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„Walk!“ in der Schirn Kunsthalle: Ein Gefühl von Freiheit

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Von: Sandra Danicke

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Hamish Fulton, 35 Walks Map. Europe. 1971-2019, 2019.
Hamish Fulton, 35 Walks Map. Europe. 1971-2019, 2019. © Mathias Schormann/Hamish Fulton/Galerie Thomas Schulte, Berlin

Er hat die Walking Art erfunden: Ohne Hamish Fulton würde es die Ausstellung „Walk!“ in der Schirn Kunsthalle wohl kaum geben.

Wir laufen hin und her, wie bekloppt. Nach links, rechts, drehen abrupt ab, laufen anderen vor die Füße. Wir gehen in Schlangenlinien, im Zickzack, vor und zurück. Wer uns zusieht, kann nur den Kopf darüber schütteln, wie wir wieder und wieder in unterschiedlichen Winkeln aufeinander zu, voneinander weglaufen. Was wir tun, ist vollkommen sinnlos. Oder besser gesagt, es folgt nur dem einen Sinn: Immer in Bewegung bleiben. „Walk in every direction“, hatte Hamish Fulton gesagt, und das taten wir, eine Stunde lang, auf dem Frankfurter Opernplatz in einem vorab definierten Karree. Unter uns: der Künstler selbst, flink wie ein Wiesel. Um uns herum: Demonstranten, Passanten, die unsere Wege kreuzen, nicht ahnend, dass sie soeben ins Zentrum einer Performance geraten sind.

„Walk!“ heißt die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle, für die Fulton nach Frankfurt gekommen ist, und Walk ist das Zentrum seine Kunst. Seit knapp 40 Jahren tut er als Künstler im Wesentlichen das: laufen, gehen, wandern.

Fulton, der 1946 in London geboren wurde, variiert seine Wanderungen wie ein Maler, der Themen, Farben und Stilrichtungen ändert. Mal folgt er einem Flusslauf von der Quelle bis zur Mündung, mal läuft er die Alpen der Länge nach ab, oder er absolviert den knapp 200 Kilometer langen „Pilgrims Way“ von Winchester nach Canterbury ohne jeglichen Schlaf. Mal „erlaubt“ er sich, alles zu denken, mal zählt er die Schritte, um das Denken gezielt auszuschalten. Meist ist der Künstler allein unterwegs, manchmal braucht er die Hilfe von Bergführern. Gelegentlich macht er auch „public walks“, bei denen er Freiwillige animiert, zwei Stunden lang im Schneckentempo zu gehen. Oder in jede Richtung zu marschieren, komme was wolle.

Den unermesslichen Dimensionen des Universums setzt Fulton das menschliche Maß entgegen. Langsamkeit und Wiederholung sind Methoden, mit denen er den Blick für Details schärft – auch wenn man das auf dem Frankfurter Opernplatz zunächst nur unterbewusst wahrnimmt: Gesprächsfetzen der Vorbeilaufenden, Polizeisirenen, Geräusche von Schritten auf Steinboden. Man sieht die Menschen, erkennt sie irgendwann schon allein an ihrem Gang. Eine Frau trägt einen Geigenkasten auf dem Rücken, ein Mann schiebt einen Kinderwagen hin und her. Eine schleicht, einer durchmisst den Raum diagonal mit großen Schritten, eine andere schließt die Augen. Nach und nach verändert sich das Denken, wird – so will es einem scheinen – flexibler. Wir planen unsere Schritte nicht, wir lassen uns treiben, versinken in Gedanken – bis irgendwann etwas Eigenartiges geschieht: Ein Gefühl von Freiheit stellt sich ein. Es gibt kein Richtig, kein Falsch, alles ist gut.

Laufen hat einen massiven Einfluss auf das Denken und die Wahrnehmung, es schafft, so Fulton, „eine Empfänglichkeit für die Umgebung“. Für die Lebewesen, die einem begegnen, die Häuser, das Gras, die Insekten, den Wind. Ein entscheidendes Element des Laufens ist für Fulton die Selbst-Analyse: „Man konfrontiert sich mit sich selbst, seinem eigenen psychologischen Zustand.“

1973, Fulton hatte gerade eine Wanderung von 1022 Meilen durch Schottland hinter sich, beschloss der Künstler, „nur Kunst zu machen, die aus der Erfahrung einzelner Wanderungen resultiert“. Zuvor war er häufig mit seinem Künstlerfreund Richard Long gewandert. Dann begann Long seinen ersten Steinkreis in die Landschaft zu legen und also die Natur zum Material zu erklären. Fulton hingegen ist kein Land-Art-Künstler, will keine Spuren hinterlassen, aus Respekt vor der Natur. Fulton will die Wahrnehmung verändern, nicht die Landschaft. Er war damit lange ein Einzelgänger.

Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Künstlerinnen und Künstlern, die das Laufen für sich entdeckt haben. Meist halten sie Eindrücke fest, indem sie Fotos oder Filme machen. Sie sammeln Dinge, die ihnen auf den Wegen begegnen (Yuji Agematsu), sie laufen als Frau mit Brustpanzer durch Kabul (Kubra Khademi), kriechen im Superman-Kostüm über US-amerikanische Straßen (Pope.L), fotografieren Überwachungskameras (James Bridle), kicken einen Metalleimer vor sich her (David Hammons), hinterlassen blutige Fußspuren auf dem Asphalt (Regina José Galindo). Fast immer geht es darum, mit dem öffentlichen Gehen auf sozialpolitische Situationen und Orte zu verweisen. Etwas zu markieren, Grenzen zu überschreiten. Hamish Fulton tut nichts davon, er läuft einfach - das allerdings mit strikten Regeln. Er fährt zum Beispiel niemals, egal wie stark der Regen peitscht. Auch Hotels oder Herbergen sind verboten.

Das, was von seinen Wanderungen übrigbleibt, ist oft nicht mehr als ein Text an der Wand, in Druckschrift, völlig spröde, scheinbar nur aus Fakten bestehend. „The Quietest Day, 3 April 2020“ entstand während des Lockdowns. Der Künstler lief barfuß auf Gras, zählte 49 Schritte, täglich, an 49 Tagen – die letzte Zeile: „Song of the Blackbird“. Das Lied der Amsel wird zum Ereignis.

Seine Wandtexte, die an Haikus erinnern, halten Beobachtungen, Wahrnehmungen fest, die zwar völlig banal sind, doch im Kopf ein Echo entstehen lassen. Zugleich können sie als Aufforderung für ein bewussteres Leben gelesen werden. Themen der Zeit wie Globalisierung oder Klimawandel sind in dieser Kunst automatisch integriert. Es geht um den Menschen, den Planeten – mehr geht nicht.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 22. Mai. www.schirn.de

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