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Jetzt in einer Ausstellung im Drents Museum zu sehen: Nickolas Murays „Frida Kahlo in Blue Blouse“, 1939. Foto : Nickolas Muray Photo Archives
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Jetzt in einer Ausstellung im Drents Museum zu sehen: Nickolas Murays „Frida Kahlo in Blue Blouse“, 1939.

Interview

Frida Kahlo förderte Mythos auf Kosten der indigenen Bevölkerung: „Kritische Auseinandersetzung fehlt“

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Die Künstlerin wird als Förderin der mexikanischen Kultur gefeiert, dabei war sie daran nur oberflächlich interessiert, sagt die Autorin und Purépecha Joanna García Cherán.

Joanna García Cherán, wissen Sie noch, was Sie dachten, als Sie zum ersten Mal Werke von Frida Kahlo sahen?

Ich kann mich nicht genau an den Moment erinnern, als ich zum ersten Mal Werke von Kahlo sah ... ich muss in der Mittelschule gewesen sein. Das war lange bevor ich meine Position als indigene Frau in der Diaspora verstand und wie sehr sich meine Identität von der von Kahlo unterschied; ich verwechselte Repräsentation mit Falschdarstellung. Mein Verständnis von Kahlo wandelte sich langsam, als ich mehr über den mexikanischen Nationalismus und das Fehlen indigener Stimmen erfuhr. Diese Bewegung ging Hand in Hand mit dem Erfolg von Kahlo.

Kahlo, Tochter eines Deutschen und einer Mestizin, gilt weltweit als Ikone, als Förderin der Kultur des indigenen Mexiko. Was sagen Sie dazu?

Dieses Narrativ muss hinterfragt werden. Es fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit Kahlo. Es ist wichtig aufzuzeigen, wie sie in ihrer Kunst und ihrem persönlichen Stil die Konstruktion eines mythologisierten Indianertums auf Kosten der indigenen Bevölkerung förderte. Kahlo beteiligte sich an der Mode ihrer Zeit, dem Indigenismo.

Was genau war der Indigenismo?

Vereinfacht ausgedrückt handelte es sich beim Indigenismo um eine kulturelle Ideologie, die von der weißen und mestizischen (spanische und indigene Mischlinge) Elite Mexikos formuliert wurde und darauf abzielte, sich eine verdauliche indigene Ästhetik für eine farbenblinde mexikanische Identität anzueignen – allerdings ohne den Beitrag der indigenen Völker. Diese Bewegung zielte auch darauf ab, die indigene Bevölkerung durch Umerziehung zu kulturellen Mestizen zu machen.

Und Kahlo hat sich diese Ideologie angeeignet?

Kahlo hatte nur eine oberflächliche Beziehung zu indigenen Kulturen und sagte einmal in einem Interview für Excélsior: „Ich war nie in Tehuantepec, (...) und ich habe auch keine Verbindung zu dieser Stadt, aber von allen mexikanischen Kleidern ist es das, das mir am besten gefällt, und deshalb trage ich es.“ Nichtsdestotrotz hat sie eine Karriere mit indigenen Kulturen gemacht. Die Faszination für Tehuana-Kleidung wurde insbesondere von den künstlerischen, kosmopolitischen Avantgardekreisen in Mexiko-Stadt gefördert. Die Aneignung war ein Beispiel dafür, wie die Erhabenheit indigener Kulturen sowohl Mestizen als auch weißen Stadtbewohnern schmackhaft gemacht werden konnte.

Sie sind eine Purépecha, gehören also zu einem indigenen Volk in Mexiko. Wie wurde und wird die Rolle von Kahlo in Ihrer Familie wahrgenommen?

Als indigenes Volk der Purépecha bewegen wir uns jeden Tag in verschiedenen Welten. Wir sind mit der mexikanischen Mestizo-Hegemonie vertraut und können uns in ihr bewegen, aber immer als partielle Außenseiter. Kahlo ist Teil der mestizischen Welt, die wir kennen, aber wir fühlen uns vielleicht nicht wohl dabei, darüber zu sprechen, weil wir kein Teil davon sind. Ich versuche, das zu ändern, denn wir brauchen mehr indigene Stimmen, um eine kritische Perspektive in eine Kultur einzubringen, die indigene Sichtweisen historisch ausgeschlossen hat.

Zur Sache

Die Künstlerin Frida Kahlo (1907-1954) ist nicht nur die populärste Malerin der Welt, ihr Charisma und ihr bewegtes Leben machten sie auch zu einer Kultfigur. Ihr Gesicht prangt auf Kissen und Bettwäsche, es gibt sie als Puppe und Schlüsselanhänger, ihr Leben wurde verfilmt. In ihren Gemälden stellte sich Kahlo immer wieder in traditioneller Landestracht und leuchtenden Farben dar. Ihr Engagement für Geschlechtergerechtigkeit und die Aufwertung der indigenen Kultur gilt als beispiellos.
Seit einiger Zeit jedoch mehren sich auch Stimmen, die der Künstlerin
kulturelle Aneignung der indigenen Kultur vorwerfen.

Die Ausstellung „Viva la Frida! - Life and Art of Frida Kahlo“ läuft bis zum 22. März 2022 im Drents Museum im niederländischen Assen. Neben Spitzenwerken aus der Sammlung Olmedo -der weltweit größten Kollektion mit Werken Kahlos – präsentiert die Schau auch persönliche Objekte der Künstlerin aus der Sammlung des Frida Kahlo Museums. Darunter sind Dokumente, Fotografien, Kleidung, bemalte Korsette, Schmuck und Spielzeug.

Der Bildband „Frida Kahlo. Sämtliche Gemälde“ ist unlängst erschienen. In dieser XXL-Monografie werden sämtliche 152 Gemälde Kahlos, kaum bekannte Fotografien, Tagebuchseiten, Briefe sowie eine umfangreich illustrierte Biografie publiziert. Herausgegeben von Luis-Martin Lozano (Taschen, 624 Seiten, 150 Euro).

Sie sagen also, dass Kahlos Faszination für die mexikanische Volkskunst mit der Realität der indigenen Bewohner nichts zu tun hatte.

Kahlos Faszination für die mexikanische Volkskunst entsprach dem Zeitgeist und ihrer Position als hellhäutige Mestizin ihrer Zeit. Indigenismo war in der künstlerischen Elite schick, und indigene Kleidung war beliebt. Aber nicht nur das, auch das Sammeln und Ausstellen von prähispanischen Artefakten und regionalen zeitgenössischen Waren war Teil dieser Fetischisierung. Diese privaten Ausstellungen waren eine weitere Möglichkeit, indigene Kulturen zu rekontextualisieren und sie zu einem mexikanischen Bereich zu machen. Die Wissenschaftlerin Miriam Oesterrich betont, dass es sich dabei nicht etwa um eine Wertschätzung der indigenen Kulturen handelte, sondern vielmehr um eine Aufwertung von Kahlos künstlerischem Status durch die Hervorhebung der Bezugspunkte. In diesem Zusammenhang förderte Frida Kahlos Privatsammlung ihr soziales Kapital.

Vor zwei Jahren haben Sie die Casa Azul in Mexiko-Stadt besucht, das Haus von Frida Kahlo, das in ein Museum umgewandelt worden ist. Was ist Ihnen dort aufgefallen?

Ich sah darin den Inbegriff mexikanischer Kultur und fühlte mich angesichts der Sammlung indigener kultureller „Artefakte“ und der Pyramide im Hauptinnenhof unwohl. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, wie all diese Dinge dorthin gelangt sind. Da ich aus einer indigenen Gemeinschaft stamme, die ihrer physischen Geschichte beraubt wurde, fühlte ich mich unwohl, wenn ich sah, dass so viele Kulturen in einer persönlichen Sammlung vereint waren – ich rang mit der Frage, ob Frida Kahlo trotz oder gerade wegen ihrer Mexikanität gefeiert wird.

Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie Kahlo ihre Identität konstruierte?

Mit Fridamania wird Kahlo weiterhin dekontextualisiert und rekontextualisiert, um einer Handvoll populärer Erzählungen zu entsprechen. Es gibt heute so viele Mythen, die mit ihr verbunden sind, dass es schwer ist, Fakten von Fiktion zu unterscheiden. Ich möchte das Gespräch wieder auf ihre historischen Bedingungen lenken.

Gegenwärtig gibt es einen intensiven Diskurs über die Neukontextualisierung indigener Kulturgüter. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass Frida Kahlos Ansatz in dieser Hinsicht bisher nicht öffentlich diskutiert wurde?

Da sind viele Faktoren im Spiel. Frida Kahlo ist eine globale Ikone. Es ist schwierig, die kanonisierten populären Erzählungen zu durchbrechen. Es ist auch ein Beweis dafür, wie erfolgreich die mexikanischen Bemühungen um den Nationalismus waren. Die koloniale Vergangenheit Mexikos einschließlich des nationalistischen Projekts hat dazu geführt, dass eine glorifizierte indigene Vergangenheit geehrt wird, während die heutigen pueblos originarios (indigene Völker) systematisch diskriminiert werden. Und schließlich hat der Mythos von monolithischen Latinx- und mexikanischen Gemeinschaften die Geschichten von Schwarzen und Indigenen in den Hintergrund gedrängt. Es gibt sicherlich mehr „indigene Stimmen“, die Kahlo kritisch gegenüberstehen. (Interview: Sandra Danicke)

Frida Kahlo gibt es auch als Barbie. Mattel degradiert die Malerin damit zu dem, was Barbie schon immer war: hübsches Beiwerk - ein Kommentar.

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