1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

„Vor Dürer. Kupferstich wird Kunst“ im Städel Museum Frankfurt: Das Wunder der filigranen Striche

Erstellt:

Von: Lisa Berins

Kommentare

„Der Heilige Antonius, von Dämonen gepeinigt“ von Martin Schongauer, um 1470.Foto: Städel
„Der Heilige Antonius, von Dämonen gepeinigt“ von Martin Schongauer, um 1470. © Städel

In der Ausstellung „Vor Dürer. Kupferstich wird Kunst“ präsentiert das Städel Museum in Frankfurt 130 faszinierende Werke aus der eigenen Graphischen Sammlung

Leicht abgedunkeltes Licht, graue Wände und viele Kupferstiche. Sehr viele, mehr als hundert. Ein leichtes Gefühl der Überforderung kommt auf. Wo anfangen? Auf was achten? Wohin geht die Reise? Und dann, nach und nach, mit jeder Minute, die man durch die Ausstellung „Vor Dürer. Kupferstich wird Kunst“ streift, vor den kostbaren, kleinen Werken stehenbleibt, sich in die Bildwelten vertieft, passiert es. Das, was Martin Sonnabend, Leiter der Graphischen Sammlung bis 1750 und Kurator dieser faszinierenden Ausstellung als „Wunder“ beschreibt. Dafür braucht es Zeit, intensives Hinschauen, Ruhe. Ein ungewohnter Zustand, fernab des täglichen medialen Bilderrausches: eine Versenkung in stillstehende, kleine, schwarz-weiße Bilder.

130 deutsche und niederländische Kupferstiche aus dem 15. Jahrhundert hat das Städelmuseum aus seiner eigenen Sammlung geholt und im Ausstellungsraum in Szene gesetzt; es ist rund die Hälfte des Bestandes, und eine „repräsentative Auswahl“, wie Sonnabend betont. Zu sehen sind Werke von Martin Schongauer und Albrecht Dürer, aber auch weniger bekannter Künstler wie Meister ES, dem ersten „professionellen“ Kupferstecher. Von seinen etwa 500 Stichen sind heute rund 300 erhalten.

Damals war der Kupferstich zunächst eine Methode, um Bilder zu vervielfältigen, doch daraus entwickelte sich bald selbst eine Kunstform – wie in der Ausstellung nachzuvollziehen ist. Seit etwa 1440, vielleicht schon 1430 gab es den Kupferstich, wie Sonnabend erklärt. Im Gegensatz zum damals ebenfalls verbreiteten Holzstich wird dabei nicht gedruckt, was nach der Bearbeitung der Platte an Linien stehen bleibt, stattdessen wird jene Farbe auf weiches Papier gewalzt und gedrückt, die sich in den Vertiefungen der Kupferplatte gesammelt hat.

Mit dieser Art der Vervielfältigung gelangten Kunstwerke unters Volk, sie reisten. Christliche Motive wurden als Andachtsbilder genutzt, man trug sie mit sich herum, nahm sie in die Hand, küsste sie auch, erläutert Sonnabend. Wegen dieser „Gebrauchsanwendungen“ seien sie oft mit der Zeit verschlissen und heute sehr rar. Umso bemerkenswerter, dass in der Schau auch einige kostbare Unikate gezeigt werden können - was dem ersten Sammlungsdirektor des Hauses, Johann David Passavant, zu verdanken ist, der laut Sonnabend ein „Faible“ für den Kupferstich hatte.

Einer der produktivsten und wirtschaftlich erfolgreichsten Kupferstecher des 15. Jahrhunderts war Israhel van Meckenem, ein niederrheinischer Goldschmied aus Bocholt. Er spezialisierte sich auf das Kopieren von gewinnversprechenden Vorlagen, und er stach unter anderem Werke von Meister ES, Martin Schongauer und dem jungen Albrecht Dürer nach. Mit seinen Druckgrafiken sprach er gezielt das städtische Bürgertum an, dem ganz besonders Motive gefielen, die der Wirklichkeit nachempfunden waren und Szenen des alltäglichen Lebens zeigten. „Es war der Ursprung der Genremalerei“, sagt Sonnabend.

Van Meckenem erfand zwar kaum eigene Bildmotive, dafür aber bestachen seine Grafiken durch seine technische Meisterschaft, die er selbst unbescheiden herausstellte: In seinem Andachtsbild „Christus am Kreuz mit vier Engeln“ (ca. 1490-1500) demonstrierte er, dass er die schwer zu stechenden, mehrfach übereinandergelegten Schraffuren beherrschte, um einen dunklen Hintergrund entstehen zu lassen. Sein Stich „Ein Rauchfass“ (ca. 1480-1490) war eine haargenaue Kopie des gleichen Werkes von Martin Schongauer - und einer der technisch schwierigsten Kupferstiche der Zeit, wie es im Wandtext heißt. „Offenbar wollte Israhel van Meckenem so seine Gleichrangigkeit mit dem Meister aus Colmar demonstrieren.“ Das Original von Schongauer entdeckt man übrigens an anderer Stelle wieder - auf der genau gegenüberliegenden Seite des Raumes, nur eine kleine Finesse der raffinierten Dramaturgie der Schau.

Das Schwierige am Kupferstich sei es, so sagt Sonnabend, lediglich mithilfe von Strichen, durch Muster und Schraffuren, eine realistische Wirkung zu erzielen; einen Stoff weich wirken, Metall hart und glänzend erscheinen zu lassen, Raumwirkung und Körperlichkeit zu erschaffen.

„Ein Rauchfass“ von Martin Schongauer, um 1475. Foto: Städel
„Ein Rauchfass“ von Martin Schongauer, um 1475. © Städel

Martin Schongauers Werk „Die große Kreuztragung“ (ca. 1475) ist der größte bildmäßige Kupferstich des 15. Jahrhunderts und eine Demonstration, was mit dieser Technik alles möglich ist. Die Arbeit ist als ein Höhepunkt zentral in der Ausstellung inszeniert. Alles erscheint perfekt: die filgrane Maserung des Holzkreuzes, unter dessen Last Jesus zusammenbricht, das weich erscheinende Fell der Hunde, die Bartstoppeln in den Gesichtern der Männer, der seidig-glänzender Brokat an den Ärmeln und das metallisch glänzende Pferdezaumzeug.

Schongauer gilt als bedeutendster Kupferstecher seiner Zeit – er wusste, wie er den Blick der Betrachterinnen und Betrachter ans Bild fesselt. Der Künstler verwendete, wie auch später Albrecht Dürer, als erster ein einheitliches Monogramm als Signatur, um sich als eine Art Marke bekannt zu machen. Seine Kompositionen waren nie Kopien, sondern eigene Erfindungen, und sie wurden gerne und oft kopiert - dabei war es offenbar nicht wichtig, ob das seitenverkehrt war und nicht zu hundert Prozent originalgetreu. Die ursprüngliche Erfindung des Motivs galt damals nicht als schützenswert.

Im hinteren Teil der Ausstellung dann: Dürer. Die Kupferstiche des Meisters sind das I-Tüpfelchen der Schau: Seine Stiche wirken kräftig, der Strich entschlossen, aber nicht zu breit, sondern filigran, die Motive weder zu blass noch zu dunkel. In „Die Heilige Familie mit der Libelle“ (ca. 1495) schaut das kleine Insekt am rechten unteren Rand des Bildes der Szene zu, man kann es mit guten Augen oder einer Brille entdecken.

„Es ging darum, dass Kunst die Natur vollständig wiedergeben konnte“, sagt Sonnabend. Albrecht Dürer hat die Natur nicht nur wiedergegeben, sondern sie durchdrungen. „Er hat sie übertroffen“, sagt Kurator Sonnabend, der nach 33 Jahren am Haus bald in den Ruhestand geht. Bei der Arbeit an seiner letzten Ausstellung habe ihn die Anziehungskraft der kostbaren Druckgrafiken in ungeahntem Maße fasziniert. „Der Kupferstich ist im Grunde eine abstrakte Kunst. Die Künstler übertragen die Realität in ein Muster der Striche. Wir sehen dann die Realität“, sagt Sonnabend. „Und das ist das Wunder.“

Es entfaltet sich im langen, geduldigen, wandernden, genauen Blick - Lupen können an der Kasse ausgeliehen werden.

Städel Museum: bis 22. Januar 2023. www.staedelmuseum.de

Auch interessant

Kommentare