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Verwerfungen im Verlauf der Geschichte

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Von: Ingeborg Ruthe

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Peter Friedl, „The Dramatist“ (Black Hamlet, Crazy Henry, Giulia, Toussaint), 2013.
Peter Friedl, „The Dramatist“ (Black Hamlet, Crazy Henry, Giulia, Toussaint), 2013. © Frank Sperling/Peter Friedl & Guido Costa Projects

„Report 1964-2022“ in den Berliner Kunst-Werken: Der Österreicher Peter Friedl und seine politische Kunst.

Der Titel lässt keinen Zweifel daran, dass es politisch zugeht im Erdgeschoss des Instituts Kunst-Werke in Berlin-Mitte. Der Österreicher Peter Friedl nennt seine Ausstellung „Report 1964–2022“. Dieser Langzeit-„Prüfbericht“ des Konzeptkünstlers kann zwar die jüngste russische Aggression in der Ukraine nicht mehr als konkretes Thema erfassen. Doch liefern die bösartigen Begleiter der menschlichen Zivilisation – Krieg, Krise, Gewalt, Kolonisation und Manipulation – den Subtext in den Arbeiten des 61-Jährigen.

Dreimal schon war Friedl zur Documenta eingeladen, auch zur Biennale Venedig. In Österreich ignorierte man ihn indes lange. Das änderte sich 2017 schlagartig mit Friedls Auftritt auf der Documenta 14. Jetzt ist in Berlin mit „Report“ ein signifikanter Werkteil seiner herausfordernd-unbequemen Ästhetik zu sehen. Und Österreichs Bundesministerium für Kultur fördert die Berliner Ausstellung.

In der vom KW-Direktor Krist Gruijthuijsen gleichsam als Archiv-Exkurs kuratierten Friedl-Schau gibt es Vitrinen voller seit vierzig Jahren akribisch datierter Tagebücher. Man trifft im Video Kinder in Sophiatown/Johannesburg, einem Ort der Apartheid-Geschichte, wo ein Sänger ihnen Texte aus dem Musical „King Kong“ vorträgt. Im nächsten Raum liegen exotische Tierkostüme – Löwe, Leopard, Krokodil, Strauß –, jedoch nicht zum Anziehen und Spielen, wie es zunächst scheint. Eher wirken sie wie Kadaver vom Aussterben bedrohter Spezies.

Ansatzlos wechseln Zeiten, Orte, Perspektiven und Genres. Wenn Peter Friedl uns in passgenauen Vitrinen all seine Tagebücher wie Sedimente seines Künstlerlebens und damit zugleich dessen Vergeblichkeit vorführt, dann wirkt das fast intim. Auch wenn keiner darin lesen darf.

Und immer wieder bezieht er sich auf die Poetik und Darstellungsweisen des Theaters. Gefügt wie zu hohen, breiten Kulissen, hängen links am Zugang zur KW-Halle 85 sarkastische, witzige, auch zärtliche Zeichnungen, dazu Zeitungsausschnitte, Skizzen als Statement zur Lage der Welt. Auf der rechten Seite sind es 70 Blätter, jedes einzelne eine Mitteilung, ein Kommentar, eine Frage. Das Tableau ist Friedls Version zur „Theory of Justice“ – für jenen 1971 unternommenen Versuch einer Erneuerung der Gesellschaftsvertrags-Theorie des US-Philosophen John Rawls für Gerechtigkeit und Gleichheit.

Gleich darauf gibt es die Begegnung mit „The Dramatist“, Friedls Marionettenensemble – vier Puppen an von der Hallendecke hängenden Fäden. Sie stellen historische Personen dar, die in Umbruch-Zeiten für den weiteren Verlauf der Geschichte von Bedeutung waren. Irrtum, wer nun Staatsmänner, Diktatoren oder Dichterinnen und Denker erwartet. Peter Friedl stellt „John“ Chavafambria, den afrikanischen Wahrsager Anfang des 20. Jahrhunderts, genannt der „schwarze Hamlet“, ins Rampenlicht. Daneben Henry Ford, Gründer des Automobilkonzerns, Julia Schucht, Gattin des Philosophen Antonio Gramsci, und Toussaint Louverture, Anführer der Haitianischen Revolution von 1791. Jeder und jede wirkte zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Weltteilen. Jetzt hängen sie da als Denkmale, steif und stumm.

Dann schaut man per Video auf eine Bühne ohne Bühnenbild. Die Akteurinnen und Akteure leisten einen Beitrag zur Integrationsdebatte, die zwischen den Polen Toleranz und Ablehnung, zwischen Vielfalt und Assimilation allzu oft die Grautöne und die Verwerfungen der (Über-)Anpassung ignoriert. Migrantinnen und Migranten tragen Passagen aus Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ vor. Damit nimmt Friedl Passagen seiner Arbeit für die Documenta 14 in Athen 2017 wieder auf. Schon damals ließ er in Griechenland Migranten aus aller Welt im Nationaltheater Kafkas „Monolog des Affen“ rezitieren, unter anderem auf Farsi, Russisch, Swahili, Arabisch.

Mit seinem Beharren aufs Nichterzählen entzieht Friedl seinen Installationen und Videos jede Geschmeidigkeit. Er stellt Konfigurationen der Macht infrage. Er setzt voraus, dass das Publikum eine Haltung einzunehmen in der Lage ist – auf unbequeme Wahrheit, auf die brennenden Fragen der Welt.

KW Institute for Contemporary Art , Berlin: bis 1. Mai. www.kw-berlin.de

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