofft der Friedenspreisträger auf eine Zeit und Zukunft, dass unter den Stimmen des wilden Waldes wieder ein Wasserfall rauscht, lange versiegt, wie er ihn aber aus Kindertagen noch im Ohr hat.

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