Nürnberg, 28.06.2015, am Tatort des NSU-Mordes an Enver Simsek.
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Nürnberg, 28.06.2015, am Tatort des NSU-Mordes an Enver Simsek.

Tatorte des NSU

Verstörende Protokolle

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Regina Schmekens Fotografien von den Tatorten des NSU im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Fast alle Bilder, die im Kontext der Terrormorde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) veröffentlicht wurden, erzählen die Geschichte der Täter. Immer wieder blickte man nach Bekanntwerden der Mörder im November 2011 in die Gesichter von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sowie der als Mittäterin angeklagten Beate Zschäpe. Das Terrortrio auf Partys und im Urlaub, der angemietete Campingwagen als Symbol einer freien nomadischen Existenz. Erst allmählich wurden die Bilder dann abgelöst von jenen über die Prozessberichterstattung der in München vor Gericht stehenden Zschäpe. Eine sich selbstbewusst gebende Frau, im Hosenanzug und im weißen Hemd wirkt sie wie eine, die genau weiß, dass es darauf ankommt, die Deutungshoheit über die Bildsprache zu behalten.

Diese Möglichkeit haben die zehn Mordopfer, die von dem Trio mutmaßlich zwischen 2000 und 2007 getötet wurden, nicht. Der Blechrost zum Abstreifen der Schuhsohlen ist ausgetreten, über dem Schaufenster des einstigen Internetcafés in der Holländischen Straße in Kassel hängt ein loses Kabel heraus. Halil Yozgat war 21 Jahre alt, als er in dem Ladengeschäft getötet wurde, das ihm doch die berufliche Existenz sichern sollte. Das einstige Internetcafé steht leer, die Fenster haben nichts zu zeigen. Es ist eine bedrückende Leere, die von diesem Ort ausgeht. Oder ist man als Betrachter bereits dabei, ihm diese Bedeutung nachträglich zuzuschreiben?

Die Fotokünstlerin und für die „Süddeutsche Zeitung“ als Pressefotografin arbeitende Regina Schmeken hat die Tatorte des NSU wiederholt aufgesucht und sie mit ihren fotografischen Mitteln dokumentiert. Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt die großformatigen Bilder nun in einer Schau in zwei abgedunkelten Räumen. Es sind verstörende Protokolle einer deutschen Alltagstristesse, die auch ohne das Wissen um die kaltblütigen Taten ihre Wirkung nicht verfehlen. Es ist ein Deutschland von hinten, heruntergelassene Jalousien in der Mallinckrodtstraße in Dortmund, wo Mehmet Kubasik am 4. April 2006 starb. Eine Hofeinfahrt und eine Hauswand, auf der die Parole aufgesprüht ist: Nazibanden zerschlagen.

Der Blumenhändler Enver Simsek wurde am 9. September 2000 an seinem Blumenstand in der Liegnitzer Straße in Nürnberg erschossen. Der Stand war günstig gelegen zwischen drei Autobahnen. Autofahrer konnten hier bequem halten, um schnell noch ein paar Blumen mitzunehmen. Enver Simsek war gerade im Laderaum seines Transporters beschäftigt, als sich zwei Männer in Radlermontur in das Auto beugten und mit zwei Pistolen acht Kugeln aus nächster Nähe auf ihn abfeuerten.

Regina Schmeken muss auf den Boden am Straßenrand gekniet haben, um den Blumenstand mit einem Weitwinkelobjektiv zu fotografieren. In anderen Einstellungen von dem Ort sieht man vorbeifahrende Autos, zwei Menschen auf einem Motorroller verleihen der Szene fast eine idyllische Note. Soll man bei der großen Pfütze an der Straße an eine Blutlache denken?

Regina Schmeken macht keine Vorgaben. Der naheliegenden Gefahr, die Fotos von den Tatortorten mit mythischer Bedeutung aufzuladen, entgeht sie in der Ausstellung geschickt dadurch, dass sie sie jeweils in Triptychons präsentiert. Man durchstreift die Ausstellung gewissermaßen mit einem filmischen Blick, das jeweilige Bild konkurriert bereits mit dem nächsten um Aufmerksamkeit. Regina Schmeken vermeidet so den Eindruck einer Szenerie des Heroischen, den die Einzelbilder bisweilen zweifellos annehmen.

Dabei bildet Regine Schmeken nicht nur Tatorte ab, sie zeigt auch den Alltag nach dem Terror. Die Kölner Keupstraße, in der am 9. Juni 2004 bei einem Nagelbombenangriff 22 Menschen zum Teil schwer verletzt wurde, galt vor und nach dem Attentat als ein Beispiel urbaner Segregation, das türkisch-kurdische Geschäftsleben dominiert die Straße in dem belebten Stadtteil von Köln-Mühlheim, der fortan Stigma und Normalität miteinander zu verknüpfen lernen musste.

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu hat Recht, wenn er im Katalog zur Ausstellung von einer großen Beschädigung spricht, die in den Bildern sichtbar wird. Sie verweisen auf den Verlust einer zivilisatorischen Geborgenheit. „Regina Schmeken hat die Orte des Verbrechens aufgesucht, sie hat sich für Schwarzweißfotografien entschieden, sie zeugen von ihrer großen Kunst. Schaut man böse Orte, Schauplätze, Hinrichtungsstätten? Ich wollte den Blick vor Kummer abwenden und konnte es doch nicht. Es fehlt auf jedem Bild der entscheidende Mensch: der hingerichtete Mann, die hingerichtete Frau. Die Fotografin hat diese grauenhafte Leere eingefangen. Dafür gebührt ihr mein Dank.“

Martin-Gropius-Bau, Berlin: bis zum 29. Oktober. Der Katalog im Hatje Cantz Verlag. www.berliner-festspiele.de

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