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Seram: Zeichnungen auf Bambusrohren aus der Kolonialzeit wurden lange nicht beachtet.
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Seram: Zeichnungen auf Bambusrohren aus der Kolonialzeit wurden lange nicht beachtet.

Museum Weltkulturen

Versteckt vor den Augen der anderen

  • Jakob Maurer
    VonJakob Maurer
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Eine Ausstellung im Frankfurter Weltkulturen Museum hebt marginalisierte Perspektiven hervor – von gestern und heute.

Tiefschwarz überdeckt helles Gelb. Darunter lugt leuchtendes Rot hervor, links Blau und rechts Ocker: Bunte Flächen überlagern sich auf dem Plakat zur Ausstellung „Hidden in plain sight“ (etwa: versteckt vor aller Augen) des Weltkulturen-Museums in Frankfurt. „Vom Unsichtbarmachen und Sichtbarwerden“ lautet der Untertitel.

Die Farbflächen liegen nicht gleichberechtigt nebeneinander, es ergibt sich eine Hierarchie: Je weiter oben eine Farbe, desto mehr ist von ihr zu sehen.

In gewisser Weise vermittelt das Plakat genau das, wofür vielfältige Exponate zwischen indigener und zeitgenössischer Kunst in den Räumen des Weltkulturen- Labors sensibilisieren sollen: Nicht etwa für die Farbenlehre, sondern dafür, dass es in der Gesellschaft und in der Kunst dominierende Sichtweisen gibt, die andere Perspektiven verdrängen, übertönen oder überlagern – besonders in der Ethnologie mit ihrem oftmals kolonialen Erbe.

In den Räumen der Ausstellung wird die Selbstkritik und -reflexion eines Faches erlebbar, der im Haus auch im Jahr 2018 mit „Gesammelt. Gekauft. Geraubt?“ eine Schau gewidmet war. Da sind zum Beispiel Bambusrohre, die in den 1930er Jahren bei einer Expedition von der heute indonesischen Insel Seram mitgenommen wurden. Ihr Entdecker notierte, sie seien Behälter für Kanarinuss-Paste. Mit diesem Wissensstand gingen sie in den Fundus des Weltkulturen-Museums über, das damals noch Völkerkundemuseum hieß.

Unerwähnt blieb dabei jedoch das Auffälligste an den Gegenständen: An den Außenseiten der Bambusröhren sind mit Brandritzungen Szenen eingearbeitet. Sie zeigen menschliche Figuren, Aktivitäten und Tiere. Heute geht man davon aus, dass lokale Künstler und Künstlerinnen damit Begegnungen dokumentierten zwischen den Menschen auf Seram und denen aus Europa. Doch diese indigene Perspektive auf die Kolonialzeit fand jahrzehntelang keine Beachtung.

Nun hängen die Rohre aus Seram freischwebend in einem Glaskasten und sind von allen Seiten zu sehen. Exemplarisch sollen sie „ein Aufruf sein, die Dinge neu zu betrachten“, anderes Wissen, das ausgelöscht wurde, wieder sichtbar zu machen, sagt Stephanie Endtner. Gemeinsam mit Julia Albrecht hat sie die Ausstellung kuratiert. Beide arbeiten im Museum in der Bildung und Vermittlung.

Hör- und sichtbar werden die marginalisierten Stimmen und Gesichter an vielen Stellen der Ausstellung. Etwa in Flechtkörben, in die die 2018 gestorbene Cherokee-Künstlerin Shan Goshorn kleine Porträtfotos eingearbeitet hat. Sie zeigen bedeutende Cherokee-Frauen und sollen daran erinnern, dass sie in der indigenen Volksgruppe eine wichtige Rolle spielten und spielen – trotz Gewalt und Unterdrückung.

An der Wand daneben ist ein Netz des Widerstands aufgespannt: Patrice Lumumba, 1960 erster Premierminister des unabhängigen Kongo, James Baldwin, afroamerikanischer Schriftsteller und Aktivist, oder Sitting Bull, wichtiger Anführer der Sioux und Kämpfer gegen die Landnahme: Zahlreiche kurze Steckbriefe von Widerstandskämpfern und -kämpferinnen sind verknüpft und sollen zeigen, so Albrecht: „Widerstand gab es schon immer in sehr unterschiedlicher Form.“ Wenn die Ausstellung, die zunächst bis zum 18. Juli laufen soll, für Gäste öffnet, haben diese hier die Gelegenheit, selbst Steckbriefe von Aktivisten auszufüllen, die das Netz wachsen lassen könnten.

Schwarz, Gelb, Rot, Blau und Ocker: Das bunte Plakat könnte noch etwas ausdrücken. „Deutschland ist sehr divers geworden“, sagt Museumsdirektorin Eva Raabe. „Mit dem Thema muss man sich auseinandersetzen.“ Marginalisierte Perspektiven im Hier und Jetzt bekommen ebenfalls eine Bühne. Die mobile Bibliothek „Sichtbar“ der in Darmstadt lebenden FrauHerr Meko etwa schafft einen Raum für Bücher mit queeren Inhalten und Schwarzen Perspektiven sowie Kinder- und Jugendliteratur, die von Menschen aus Gruppen erzählt, die sonst unterrepräsentiert sind.

Weltkulturen Museum, Frankfurt: bis 18. Juli. Derzeit noch geschlossen. Zum Digitalprogramm der Schau gehören verschiedene Workshops. Für heute Abend, 20. Mai, 19 Uhr, lädt das Museum außerdem zu einem Gespräch u. a. mit Direktorin Eva Raabe zur Rolle ethnologischer Museen im 21. Jahrhundert ein. www.weltkulturenmuseum.de

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