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Walid Raad im Mousonturm: Er verwischt die Linie

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Von: Marcus Hladek

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Sammlerstücke verweigern die Eindeutigkeit.
Sammlerstücke verweigern die Eindeutigkeit. © Walid Raad

Der Medienkünstler Walid Raad im Frankfurter Mousonturm.

Zwiespältige Eindrücke und Unbehagen scheinen beim gebürtigen Libanesen Walid Raad, heute New York, mit eingepreist. Manche seiner „Video Works“ unter Titeln wie „Hostage: The Bachar Tapes“, „I Only Wish That I Could Weep“ und Nummern wie „Tape #31“ oder „Section 17“ dosieren dies Unbehagen eher humorvoll, andere verfänglicher.

Raads Auftritte im Mousonturm verteilten sich auf drei Tage. Zeigt er dem Publikum der „Video Works“ in „Sektion 7“ zwei Restauratorinnen über der Arbeit an einem Teppich (ein Geschenk des Iran), kann es vorkommen, dass sich die Verwunderung der Damen im Louvre über die Mitteilung aus Teheran, der Teppich habe seine Stimme verloren, alsbald auflöst. Nicht die Stimme (its voice), so habe man sagen wollen, sondern der Biss (its bite) sei dem Webstück abhanden gekommen. Die so oder so verweigerte Eindeutigkeit glich jener, die von Raads Gabelstaplerfahrern im Louvre-Keller geweckt wurde, der Ungewissheit, was es mit François Hollandes Warterei auf einen Politiker aus Abu Dhabi auf sich hatte und was mit der ziellosen Geschichte vom Sonnenuntergang an Beiruts Küstenpromenade und der umgelenkten Überwachungskamera.

Heikler wird es bei Raads Obsession mit der Geschichte Libanons, des Bürgerkriegs 1975 bis 1990 und der Geiselnahmen der 1980er Jahre. Ein Kommando Hizbollah-Kämpfer entführte damals im Auftrag des Iran unter Fantasienamen wie „Followers of the Prophet Muhammad“ nach und nach 104 Amerikaner und Westeuropäer. Es waren fast sämtlich leicht greifbare Zufallsopfer. Die Hizbollah, die wie der Iran die Urheberschaft leugnet, stellte Forderungen, denen die Reagan-Regierung im Zug der Iran-Contra-Affäre nachgab, folterte die Opfer grundlos und hielt Scheinexekutionen ab. Einige Geiseln konnten fliehen, andere starben oder wurden ausgelöst. Nach dem Blocksystem endeten die Geiselnahmen.

Ein harsches Stück Geschichte also, das Walid Raad, der jung aus Beirut nach Amerika kam und als Künstler oft performanceartige Auftritte absolviert, da verarbeitet. In den USA lernte er die Geschichte genauer kennen und befasste sich später in einer Doktorarbeit etwa mit den Büchern früherer Geiseln im Libanon.

Es hatte sein Geschmäckle, als er im Publikumsgespräch so etwas wie ästhetische Kritik an besagten Geisel-Büchern übte und sagte, sie stammten vermutlich von Ghostwritern und fingen so unverständlich wie uniform alle mit dem Wetter an, als komme die einzelne Entführung aus heiterem Himmel, obwohl es einen langen Vorlauf gebe. Gut möglich. Nur waren die meisten Geiseln eben Zufallsopfer: Profs von der Amerikanischen Universität, Journalisten, Prediger. Sie benötigen Raads Erlaubnis nicht, sich wie vom Blitz getroffen zu fühlen.

Seltsam berührte auch, wie er mit der Zweitidentität „The Atlas Group“ (es gibt nur: Walid Raad) und fiktiv-dokumentarischen Quellen und Materialien spielt. Einerseits ist es völlig legitim, Fiktion und Realität zu verwischen. Nur erinnerte sein fabulierender Umgang mit den Tatsachen unbehaglich ans absurde Spiel der Hizbollah mit ihren Ad-hoc-Decknamen. Raads „I blur the line“, ich verwische die Linie, mutete an wie ein arabischer Countrysong: unheimlich wie das Schmökern im weltberühmten Roman „Der Friedens-Process“ von Abu Khavka. Aber so war es vielleicht ja gewollt.

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