+
Der Sündenfall, um 1551/52, Öl auf Leinwand.

Köln

Die Vollkommenheit das Fürchten lehren

  • schließen

Im Wallraf-Richartz-Museum sehen wir das erstaunliche Frühwerk des Malers Tintoretto wie zum ersten Mal.

Jacopo Robusti hätte sich kaum eine schlechtere Zeit aussuchen können, um in diese Welt geboren zu werden. Als der Sohn eines venezianischen Tuchfärbers um das Jahr 1518 das Licht der Welt erblickte, hatte die Malerei nach allgemeiner Auffassung ihren Höhepunkt bereits erreicht. Michelangelo, Raffael, Leonardo und Tizian hatten derart vollkommene Werke geschaffen, dass es einer unerhörten Anmaßung gleichkam, ihrem Beispiel nicht folgen zu wollen.

Allerdings war Robusti, den alle bald nur Tintoretto (das Färberlein) rufen sollten, ganz und gar nicht gewillt, sich in sein Schicksal zu fügen. Das entsprach nicht seinem Temperament, und dafür besaß er wohl auch einfach zu viel Talent. Er durchlief seine Lehrjahre im Schnelldurchlauf und hatte es in allem eilig – auch mit dem Pinselstrich.

Statt Harmonie wollte er den bekannten, meist biblischen Motiven seiner Zeit Dramatik und Erregung verleihen: Bei Tintoretto ist alles in Bewegung, die Figuren sind aufgewühlt und so ruhelos wie die Hand des Malers. Auf die Zeitgenossen wirkten seine Bilder deshalb „unfertig“, doch Tintoretto sah anscheinend keinen Sinn darin, weiter zu malen, wenn er einem Bild das höchste Gefühlsmaß verliehen hatte.

Seine Meisterschaft in der dramatischen Neudeutung alter Motive war so unbestritten, dass selbst Tintorettos Kritiker seine Kunst nicht schelten konnten, ohne ihn gleichzeitig zu preisen. „In allem, was die Malerei anbelangt“, schrieb etwa 1568 der Kunsthistoriker Giorgio Vasari, ist Tintoretto „wunderlich, kapriziös, schnell und kühn“ und überhaupt „der furchterregendste Intellekt, den die Malerei je besessen hat.“

Das war vergiftetes Lob, denn wie viele Zeitgenossen hätte Vasari es lieber gesehen, wenn sich der frühreife und zügellose Tintoretto mit den Jahren gemäßigt und den harmonischen Vorbildern angeglichen hätte. Aber er blieb sich treu und konnte darauf verweisen, dass der venezianische Großmeister Tizian ebenfalls ein Revolutionär gewesen war. Auch Tizian hatte sich von den Vorbildern abgesetzt und die Harmonie seiner Bilder statt in der Komposition im Spiel der Farben gesucht. Am Anfang war daran nichts selbstverständlich oder gar mustergültig. Tizian selbst hatte mit seiner Malerei einen neuen Maßstab gesetzt – nicht weniger wollte Tintoretto erreichen.

Wenn das Kölner Wallraf-Richartz-Museum nun das Frühwerk Tintorettos vorstellt, sehen wir also keinesfalls nur das Vorspiel zu etwas Größerem und Bedeutenderem. Zwar entstand die Mehrzahl der berühmten Meisterwerke erst nach 1548, dem Jahr, in dem der 30-jährige Tintoretto mit seinem „Sklavenwunder“ unwiderruflich zu den Großen der italienischen Malerei aufstieg.

Aber der Geist, den spätere Werke wie der in die Kölner Ausstellung geschmuggelte, um 1553 entstandene „Kampf Georgs mit dem Drachen“ atmen, ist im Frühwerk schon voll ausgeprägt – und wird dort, wie Roland Krischel, der Kurator der Ausstellung meint, vielleicht sogar deutlicher als zu späteren Zeiten. Während der junge Tintoretto noch selbst Hand an sämtliche Gemälde legte, delegierte der etablierte Meister die Arbeit in seiner Werkstatt zusehends an Helfershelfer. Angesichts des recht luftigen Ausstellungstitels „Tintoretto – A Star was Born“ kann es nicht schaden, auf den zutiefst seriösen und gerade deshalb oft spektakulären Geist der Kölner Ausstellung hinzuweisen. Dem Tintoretto-Experten Krischel ist es nicht nur gelungen, 56 hochkarätige Leihgaben aus aller Welt ins Wallraf zu holen und den Aufstieg des Malers anschaulich nachzuerzählen; er kann dem Publikum auch neue Erkenntnisse, Theorien und Zuschreibungen präsentieren.

Geradezu verwegen klingt die Annahme, dass Tintoretto einige Jahre als Subunternehmer für Tizian tätig war und mindestens ein berühmtes Tizian-Porträt in Wahrheit von Tintoretto stammt. Aber die von Krischel präsentierten Indizien klingen stimmig und würden das zwischenzeitliche böse Blut zwischen dem alten und dem jungen Meister erklären: Beim Porträt des Vincenzo Cappello könnte Tintoretto das vereinbarte Stillschweigen gebrochen und die wahre Herkunft ausgeplaudert haben.

Tintorettos Aufbegehren gegen Tizian zieht sich als heimlicher roter Faden durch die gesamte Ausstellung. Seine Version des Motivs von „Joseph und Potiphars Weib“ (1554) war wohl ein offener Angriff auf ein Gemälde des als unerreichbar geltenden Konkurrenten und stach dieses zumindest hinsichtlich der ins Bild gelegten Leidenschaft deutlich aus: Tintorettos Joseph bringen die ungebetenen erotischen Avancen eindrucksvoll ums Gleichgewicht. Alles in allem gab es kaum ein Feld, auf dem Tintoretto nicht gegen Tizian antrat. Mit seiner Schnellmalerei untergrub er das von diesem etablierte, auf der malerischen Sorgfalt beruhende Preissystem; und auch mit der virtuosen Gestaltung räumlicher Tiefe forderte er den „Flächenmaler“ Tizian heraus.

Man zeige keine Blütenlese, so Wallraf-Direktor Marcus Dekiert, sondern eine nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten kuratierte Ausstellung. Insofern ist die Kölner Tintoretto-Schau auch ein Plädoyer für das kunsthistorische Arbeiten, zumal, wenn die Ergebnisse so aufregend sind und derart schlüssig präsentiert werden wie in diesem Fall. Man lernt in Köln viel über die venezianische Kunstwelt des 16. Jahrhunderts und viel über die Arbeitsweise eines ihrer größten Malerstars – und darf doch vor allem über das ungezügelte Talent eines Emporkömmlings staunen, der scheinbar zu spät auf die Welt kam und doch genau zur richtigen Zeit geboren wurde. Die Kunst ist nie vollendet: Auch das ist eine Lehre aus dem Frühwerk Jacopo Tintorettos.

Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, bis 28. Januar. Der Katalog kostet 35 Euro. www.wallraf.museum

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion