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An den wachen Blick gerichtet

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Tomma Abts Malereien ziehen das wache Auge in ihren Bann.
Tomma Abts Malereien ziehen das wache Auge in ihren Bann. © Galerie Daniel Buchholz

Die Malerin Tomma Abts spaltet Bewunderer und Kritiker gleichermaßen. Auch ihr Soloauftritt in der Düsseldorfer Kunsthalle verbreitet Sprachlosigkeit.

Von Georg Imdahl

Es sollte den reizüberfluteten Kunstbetrieb adeln, dass die kleinen Bilder von Tomma Abts so starke emotionale Eruptionen hervorrufen – sie spalten geradezu das professionelle Publikum.

Es geht ihnen alles ab, was nach lautem Furor und Provokation um ihrer selbst willen aussieht. Sie begnügen sich mit einem Format, wie es die Leidener Feinmaler im 17. Jahrhundert bevorzugten, und favorisieren eine Abstraktion ohne Story, ohne autobiografische Rückkoppelungen wie bei Mary Heilmann, ohne mediale Bespiegelung wie bei David Reed. Und sie verdanken sich keiner lässigen, alleskönnerischen Attitüde. Tomma Abts zwingt zu einer allein visuellen Auseinandersetzung.

Introvertierte Tapeten-Malerei

Tatsächlich brandete die Polemik gegen ihre Malerei besonders heftig auf, als der in London lebenden Malerin 2006 der hoch gehandelte Turner Prize zugesprochen wurde. Die Attacken zielten damals auch auf die Jury, die keine Revoluzzerkunst und ästhetischen Aufruhr ehrte, sondern eine introvertierte, den ausdauernden Blick erfordernde Malerei – als ob alles, was aus London kommt und nach Kunst aussieht, „Sensation!“ schreien müsste.

Die Skeptiker taten Abts’ Arbeiten als harmloses, banales Dekorum ab. Ihre Kritik bündelte sich in der Vokabel Tapetenmuster, mit der sich im Grunde jedes weitere Argument überflüssig machen sollte. Wobei immer noch zu fragen bliebe, warum sich gute Malerei und Tapete heute ausschließen sollen – nach all den für gut befundenen gemalten und bemalten Tapeten von Konrad Lueg oder Sigmar Polke seit den 60ern.

Abts macht selbst Bewunderer sprachlos

Die Fürsprecher wiederum goutieren die Selbstreflexion und die ideelle wie manuelle Akribie, mit der die 1967 geborene Kielerin zu Werke geht, den Reichtum auch der Erinnerung an hundert Jahre Abstraktion, die in den Miniaturen wie beiläufig gespeichert sind. Sie bewundern die erkennbar skrupulöse Haltung einer zahlenmäßig bescheidenen Produktion von maximal acht Arbeiten per anno bei einem immer gleich bleibenden Format von 38 mal 38 Zentimetern, den Mut zu einer als verzopft verschrienen Autonomie, insgesamt eben eine klassisch grundierte Abstraktion voller kunsthistorischer Anspielungen. Und mehrere Kuratoren tun sich schwer damit, für diese Abstraktion eine entsprechende Sprache zu finden – schwerer als der Katalogautor Jan Verwoert, der Tomma Abts schon vor einigen Jahren einen brillanten Text über den krisenhaften Entstehungsprozess ihrer Bilder gewidmet hat. Was kann einer künstlerischen Position besseres passieren, als unterschiedlichste Meinungen zu stimulieren und selbst die Bewunderer sprachlos zu machen?

Immer eine lange Genese

Was immer diese Bilder versprechen – sie richten sich an den wachen Blick. So geht es um Anschauung pur auch in der Düsseldorfer Kunsthalle, wo die Professorin der Kunstakademie seit längerem wieder einem Soloauftritt in institutionellem Rahmen in Deutschland zugestimmt hat. Wer sich den Originalen nähert, erkennt in den reliefhaften Oberflächen die vielen Übermalungen bis zum finalen Resultat, das stets auf eine lange Genese zurückgeht. Das muss kein Wert an sich sein, bekundet hier aber eine Verbindlichkeit, die man Abts’ Malerei schon in der wuseligen Frankfurter Gruppenschau „Deutsche Malerei 2003“ direkt ansah.

Widersprüchliche Räume wecken den Blick

Nicht minder deutlich lässt sich nachvollziehen, wie manche Farbschichten von der Fläche wieder abgetragen wurden und nun scharfkantige Ornamente bilden, wie sich insgesamt tatsächliche, wenn auch denkbar flache Räume auf den Leinwänden auftun: Der Widerstreit von Linie und Fläche, Figur und Grund und seine Spannungsmomente sind Klassikerthemen der abstrakten Malerei, die keiner erzählerischer Aufwertung bedürfen, um das Interesse der Wahrnehmung zu steigern.

Häufig sind es bei Tomma Abts trockene, spröde, sich bedeckt haltende Farben, die sich erst dem geduldigen Blick und auch ihm nur zögerlich öffnen (die Bilder in kontrastreicheren, schrilleren Farben sind die schwächeren). Farbzonen werden von gemalten Schatten flankiert, um sich subtil von anderen Flächen abzuheben und Räumlichkeit zu suggerieren. Bisweilen formen sich auf der Fläche paradox anmutende, widersprüchliche Räume.

Fremde Figuren und Formen

Spätestens dann denkt man unweigerlich ans 20. Jahrhundert, zum Beispiel an Josef Albers’ hyperelegante „Konstellationen“ mit ihren weißen Linien auf schwarzem Grund aus den 50ern, oder noch weiter zurückgehend an den Konstruktivismus und seine Facetten. Oder man meint sich an Formen zu erinnern, die man noch nie gesehen hat. Doch bei all den möglichen Erinnerungen lässt sich die Malerei von Tomma Abts davon nicht überwuchern, schon gar nicht zielt sie auf zitathafte Bespiegelung von Malereigeschichte.

Erstaunlich ist vielmehr die beharrliche Fremdheit ihrer Figurationen, die sie gegen alle Vereinnahmung durch kunsthistorisches Wissen zu schützen vermag. Dabei wirkt manches durchaus bemüht, gefrickelt – nachhaltiger überzeugen die einfachen, klareren Strukturen (wie in dem Bild „Jeles“). Warum eigentlich hält Abts so kompromisslos an dem einen Format fest, das für sie offenbar nicht verhandelbar ist?

Eine andere offene Frage ist die Ausstellung selbst. Gerade zehn von bis heute rund 100 Gemälden hängen im riesigen „Kinosaal“, darüber einige Zeichnungen im Emporensaal: Das ist als Materialbasis dünn und jedenfalls zu wenig für einen Auftritt in der Kunsthalle. Was als Zeichen der Entschleunigung und Konzentration intendiert gewesen sein mag, nimmt sich eher schüchtern aus, wie eine Verlegenheit.

Kunsthalle Düsseldorf: bis 19. Oktober. Das Begleitheft kostet 8 Euro.

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