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Stillleben mit Orangen, Zitronen und blauen Handschuhen

Vincent van Gogh

Vincent van Gogh: Der Anfang von allem

Das Potsdamer Museum Barberini zeigt als erstes Ausstellungshaus der Welt ausschließlich die Stillleben Vincent van Goghs.

Van Gogh und kein Ende. Nach publikumsmagnetischen Bildversammlungen in Paris, London und ’s-Hertogenbosch eröffneten nun fast gleichzeitig im Potsdamer Barberini und im Frankfurter Städel Museum Ausstellungen mit Bildern des Niederländers (1853–1890). Der Hunger nach der Kunst dieses Vorreiters der Moderne ist ungestillt. Seinerzeit war er ein in bloß zehn Jahren gereiftes Genie. Er lebte in Armut, suchte obsessiv des Pudels Kern in der Malerei. Er war mehrmals unglücklich verliebt, wegen der Abweisung der Melancholie und dem Wahnsinn verfallen. Heute sind seine Bilder so rar wie unbezahlbar. Das alles macht den Mythos Van Gogh aus.

Es ist aber auch die Ironie der Kunstgeschichte. Sie repetiert liebend gern und wirkmächtig das Skandalöse: Das für Gefährten unerträgliche Verhalten des Pastorensohns und Sonderlings aus Groot-Zundert, seine Rastlosigkeit, die permanente materielle Bedürftigkeit, das abgeschnittene Ohr, das Psychiatriejahr in der Provence, der mutmaßliche Suizid im französischen Auvers prägen die Legende.

Vincent van Gogh im Städel

Wie wohltuend, dass es, wie schon im Städel (FR v. 23. 10.), auch im Barberini neben dem Mythos vornehmlich um den freilich eng mit der schwierigen Biografie verschränkten Malstil und dessen Wirkung auf die Kunst der Moderne bis heute geht. Dass Van Goghs Schaffen doch nicht auserzählt ist, beweist das Barberini in dieser erlesenen Schau des Chefkurators und Van-Gogh-Forschers Michael Philipp. Wer nun erwartet, auf die delirierenden Nachthimmel und ein Defilee der zum Label gewordenen, von der Souvenirindustrie arg vernutzten Sonnenblumen zu treffen, könnte enttäuscht sein.

Als erstes Ausstellungshaus der Welt widmet das Barberini sich ausschließlich den Stillleben Van Goghs. 170 hat er hinterlassen, ein großer Anteil des Genres unter seinen insgesamt 864 Gemälden. Das Museum bekam 27 Leihgaben, aus dem Van-Gogh-Museum Amsterdam, aus dem Kröller-Müller-Museum Otterlo sowie aus Sammlungen in aller Welt.

Stillleben mit fünf Flaschen, 1884.

Wir stehen vor Vincents allererstem Bild. Da war er 27 und malte einen Kohlkopf und Klompen (Holzpantinen). Am anderen Ende der Schau hängt das letzte Stillleben, wenige Wochen vor dem Tod gemalt: eine Kastanienkerze in voller, geradezu expressiver Blüte. Symbol des Lebens.

Wir sehen, wie er sich an der niederländischen Stilllebentradition des 17. und 18. Jahrhunderts, am rembrandtesken Licht auf dunklem Grund abarbeitete. Dafür aber nahm er keine exotischen Gegenstände wie seine Vorfahren aus dem Barock. Er wählte in inniger Nähe zur Natur Kartoffeln, Zwiebeln, Kohlköpfe, Kürbisse, Gräser, verschrumpelnde Zitrusfrüchte als morbide Symbole der Vergänglichkeit, schlichte Feld- wie Gartenblumen, in denen er die Schönheit der Natur beschwört. Und sogar die eigenen groben Schuhe, wie zum Zeichen des Ankommens und des Weglaufenwollens.

Museum Barberini,Potsdam: bis 2. Februar 2020. Katalog (Prestel) 29,95 Euro. 

Alle diese eher banalen Dinge erhob er zur Kunst, gab ihnen ein Eigenleben. Noch im düstersten Vogelnest glühen geheimnisvoll alle Farben dieser Welt leidenschaftlich auf. Und erst recht pulsiert das Leben, wo er Natur und Gegenstände im Kolorit des französischen Südens auf die Leinwand setzte, mit den Komplementärfarben experimentierte, seinen markanten Personalstil gefunden hatte. Der Einfluss des japanischen Farbholzschnittes verstärkte die Wirkung. Jedes Motiv ist mit persönlichen Bezügen symbolisch aufgeladen: Flaschen, derbes Bauerngeschirr, Pfeife, Briefe, Kerzen. An den Bruder Theo schrieb Van Gogh: „Ich übernehme von der Natur eine gewisse Reihenfolge und Genauigkeit der Platzierung der Töne, ich studiere die Natur, damit ich keinen Unsinn mache und vernünftig bleibe; doch ob meine Farbe buchstäblich genau dieselbe ist, daran liegt mir nicht weiter viel, wenn sie nur auf meinem Bild gut wirkt …“

In zwei gegenüberliegenden Saalfolgen werden die Nature-morte-Motive geradezu feierlich auf dunklem Wandgrund und in kostbaren Prunkrahmen zelebriert. „Stillleben malen ist der Anfang von allem“, schrieb der Maler 1884 an Theo, seinen einzigen Mäzen. Ihm ging es nicht nur um die Wiedergabe der Gegenstände, sondern darum, der Natur und den Dingen Leidenschaft zu verleihen. Alle diese stillen Bilder dienten Van Gogh auch zur Selbstvergewisserung.

Nicht zuletzt reagierte er so auf den übermächtigen Impressionismus, den er in Paris zwischen 1886 und 1888 kennenlernte und aufsog wie einen Schwamm – um sich bald darauf davon abzusetzen. Mit einem eigenwilligen, keiner Mode gehorchenden Stil, der dennoch im letzten Jahrhundert gewiefte Fälscher auf den Plan rief.

Die Mohnblumen sind echt

In einem der beiden Säle hängt eine Sensation. Das Bild ist ein widerlegter Irrtum, ein ausgeräumter Zweifel: Forscher des Van-Gogh-Museums Amsterdam stellten vor Monaten die Echtheit der „Vase mit Mohnblumen“ fest, gemalt 1886 unter dem wohl überwältigenden Eindruck der Pariser Impressionisten. Über 30 Jahre lang galt das faszinierende Gebinde – einst das Juwel des Hartford-Wadsworth-Atheneum-Museums in Connecticut – als Fälschung und lagerte im Depot. Dorthin gelangt war das für Van Gogh untypische, in Lasurtechnik statt mit dem strich- oder kommaartigen Stakkato gemalte Motiv Ende der 50er Jahre durch eine private Schenkung.

Vor Monaten gelangten die Forscher des Van-Gogh-Museums Amsterdam mit neuesten Hightech-Untersuchungen, Stil- und Pigmentanalysen zu dem Ergebnis: Die Mohnblumen sind echt. Auch enthält ein Brief von 1886 an den Freund Horace Livens die Schilderung, wie er den Sommer damit verbrachte, einfache Blumen zu malen: Mohnblumen.

Die Mohnblumen wachsen aus der weißen Vase förmlich heraus, glühen, recken uns ihre geöffneten Blätter und ihre noch verkapselten Knospen entgegen. Der Hintergrund in Blau und Schwarz deutet ein wenig den typischen Van-Gogh-Himmel an. Der Streit um das Bild ist Vergangenheit. Nun hängt es wieder im Licht, feiert Wiederauferstehung in Potsdam.

Führungen im Städelmuseum erklären, wie deutsche Museen und Galerien Vincent van Gogh zur Geltung verhalfen.

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