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Alberto Giacomettis berühmter „Taumelnder Mann“ (1950).
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Alberto Giacomettis berühmter „Taumelnder Mann“ (1950).

Giacometti-Ausstellung in Wolfsburg

Verschwimmend in hellen Nebeln

  • VonPeter Iden
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Exponate von außerordentlichem Rang: Die Ausstellung „Der Ursprung des Raums“ im Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Giacometti, wie er so zuvor noch nicht gesehen wurde. Denn die Ausstellung zeigt die Werke nicht nur, sie will sie auch interpretieren.

Es lässt sich an den Ausstellungen des Kunstmuseums in Wolfsburg, seit Markus Brüderlin dort Verantwortung übernommen hat, eine Tendenz beobachten, die Werke der Künstler mit Hilfe besonderer, jeweils wechselnder Präsentationsformen gezielt zu befragen: nach dem Gehalt, der über die sinnlichen Reize ihrer materiellen Erscheinung hinausweist in Dimensionen der Vergeistigung. Es geht um einen Zug ins Transzendente, auch Spirituelle.

Das war zuletzt auffällig an den als Meditationsräume inszenierten Licht-Installationen des Amerikaners James Turrell wie an der dem Anthroposophen Rudolf Steiner und den von ihm beeinflussten Künstlern gewidmeten Schau. Und es gilt nun auch für die jüngste, von Brüderlin gemeinsam mit Toni Stoos vom Museum der Moderne in Salzburg konzipierte Wolfsburger Ausstellung von sechzig Skulpturen und dreißig Bildern Alberto Giacomettis: Sie zeigt Giacometti, wie er so zuvor noch nicht gesehen wurde.

Schon der Titel „Der Ursprung des Raums“, der sich auf eine Äußerung Giacomettis bezieht, der Raum existiere nicht, man müsse ihn schaffen, signalisiert einen bis zu Kant zurückführenden analytischen Anspruch. Das Risiko aber, mit derart hoch greifenden Ansätzen das gegebene Material, hier die Skulpturen Giacomettis, in der Praxis der Einrichtung einer Ausstellung einem theoretischen Überbau zwanghaft anzupassen, liegt auf der Hand.

Die Pole des Daseins

Dieser Gefahr ganz entgangen ist man in Wolfsburg nicht. Nicht von ungefähr hebt Brüderlin im Katalog als zentrales Thema von Giacomettis Oeuvre den Gegensatz von Materie und Geist hervor, die der Künstler als „Pole des Daseins“ erlebt und in seinen Arbeiten habe anschaulich werden lassen: Es ist ein Widerspruch, der auch in der für die Präsentation mitsamt sehr eigenwilligen Ausleuchtungen eigens entwickelten Architektur erkennbar wird.

Die Umgebung der Werke will diese nämlich nicht nur zeigen, sondern sie zugleich auch interpretieren. Der vor allem von den Giacometti-Stiftungen in Paris und Zürich nach Wolfsburg ausgeliehene Bestand an markanten Werken aus den verschiedenen Arbeitsphasen des Künstlers ist von außerordentlichem Rang – von den auf das surrealistische Frühwerk folgenden Miniaturen aus den vierziger Jahren über die hohe Figur des „Taumelnden Mannes“ (1950), den Gestalten der einsamen „Stehenden“ und alleine oder zu mehreren „Schreitenden“, bis zu den späten Büsten, für die der Bruder Diego als Modell fungierte. Jedoch wird das alles nun nicht ohne Penetranz zelebriert, dem Betrachter auch entrückt in wie von hellen Nebeln durchzogenen Räumen und Kabinetten, alle in weiß, die er häufig nicht betreten soll. Manche der Figuren werden nur sichtbar als vage Konturen, sich entziehend in die um sie herum durch raffinierte Lichtführungen, so, als hätte Turrell die Hand im Spiel, forciert inszenierte Leere.

Falsches Paths

Zweifellos sind diese Nebel, aus denen die Figuren verschwimmend sich abheben wie in weiter Ferne, von einiger Faszination. Schon Jean-Paul Sartre hatte die Skulpturen Giacomettis angesiedelt in einer Zone zwischen „Erscheinungen und Entschwindungen“. Aber das war der Versuch einer Bestimmung, die sich herleiten lässt aus den Werken selber, nachweisbar ist an jeder einzelnen Skulptur. Wie andere Qualitäten auch: der Eindruck einer Einsamkeit, die existenziell ist; das Fragmentarische, immer von Scheitern Bedrohte; die Skulptur, so wie Rilke das Gedicht verstand als Gedanken über die Möglichkeit von Gedichten, als Versuch über die Möglichkeit der Skulptur.

In Wolfsburg wird von solchen Momenten an den Werken Giacomettis oft abgelenkt, indem sie gleichsam zusätzlich, über die einzelne Skulptur hinaus, durch das aufwendige Ambiente illustriert werden. Jede der Arbeiten schafft aber eine Wirklichkeit aus und für sich – es braucht keine andere, die ihr aus- und aufhilft. Zumal manche der als Stützung gedachten Maßnahmen auch in ein falsches Pathos abgleiten. Mit dem Spirituellen hat es in der Kunst eben eine eigene Bewandtnis: Man gerät dabei leicht in jenes Raunen, das einst Adorno an Heidegger so nachdrücklich monierte.

Trotz dieser Einwände sind die in Wolfsburg unternommenen Anstrengungen bemerkenswert. Es wurden jedenfalls keine Mittel gescheut. Plastiken von Bruce Naumann, Thomas Schütte, Franz West, auch Fotos von Andreas Gursky erweitern die Ausstellung um vermutete Einflüsse Giacomettis auf diese Künstler der ihm nachfolgenden Generation.

Kunstmuseum Wolfsburg: bis 6. März.

www.kunstmuseum-wolfsburg.de

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