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Wassili Luckhardt, Volkstheater, vor 1921.

Ausstellung

Zum Volke hin

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Das Jahr 1918 und die "Freiheit der Kunst": Die Berlinische Galerie zeigt eine Ausstellung mit Werken der Novembergruppe.

Glaube versetzt Berge. Davon waren sogar die eher gottlosen Novembristen überzeugt. Das hochfliegende Ideal der anarchisch, dadaistisch, expressiv, futuristisch gesinnten Künstler war es, ganz ähnlich der russischen, frühsowjetischen Avantgarde, die Gesellschaft zu bessern und radikale Kunst für die „Neuen Menschen“ zu schaffen. 

November 1918: Noch aber war diese gerade erst entmonarchisierte Gesellschaft in Deutschland nicht so weit, hatte zu Ende des mörderischen Krieges keine Konturen und zudem mit Hunger, Not und der in Europa wütenden Spanischen Grippe zu kämpfen. Umso mehr standen alle Zeichen auf Um- und Aufbruch. In Berlin, zuerst sogar in Kreisverbänden quer durchs ganze Land, riefen Maler, Bildhauer, Dichter, Musiker, Architekten, Filmemacher nach den „Befreiungsenergien einer neuen Kunst“.

Die Novembergruppe war gegründet. Von ihr blieben dann, bis zum Verbot durch die Nazis 1935, nur Reste. Im Nu aber hatte die Vereinigung bis 1929, ausgerechnet dem Jahr der Weltwirtschaftskrise, mit ihrem Programm der offenen, experimentellen Stile 480 Mitglieder. Darunter solche mit bereits prominenten Namen, etwa George Grosz, Otto Dix, Max Pechstein, Conrad Felixmüller, Raoul Hausmann, Hannah Höch, Kurt Schwitters, Paul Klee, Piet Mondrian, Rudolf Belling, El Lissitzky, Walter Gropius und Walter Ruttmann, der 1927 den Film „Sinfonie der Großstadt“ drehte.

Die Vereinigung lehnte Dogmen ab, wollte in ihren Reihen alle bildnerischen und filmischen Stile versammeln, von Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Dadaismus bis zu Realismus, Abstraktion, Neue Sachlichkeit und auch der Idee vom „Neuen Bauen“, die das 1919 gegründete Bauhaus aufgriff. Die liberale Kunsthaltung entsprach den demokratischen Grundsätzen der Weimarer Republik. Und die Kunst wurde denn auch großzügig gefördert, mit Aufträgen, Stipendien, Ateliers und Kunst-am-Bau-Projekten. 

Dieser streitbaren Avantgarde der Moderne, die Freiheit, Demokratie und Vielfalt einforderte, bietet das Landesmuseum Berlinische Galerie nun, 100 Jahre später, ein großes Podium. 120 Werke von 70 Künstlern sind aufgeboten, die meisten Bilder und Dokumente gehören dem Landesmuseum selbst, das der Ausstellung eine enorme Forschungsarbeit vorangestellt hatte. Denn das eigentliche Archiv der Novembergruppe ist seit der NS-Zeit verschollen. Eberhard Roters, Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie, hatte weitsichtig angekauft und gesammelt. Ein Drittel der Schau besteht aus Leihgaben anderer Museen, davon wichtiger Werke aus der Nationalgalerie.

Den Prolog bilden agitatorische Plakate und Flugblätter, bei den Künstlern vom Rat der Volksbeauftragten bestellt, die die Bevölkerung nach dem 9. November 1918 aufriefen und beschwichtigten, Ruhe und Ordnung zu bewahren, kein Chaos, keine Gewalt zuzulassen. Der vormalige Brücke-Expressionist Max Pechstein steuerte eine heute dem Deutschen Historischen Museum gehörende Lithographie bei. Darauf hält ein Baby eine rote Fahne fest und schwarze Schrift warnt: „Erwürgt nicht die junge Freiheit durch Unordnung und Völkermord, sonst verhungern Eure Kinder.“

In den folgenden Ausstellungskapiteln in acht Sälen sind Bilder, Skulpturen, Filme und Modelle arrangiert, die in den knapp 17 Jahren Novembergruppe und deren 40 großen Ausstellungen, so auch bei den Großen Berliner Kunstausstellungen, zum Volke kommen wollten. 

Wir stehen vor euphorischen bis sarkastischen Werken vom damaligen „Who is who“ der Moderne. Die Farblithographie „Zerstörung und Hoffnung“ von Paul Klee sehnt das Kriegsende herbei. Moritz Melzer „segnet“ mit einem kühnen Lamellen-Bild den Frieden und die sich wie zu einem geometrischen Puzzle zusammenfindende Weimarer Republik. Der russische Konstruktivist Iwan Puni fügt im Berliner Exil 1921 Farbteile zusammen zum „Synthetischen Musiker“, heute eine Ikone der Berlinischen Galerie. Und die „Prounen“-Mappen El Lissitzkys, einst für die Große Berliner Kunstausstellung 1923 gedruckt, ergänzen exemplarisch den weltberühmten „Prounen“-Raum des Museums.

Conrad Felixmüller malte 1920 den missionarisch-aggressiven „Agitator“ (1946 Neufassung des kriegszerstörten Bildes). Und George Grosz setzte 1926 die „Stützen der Gesellschaft“ ins Bild: die schonungslos typisierten Staatsrepräsentanten, die Reichswehr, den versoffenen Militärseelsorger, den Alten mit Schmiss, Vatermörder, Hakenkreuz, Bierseidel, Florett. Und den fetten „Ostlandreiter“-Offizier mit aufgesägtem Schädel. Daneben der Journalist mit Nachttopf auf dem Kopf. Wo Grosz krass, heftig, bitterböse den Pinsel setzte, war der jüdische Farbfeldmaler Otto Freundlich ein lyrisch-abstrakter Träumer von einer harmonischen Welt. 1943 wurde er im KZ Lublin-Majdanek ermordet.

Der neusachliche Maler Karl Völker thematisiert in „Beton“ um 1924 das zukunftsgläubige Bauen in der Zwischenkriegszeit. Im benachbarten Ausstellungsraum belegen Modelle von Taut, Poelzig, Gropius, Mies van der Rohe, Scharoun oder Luckhardt die großen Architektur-Utopien der Weimarerer Republik. Die gingen freilich schwerlich zusammen mit den Visionen der anderen Sparten: 1927 brachen die Architekten mit der Novembergruppe. 

Zu den Ausstellungen der Novembergruppe kam „das Volk“ in Massen. Die einen akzeptierten den verstörenden, dabei immer auch elitären Anspruch der Kunst. Andere lehnten die „Befreiungsenergien“ aus den Reformtendenzen der Kaiserzeit heraus wütend ab. Das führte zu einer Hoch-Zeit der Kunstkritik in Presse und Radio. Markante Belege der Gemengelage sind die Collagen der Berliner Dada-Queen Hannah Höch. Ihre „Journalisten“ von 1925 bleiben als Zeitdokument für die disparate, hysterisch aufgeladene Stimmung. 

Die Novembergruppenkunst hat damals die Sehgewohnheiten verändert – bis die Feme der Nazis ihre fatale Wirkung tat. Nun sehen wir in der Berlinischen Galerie, welch denkwürdige, politische, epochale Kunst von den Novemberkünstlern bleibt: Kunst, die sich einmischte.

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