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Caspar David Friedrich: "Der Wanderer über dem Nebelmeer", um 1818.

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Wanderer über dem Nebelmeer

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Der politische Krisen-Gipfel als Metapher des Bruchs und der Flucht.

Am 11. Juli 1810 tragen sich die Maler Georg Kersting und Caspar David Friedrich in das Gipfelbuch der Schneekoppe ein. Es ist der höchste Berg im damaligen Preußen, die Skizzen und Bilder, die Caspar David Friedrich nach dieser beschwerlichen Wanderung malt, lösen später Pilgerwanderungen nach Schlesien aus. Der Berg und das Hirschberger Tal, schreibt Hans Dieter Rutsch in seinem Buch „Das preußische Arkadien“, werden zu den ersten Fern- und Urlaubszielen, die die Deutschen kennenlernen.

Das berühmteste Bild, das infolge dieser Wanderung entsteht, ist der „Wanderer über dem Nebelmeer“. Caspar David Friedrichs Werk beschäftigt die Kunstgeschichte bis heute. Hat Kersting an dem Bild mitgemalt? Ist es ein Ausdruck von Erhabenheit? Zeugt es von Todesahnung, Begrenztheit oder einem besonderen Gefühl für Weite und Abgrund? Caspar David Friedrich, der Romantiker, war aufgrund seines Geburtsortes Greifswald, das zu jener Zeit zu Schweden gehörte, zeitlebens ein Bürger des schwedischen Königreiches. Die heute allzu profane Interpretation, dass Friedrich Bilder des deutschen Seelenlebens gemalt habe, ist das Ergebnis einer nachträglichen Besitzergreifung. Im zeitgenössischen Kontext war das, was er malte, vor allem Ausdruck einer ästhetischen Revolution. Friedrich malt nicht mehr nur, was er sieht, er malt, was er fühlt. Die Gefühle aber trieben ihn hierhin und dorthin.

Es ist nicht anzunehmen, dass die gewählten Vertreter ihrer Länder, die sich in immer kürzeren Abständen zu Krisen-Gipfeln versammeln, bei denen es mal um die Stabilität Europas geht oder auch nur um den Zusammenhalt eines Parteienbündnisses in einer Regierung, sich zur Einstimmung in die Bilderwelt Caspar David Friedrichs vertiefen. Wann immer lauernde Fotojournalisten deren Gesichter für Nahaufnahmen einfangen, sieht man sie eher auf die Displays ihrer mobilen Empfangsgeräte blicken. Ein Gefühl von Abgrund aber scheint stets mit dabei zu sein. 

Immer öfter jedenfalls stehen die Treffen im Zeichen des Bruchs und der Systemflucht. Manchmal geht es, wie bei dem gerade als psycho-politischen Stress-Test betriebenen Unions-Streit, um die dramatische Inszenierung des Freund-Feind-Schemas. Man geht nicht zum Gipfel, um sich einen Überblick zu verschaffen. In der exzessiven Zuspitzung politischer Verhandlungen geht es darum, Edelweiß und Gipfelgestein für die eigene Vitrine daheim mitzubringen. Gipfeltreffen haben die Verfahren des politischen Aushandelns verdrängt und durch symbolische Akte der Selbstbehauptung ersetzt. Man nimmt, was man kriegen kann, und mit dem Abstieg beginnt der Abstieg.

Wirft man einen nicht primär politischen zweiten Blick auf das gewiss nicht ausgestandene Geschehen zwischen Brüssel, Berlin und München, dann zeigen sich vor allem Erschöpfungsphänomene, und man verschenkt die Möglichkeiten der soziologischen Analyse, wenn man sich wie zuletzt mit allzu gefälligen Analogien zwischen Fußball und Politik begnügt. Natürlich haben Selbstgefälligkeit und das angestrengte Bemühen, Fehler zu vermeiden, den sportlichen Absturz der deutschen Mannschaft beschleunigt. Aber wer das auf die sich in elender Form präsentierenden politischen Akteure überträgt, verkennt die kathartische Funktion, die insbesondere dem Fußball zukommt. 

Die Faszination des Spiels besteht ja gerade darin, dass es trotz sehr unterschiedlich zu bewertender Kräfteverhältnisse so oder anders ausgehen kann. Zwar sind auch politische Entwicklungen nicht vor Brüchen, schicksalhaften Wendungen und Kontingenz gefeit. Aber es gibt keine gesellschaftliche Situation, bei der es nach einem einschneidenden Ereignis wieder 0 : 0 steht. Innenminister Horst Seehofer stürmt nicht auf den Gipfel zu, sondern schleppt sich in das quälende Finale seiner politischen Karriere. Ein Geschlagener, der noch einmal um sich schlägt. 
Das macht die Situation für Angela Merkel nicht besser, die vom Gipfeltreffen der europäischen Regierungschefs dies und das mitgebracht haben mag, auf dem Weg nach unten aber durch das Geröll muss, das einmal das stolze Massiv eines europäischen Gemeinschaftssinns gebildet hat. 

Noch jedenfalls ist es kaum in seiner ganzen Bedeutung erfasst, dass die geschichtspolitische Hinterlassenschaft der jüngsten Gipfeldiplomatie samt Krisenexzessen in einer Neuauflage des Lagers als verhängnisvoller sozialer Topos besteht. Europa, das sich eben noch seiner liberalen Werte und der Freizügigkeit rühmte, ist dabei, der tragischen Erscheinung der displaced persons eine neue Bedeutung zu verleihen. Das Bedürfnis nach nationalen Lösungen, das in den fatalen Kompromiss zwischen Seehofer und Merkel mündete, kennzeichnet den Niedergang der solidarischen Empathie als Alltagsgebot.

Caspar David Friedrich, der gern als Maler eines deutschen Nationalgefühls verstanden wird, war sich der inneren Kämpfe, aus denen seine Bilder entstanden, durchaus bewusst. Der „Wanderer über dem Nebelmeer“ könnte so gesehen durchaus auch Orientierung für politisches Tun und Lassen geben. „Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht“, schrieb Caspar David Friedrich. „sondern auch was er in sich sieht … Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht. Sonst werden seine Bilder den spanischen Wänden gleichen, hinter denen man nur Kranke und Tote erwartet.“

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