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Traumverloren: Matthew Barneys „The Executioner’s Song" von 1998.

Kunstsammlung DZ Bank Frankfurt

Wahre Lügen

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Klischee und Glücksversprechen: Die Ausstellung „American Dream“ in der Kunstsammlung der DZ Bank mit Fotografien von Wiliam Eggleston, Stephen Shore und anderen beschäftigen sich mit dem wahren und dem erfundenen Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Was ist eigentlich aus Patty Hearst geworden? Die Tochter des steinreichen Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst, 1974 von einer Symbionese Liberation Army entführt, erregte weltweit vor allem deshalb Aufsehen, weil sie sich ihren Entführern anschloss und bei einem Banküberfall als bewaffnete Räuberbraut gefilmt wurde. Eine Millionenerbin als Terroristin? Das passte nicht ins US-amerikanische Weltbild. Ihr Vater fand gewiefte Anwälte, sie beteuerte, unter Zwang und Drogen gehandelt zu haben, und so wurde ihre Strafe von 35 Jahren bald gemildert, nach 22 Monaten kam sie aus dem Knast, und 2001 begnadigte sie Präsident Bill Clinton endgültig.

Anders erging es Ronald Jones, William Gregory und Warith Habib Abdal: Diese drei US-Staatsbürger wurden wegen Mordes zum Tode oder zu langen Zuchthausstrafen verurteilt. Aber sie waren unschuldig, was DNA-Analysen erst Jahre später bewiesen. „The Innocents“ heißt das Projekt der Fotografin Taryn Simon; sie hat zu Unrecht Verurteilte an den Orten der von ihnen nie begangenen Verbrechen porträtiert. Diese Bilder wie die von Patty Hearst sind jetzt in der Ausstellung „American Dream“ in der Kunstsammlung der DZ Bank zu sehen.

Der Titel evoziert das zum Klischee geronnene Glücksversprechen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, dass jeder Mensch das Recht zum „Pursuit of Happiness“ habe. Das war schon damals pure Ideologie, fern von der Realität, wie der Umgang der weißen Einwanderer mit ihren aus Afrika eingekauften Sklaven und den indianischen Ureinwohnern zur Genüge belegten.

Ein zweites Mal sterben

Und doch hat der Glaube daran in den mehr als zwei Jahrhunderten US-Geschichte überlebt – als wahre Lüge sozusagen. Denn immer wieder fand sich wer, der die Erzählung vom Weg des Tellerwäschers zum Millionär auffrischte (und damit das dem kapitalistischen System zugrunde liegende protestantisch-puritanische Arbeitsethos bestätigte). Luminita Sabau, Leiterin der DZ Kunstsammlung, zitiert Arthur Millers Satz, der amerikanische Traum sei etwas Kollektives, werde aber vom Einzelnen geträumt.

Doch für den Einzelnen wie die Gesellschaft hat er sich längst als Albtraum entlarvt. Das zeigen fast alle Fotografien der kleinen Schau, kuratiert von Sabau, Christina Leber und Hubert Beck. Mag da einer noch schwelgen in den weiten Landschaften wie der große William Eggleston, so zeigt seine Aufnahme „Southern Suite“ (1981) doch am Boden ein Flugzeugwrack. Ähnlich fasziniert ist Stephen Shore, aber seine Bilder fast leerer Straßen machen die Menschen, die sich das alles doch zum Wohlergehen geschaffen haben, zur Nebensache.

Das kann soweit gehen wie bei Lewis Koch, der bei seinen Blicken in die Provinz eine Erinnerungstafel für in Vietnam gefallene Soldaten entdeckt hat – doch die Namensschilder hängen zerrissen von der Wand herunter: Diese Kämpfer für die Freiheit von „God’s Own Country“ mussten hier ein zweites Mal sterben.

Der Künstler als Mahner

Und schließlich blickt der Besucher beim 1950 geborenen Andres Serrano in den Lauf einer Pistole – eine so drastische wie wirklichkeitsgetränkte Anspielung auf den Waffenwahn großer Teile der US-Bevölkerung: „Object of Desire“ nannte Serrano seine 1992 entstandene Arbeit.

Der Künstler nicht als Apologet des Mythos, sondern als Mahner, der den Finger auf die Wunde legt: Auffällig in dieser Ausstellung, dass die realistischen Arbeiten, zumal Andrew Moores Bilder des Zerfalls aus Detroit, stärker sind als die inszenierten, wenngleich etwa Matthew Barneys „Executioner’s Song“ aus seiner „Cremaster Series“ eine gelungene sarkastische Anspielung auf die Homophobie in den USA ist.

Einige wenige Bilder scheinen vor allem der prominenten Namen wegen in die Schau aufgenommen, etwa Anton Corbijns Foto von Joni Mitchell oder Dennis Stocks James-Dean-Porträts. Da passt die schillernde Prominenz einer Patty Hearst besser zum Thema. Dennis Adams hat eine Serie mit Zeitungsfotos montiert, die das „All-American Girl“ bei seiner Metamorphose vom Töchterchen zur Terroristin und zurück zeigen: Das letzte Bild zeigt sie im Brautschleier. Heute lebt sie nach Ausflügen in die Schauspielerei in Connecticut, hat zwei Töchter und ist verheiratet – mit ihrem Bodyguard.

DZ Bank, Frankfurt: bis 2. April. www.dzbank-kunstsammlung.de

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