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Eberhard Havekost 2016.

Eberhard Havekost

Wahrheitsgetreu, augentäuschend

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Zum Tod des Malers Eberhard Havekost.

Das Atelier am Berliner Flutgraben ist verwaist. Dabei wollte Eberhard Havekost dort den halben Sommer durch malen, seine Musik hören. Seine Malklasse an der Kunstakademie Düsseldorf hat Semesterferien. Endlich Zeit für den Lehrer, mal ganz bei sich zu sein.

Aber es kam anders. Der 52-Jährige ist am Freitagmorgen plötzlich gestorben. Die Retter, die seine Frau rief, konnten nichts mehr tun. Hirnschlag, wie wir erfuhren. Bei CFA in Charlottenburg, hatte er erst kürzlich beim Gallery Weekend neueste Bilder gezeigt, in seinem kühlen, von den digitalen Medien und von der Musik – er wäre gerne auch DJ geworden, wie er mal verriet – inspirierten Malstil.

Mit diesem zählte er zu den international angesehensten deutschen Künstlern der Gegenwart. Er bekam Ausstellungen in großen Museen wie dem Stedelijk Amsterdam, im MoMA New York, in der Londoner Tate Modern. Zu seinen Sammlern zählten die kalifornische Familie Rubell, Frieder Burda, Heiner Bastian.

Der gebürtige Dresdner machte nach dem Abitur eine Steinmetzlehre. 1989 floh er über Budapest in den Westen und lebte anschließend in Frankfurt. Nach dem Mauerfall ging er zurück in seine Heimatstadt, studierte an der Hochschule der Bildenden Künste Dresden, wurde Meisterschüler von Ralf Kerbach. Seit Jahren war er Professor für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf.

Eberhard Havekost: Wahrheitsgetreuer und augentäuschender Malstil

Havekosts unnachahmliche Eigenheit war, dass er aus der Tradition realistischer wie abstrakter Malerei und des Fotorealismus der 70er-Jahre einen Malstil entwickelte, der so wahrheitsgetreu wie augentäuschend ist. In einem Gespräch in seiner Ausstellung im Neuköllner Kindl-Kunstareal 2017 sagte er nur ganz bescheiden, er befrage halt die Mechanismen unserer visuellen Wahrnehmung. Immer wieder führte er uns in den letzten zwanzig Jahren die „Welt der Dinge“ und die der Erscheinungen als ein Prozess des Sehens und Wahrnehmens vor Augen: Landschaften, Himmel, Apparate, Körperteile, Lippen, Zähne, Augen, Fabelwesen, halb Tier, halb Mensch. Er transformierte das alles von der eigentlichen Bedeutung hinüber in eine andere, auch surreale, mystische, irrationale. Und er schaffte so ein spannendes Kunst-Spiel von Sein und Schein. Auch von der Vergänglichkeit alles Irdischen.

Einige Kunstkritiker verglichen Havekost mit dem jungen Gerhard Richter, ebenfalls gebürtiger Dresdner. Das lag wohl an Havekosts Virtuosität auf abstraktem wie realistischem Terrain und seinem meisterhaften Experimenten zwischen beiden Stilen.

Eberhard Havekost: Suche nach der eigenen Wahrheit

Er antwortete darauf ironisch mit einem Bild, hatte eine verschleierte Farbfläche des berühmten Kollegen kopiert und stellte eigene farbige konstruktivistische Abstraktionen daneben, und dazu ein fotorealistisches Selbstporträt. Auf die Frage, warum das, gab er zurück: „Weil ich Richters Bild nie verstanden habe.“

Eine Provokation? Nun, eher auch eine Selbstbefragung. Eine Suche nach der eigenen Wahrheit. Die fand er wohl auch in seinem ganz aus dem stilistischen Rahmen fallenden riesigen Gemälde von unseren Urahnen in einer urzeitlich-unwirtlichen, grünschwefelgelbgrauen Vegetation: „Homo erectus erectus“, 2016, als Kommentar zum modernen Menschen Homo sapiens: Der Homo erectus gilt als eine ausgestorbene Art der Gattung Homo. Aus dieser pleistozänen Population entwickelte sich vermutlich in Europa der Neandertaler und – parallel zu diesem, aber unabhängig von ihm – in Afrika der moderne Mensch. Die Wissenschaft streitet noch.

Forschungsstand und Spekulation bildeten somit den Humus für eine Malerei, die eine verwirrend illustrative Wirkung hat. Der Homo erectus war laut Evolutionsforschung die erste hominide Art, die den aufrechten Gang beherrschte. Havekost malte also eine Metapher auf dem langen Weg der Menschwerdung. Welch tiefer Doppelsinn.

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