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Adolph Menzel, "Borussia", 1868.

Berlin

Ein vielsagender Rücken

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Das Deutsche Historische Museum zeigt die Geschichte eines seiner Bilder.

Lange betrieb man Provenienzforschung nur zur Beantwortung der Frage: gefälscht oder echt? Seit 20 Jahren aber geht es darum, ob es sich um sogenannte Raubkunst handelt, also darum, ob Kunstwerke rechtlich korrekt den Besitzer wechselten.

1998 kam es zur Washingtoner Erklärung, in der die Unterzeichnerstaaten sich bereit erklärten, die Herkunft der in ihren Sammlungen befindlichen Werke zu untersuchen und diese gegebenenfalls den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben.

Das erste Kunstwerk aus deutschem Bundesbesitz, das aufgrund dieser Erklärung an die Eigentümer zurückging, war „Borussia“ von Adolph Menzel (1815-1905). Das war im Jahre 2000. Die Erben gaben das Bild an das Auktionshaus Villa Grisebach. Dort kaufte es 2001 das Deutsche Historische Museum (DHM).

Bis zum 3. Februar zeigt das DHM in einer kleinen Sonderausstellung in der Dauerausstellung die Wanderung des Gemäldes vom Haus des Künstlers in der Berliner Luisenstraße durchs 19. und 20. Jahrhundert bis ins nahe Zeughaus.

Angefangen hatte das Ganze mit einer Hungersnot 1867 in Ostpreußen. Den notleidenden preußischen Landsleuten – das Deutsche Reich gab es noch nicht – sollte ein Wohltätigkeitsbasar aufhelfen. Er fand vom 27. bis 31. Januar 1868 im Berliner Schloss statt. Fünf Künstler hatten Bilder zur Verfügung gestellt, die die verschiedenen preußischen Provinzen, gewissermaßen als Nothelfer, darstellten. Zu diesen preußischen Provinzen gehörten auch, das gab der Sache einen besonderen Geschmack, die frisch eroberten Staaten Hessen, Sachsen und Schleswig Holstein.

Der Basar spielte insgesamt mehr als 60 000 Taler ein. Für zweitausend erwarb der Bankier Alexander Mendelssohn (1798-1871) die fünf Gemälde. Über den Verbleib der anderen ist nichts bekannt. Dafür ist die Geschichte von Menzels „Borussia“-Bild gut überliefert. Die Ausstellung zeigt sie. Man sollte aber unbedingt auch noch den kleinen Katalog zu ihr konsultieren. Es gibt ihn nur im Netz auf der Website des Deutschen Historischen Museums.

Alexander Mendelssohn war Jude, ein fleißiges Mitglied seiner Gemeinde. Der Letzte seiner Familie, heißt es, der es ablehnte, zum Christentum überzutreten. Aber er war auch, so sagte man damals: gut preußisch. Man versteht die deutsche Geschichte und die Geschichte des deutschen Antisemitismus nicht, wenn man nicht begreift, wie verbreitet diese Haltung war.

Als seine Nachkommen von den Nationalsozialsten verfolgt und beraubt wurden, verkaufte Marie Mendelssohn 1937 dem Kunsthändler Karl Haberstock (1893-1963), seit 1933 Mitglied der NSDAP, die „Borussia“. Marie Mendelssohn erhielt 19 000 Reichsmark für das Bild. Haberstock verkaufte die „Borussia“ 1940 für 48 000 Reichsmark an die Reichskanzlei. Bei einer Vernehmung erklärte Haberstock 1952, ihm sei damals von einer Verfolgung der Familie Mendelssohn nichts bekannt gewesen. Man fragt sich, warum nicht 1952, als alle wussten, wer der rechtmäßige Eigentümer des Bildes gewesen war, jemand an eine Rückgabe dachte.

Oh doch – gedacht wurde daran. Aber eben nicht gemacht. In einem Inventarverzeichnis aus den Jahren 1945/1949 findet sich eine genaue Darstellung der An- und Verkaufsgeschichte und der Vermerk „Restituiert“. Beides wurde durchgestrichen.

Auch der größte Menzel-Verehrer wird zugeben, dass diesmal die Rückseite des Gemäldes mit ihren Hinweisen auf die Besitzer interessanter ist als die Vorderseite. Darum heißt die Ausstellung auch „Rückansicht – Die verborgene Geschichte eines Gemäldes von Adolph Menzel“. Wenn Sie genau hinsehen, entdecken Sie die Namen Menzel und Mendelssohn. Wenn Sie noch genauer hinschauen, lesen Sie oben in der Mitte 8877. Das ist die Nummer, die Menzels „Borussia“ von den US-Behörden bekam, als sie einen Teil der Nazi-Kunstschätze am Central Collecting Point in München registrierten. Sie werden auch den Zettel des Auktionshauses Grisebach lesen können, von dem das Deutsche Historische Museum das Bild erwarb.

Die barmherzige „Borussia“, gemalt, um den Notleidenden zu helfen, kündet – freilich nur auf der Rückseite – von einer noch viel schrecklicheren Geschichte. Man sieht die, denen alles genommen wurde und die, die es sich nahmen und die, die dann jahrzehntelang so taten, als sei nichts geschehen.

Im Katalog zu der kleinen Ausstellung steht: „2017 konnten erstmals zwei befristete Projekte begonnen werden, die in Teilbereichen der Sammlung wichtige Erkenntnisse eröffnen sollen.“ Erstmals! Was haben die Vorgänger von Raphael Gross, dem neuen Direktor des Deutschen Historischen Museums, in den vergangenen Jahrzehnten getan?

Thomas Mann schrieb über einen erfundenen Kollegen, er sei Schriftsteller und darum falle ihm das Schreiben besonders schwer. Den Historikern scheint es mit der eigenen Geschichte nicht anders zu ergehen.

Deutsches Historisches Museum Berlin: bis 3. Februar. www.dhm.de

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