Kunstmuseum Wolfsburg

Ein Vorgriff aufs befreite Leben

Die englische Pop-Art als Ausdruck einer Aufbruchstimmung im Kunstmuseum Wolfsburg. Ein Besuch in der Autostadt in Zeiten der Depression.

Von Peter Iden

Ankunft im Bahnhof von Wolfsburg. Vieles ist hier anders geworden als beim letzten Mal. Der Name inzwischen fast ein Synonym für den weltweiten Abgas-Betrugs-Schlamassel. Die Stadt habe sich, wird man dem Besucher später sagen, dem hier alles dominierenden VW-Werk zu sehr ausgeliefert – nun, mit dem Werk in der Krise, sei auch die ganze Stadt betroffen.

Bekanntlich gab es diese Abhängigkeit allerdings immer schon: Der Gründungsanlass für die Stadt war das von den Nationalsozialisten 1938 gewollte und gebaute Werk. Nach 1945 wurde es – und ist das bis heute – für die Republik ein Wirtschaftsfaktor wie kaum ein anderer. Noch in der eher bescheidenen Bahnhofshalle, die aber mit Daniel Buren ein berühmter Künstler gefliest hat, am Stand mit den Zeitungen, ist gleich ist auch ein neues Produkt präsent, auf der Titelseite der örtlichen WAZ leuchtet ein knallgelber Golf, auch im Inneren des Blattes noch zweimal, „Weltpremiere: das große Golf-Update“. In dem zugehörigen Text mischen sich überzogener Stolz, viel Hoffnung, leise Skepsis.

Bis zu dem Abgas-Betrug standen in Wolfsburg alle Signale auf „Go“. Von Zaha Hadid stammt auf dem Vorplatz des Bahnhofs als Entree in die Stadt und das dahinter in der Luxus-Zone platzierte „Auto-Museum“ am Mittellandkanal – der Entwurf des ästhetisch zäh in die Breite gezogenen Technik-Museums „Phäno“, auch im halbdunklen Inneren baulich eher ein Qual-als ein Meisterstück der kürzlich verstorbenen Architektin irakischer Herkunft, angefüllt von allerhand gut gemeinten physikalischen Spielereien ohne größeren Erkenntniswert.

Man war einst hocherfreut über den sich mächtig interessant machenden Betonbunker, damals, als es noch gut ging mit VW und dem Leben in der Stadt, die Subventionen der Auto-Bauer wie Wellen alle Boote hoben. Jetzt ist die Stadt in Bedrängnis, vor allem die Zulieferer sind betroffen, Geschäftsinhaber sprechen von sinkenden Umsätzen. Und wie sicher sind die Arbeitsplätze im Werk? Gerade hat VW die Kündigung von 23 000 Mitarbeitern mitgeteilt. Seinerzeit profitierte nicht zuletzt der Fußballclub, wurde sogar einmal deutscher Meister.

Derzeit jedoch dümpelt der Verein, was nicht gerade an Reduktionen der Zuschüsse für die Werks-Elf liegt, im unteren Drittel der Bundesliga, die unzufriedenen Fans auf den Rängen beschimpfen die hoch dotierten Legionäre auf dem Rasen als faule Millionäre.

„Sie sollten lieber vor den Werkstoren gegen die Empfänger der Millionen-Boni im Vorstand von VW demonstrieren, die sitzen da wie in einer Wagenburg und kassieren weiter wie zuvor“ – so sieht das der Taxifahrer auf dem Weg zum Kunstmuseum, das von einer Stiftung finanziert wird, deren Stütze VW ist. Der Direktor Ralf Beil, im Amt erst seit knapp zwei Jahren, als Nachfolger des 2014 verstorbenen, beliebten und erfolgreichen Markus Brüderlin, kam als Ausstellungsleiter von der Mathildenhöhe in Darmstadt nach Wolfsburg. Anders als in der seit Beginn der Auto-Krise knapper gehaltenen Städtischen Galerie – es sind dort unter dem bedrohlich schnittigen Titel „Revolver“ (der hier für „Wiederholung“ steht) Auszüge aus der beachtlichen ständigen Sammlung zu sehen – konnte das Kunstmuseum dem Publikum Ausstellungen von durchaus überregionaler Bedeutung bieten.

Der neue Direktor erwies sich dabei mit seinen Programmen als zumal unter den Bedingungen der Krisensituation sehr geschickt: Er thematisierte, was die Stunde geschlagen hat. Zunächst geschah das mit dem Versuch einer breit angelegten, historisch weit ausgreifenden, außer auf Kunstwerke auch auf dokumentarisches Archiv-Material sich berufenden (kühnen) Definition Wolfsburgs als „Weltlabor“. So hoch der Anspruch war doch die kritische Grundierung des Projekts nicht zu übersehen.

Es zeigte sich das Interesse von Ralf Beil an der Frage nach den Möglichkeiten der Kunst, jenseits nur ihrer Instrumentalisierung, der Gesellschaft Erkenntnishilfen zu vermitteln. Das ist als Ziel auch erkennbar an der Auswahl von Bildern und Installationen – darunter Arbeiten von Anselm Kiefer, Neo Rauch, Andreas Gursky, Damian Hirst – die mit unterschiedlichen Ansätzen Umschreibungen der Ambivalenz von Freiheiten sind, die zugleich auch zu Käfigen werden können. Die Wagenburg der Chefetage von VW ist dafür nur das aktuellste Beispiel.

Es war dieses Ineinander von Leben und Kunst, Kunst und Leben entscheidend für Entwicklung und Entfaltung der englischen Version der Pop-Art, der das Kunstmuseum in Wolfsburg nun seine jüngste, gerade eröffnete Präsentation widmet. Man darf hier mal sagen: Für eine Stadt von 120 000 Einwohnern, also von mittlerer Größe, ist das eine tatsächlich erstaunliche, dabei bewundernswert geglückte Unternehmung.

Mit vielen Reizpunkten so schlüssig wie unterhaltsam inszeniert, umfasst sie mehrere Werke jedes der Protagonisten des Stils, die dem Museum vor allem natürlich von englischen Leihgebern und Privatpersonen überlassen wurden, neben Collagen, Zeichnungen und Fotos, Skulpturen, Installationen und markanten Beispielen für die durch die Kunstrichtung mitgeprägte Architektur. Im Fall der Rekonstruktion von Richard Hamiltons „Fun House“ sogar nebst betriebsbereiter Juke-Box und dem Erdbeerduft, den Hamilton sich einst für die Räume wünschte.

Facettenreicher als die amerikanische Variante

„This w a s tomorrow“, Das w a r morgen, nennt sich das Ganze, in Anspielung auf „This i s Tomorrow“, Titel der Ausstellung 1956 in London, internationaler Durchbruch der Bewegung. Anders als die amerikanische Pop-Art, wie sie sich bei Rauschenberg, Lichtenstein, Warhol, Claes Oldenburg herausbildet, ist die englische Variante, zeitlich vor der amerikanischen, gleichsam eine Trümmergeburt.

Der Rundgang beginnt mit einigen Fotos Nigel Hendersons von durch die deutschen Luftangriffe schwer beschädigten Stadtbezirken Londons, dokumentiert auch durch einen Stadtplan, der das Ausmaß der Zerstörungen bezeugt. Gegen die Ruinen des Zweiten Weltkriegs entwerfen die Künstler die Vorstellung einer Welt, in der anders zu leben wäre als in der untergegangenen, weniger zwanghaft, befreit von den Lasten der Tradition, entspannt hinsichtlich der Beziehungen zwischen den Geschlechtern wie im Blick auf die gebauten Umgebungen als Voraussetzungen für generell veränderte Lebensweisen.

In den Künsten sollten solche Erwartungen sich formal darin ausdrücken, dass die überbrachten ästhetischen Konventionen, Regeln, Normen in Zukunft keine Gültigkeit mehr zu beanspruchen hätten. Die offene Form, das disparate, oft auch willkürliche Nebeneinander von Zitaten aus der Wirklichkeit, mitunter der bewusste Verzicht auf malerische Bravour, stattdessen die Lust an Brüchen, plötzlichen Zäsuren oder frohgemuten Bildnissen schöner Frauen und bewunderter Automobile – das sind alles Merkmale eines vitalen Aufbruchs mit dem Ziel einer besseren Zukunft.

Sie bestimmen, was die Ausstellung vorführt. Zuerst das Oeuvre Eduardo Paolozzis, von den frühen, 1947 noch in Paris entstandene Collagen bis zu den bunten Abstraktionen der Bilder und Skulpturen. Oder dann die seltsam aufgebrochenen Menschenbilder des Peter Blake, originell, wenngleich schwach als Malerei. Die (wohl doch eher frauenfeindlichen) Skulpturen von jungen Damen in angestrengten Verrenkungen als Möbelstücke von Allen Jones. Die Malerin Pauline Boty zeigt sich da auf ganz andere Weise: strahlend, selbstbewusst, ihrer Sache als Frau so sicher wie als Künstlerin. Der Spannungsbogen der Schau reicht bis zu großen Namen, die den Stil bis heute überdauert haben, David Hockney, R.B. Kitaj, auch Peter Phillips.

Von Anfang an ist die englische Variante reicher an Facetten, vielstimmiger als die amerikanische. Auch intellektuell differenzierter. Die Amerikaner zitierten die Motive ihrer Kunst aus der Realität ihrer Epoche – die Engländer wollten politisch und ästhetisch eine andere Wirklichkeit. Vor allem Richard Hamilton (1922–2019) sah als Theoretiker wie mit seiner Malerei und seinen Installationen in der Pop-Art die Chance, verkrustete Gegebenheiten, die Architektur nicht ausgenommen, kritisch zu unterlaufen. Damit stand er den Ideen der Bauhaus-Bewegung der zwanziger Jahre in Weimar und Dessau nahe. „Was macht heutige Wohnungen so anders, so verlockend?“ nannte er das Modell einer ironisch-exzentrischen Inneneinrichtung, 1956 eine Attraktion jener „This is Tomorrow“-Schau, die ein helleres Morgen beschwor, als wäre es schon gekommen.

England damals ganz vorn. Und was ist inzwischen daraus geworden? Alles versackt in chauvinistischem Kleinmut. Im „Swinging London“ der ausgehenden sechziger Jahre aber hatte sich für eine kurze glückliche Frist ja noch wirklich etwas ausgewirkt von den Energien jener lustvollen Erneuerung, die Hamilton und die anderen antrieben. Schöne Zeit des inspirierenden Vorgriffs aufs befreite Leben. Die Ausstellung lässt diese Stimmung spüren, Erinnerung an die Musik von damals. Das tut gut in diesen Tagen, in Wolfsburg.

Kunstmuseum Wolfsburg: bis 19. Februar 2017.

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