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NICARAGUA. Monimbo. 1979. Monimbo woman carrying her dead husband home to be buried in their backyard.
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NICARAGUA. Monimbo. 1979. Monimbo woman carrying her dead husband home to be buried in their backyard.

Fotografie Forum Frankfurt

Verfolgte dieser Welt

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt dokumentarische Bilder von Susan Meiselas.

Ich kann der Tatsache nicht entkommen, dass ich die reisende Ausländerin bin“, sagte die US-amerikanische Fotografin Susan Meiselas bei der Eröffnung ihrer Ausstellung im Fotografie Forum Frankfurt. Aber sie tut viel dafür – vermutlich mehr als jeder andere Fotojournalistenkollege –, dass sie in den Ländern, über die sie berichtet, dass sie also bei den Menschen, die sie abbildet, nicht nur auf der Durchreise ist. Sie kehrt zurück, sie fragt nach. Manchmal hat sie ihre eigenen Bilder im Gepäck, folgt also ihren Spuren wie auch denen der von ihr Porträtierten. Beharrlich. Unermüdlich. Mit einem Interesse, das über das einer reisenden Ausländerin dann doch hinausgeht.

Schon lange war Celina Lunsford, künstlerische Leiterin des Fotografie Forums, daran interessiert, Arbeiten der 1948 geborenen Magnum-Fotografin zu zeigen. In diesen Tagen aber wirkt „Carrying the Past, Forward“ wie eine Ausstellung zur Stunde. Denn zwei zentrale Werkgruppen sind in Frankfurt vertreten: Die eine – „Kurdistan: In the Shadow of History“ – dokumentiert über Jahre Schicksal und Leid der Kurden; die andere – „Crossings“ – erzählt von im Verborgenen Lebenden, von Fliehenden. Sei es, dass sie sich mit dem herrschenden Regime angelegt haben. Sei es, dass sie einer gewalttätigen Gesellschaft und/oder einer wirtschaftlichen Misere entkommen wollen. Letztere suchte, begleitete Susan Meiselas übrigens nicht in Europa, sondern bereits Ende der 80er Jahre an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

Noch zehn Jahre früher reiste eine junge Susan Meiselas nach El Salvador und Nicaragua. Auf dem Titel des Magazins der „New York Times“ erschien eine ihrer Fotografien und machte sie zügig bekannt: Drei Rebellen, die traditionelle Tanzmasken tragen, um ihre Identität zu verbergen, üben im Urwald das Hantieren mit Sprengstoff. Es ist eine für die vorrangig dokumentarisch, journalistisch arbeitende Meiselas ungewöhnliche Aufnahme, da sie ein Stück weit gestellt ist: Alle drei Masken-Männer kauern und blicken in die Kamera.

Einen aus anderen Gründen schwer zu deutenden (Augen-)Blick zeigt das 1979 in Nicaragua entstandene Bild einer jungen Frau in Masayas Stadtteil Monimbo. Die Frau ist barfuß und trägt ein rotes Kleid. Auf einem Karren liegt, in Sackleinen gehüllt und festgebunden, der Leichnam ihres Mannes. Sie schiebt ihn nach Hause, damit er im heimischen Hinterhof begraben werden kann. Die junge Frau blickt über die Schulter zurück, vielleicht will sie etwas sagen, rufen.

Wiederum rund zehn Jahre später war das eine der Aufnahmen, mit denen die Fotografin zurückgekehrt ist nach Nicaragua. Sie konnte die Frau im roten Kleid ausfindig machen, sie hat dann ein Gespräch mit ihr auf Video aufgezeichnet (es ist in der Frankfurter Ausstellung ebenfalls zu sehen). Dass damals aus Hubschraubern geschossen wurde, dass sie auch in Lebensgefahr war, daran musste Meiselas sie erinnern. Aber die zur Zeit der Entstehung des Bildes 14-Jährige war noch immer stolz darauf, ihren Mann mit seinen teuren neuen Schuhen begraben zu haben.

„Liebe Eltern: Ich bin sicher, euch ist mein während der vergangenen Monate seltsames Verhalten aufgefallen. Ich gehe nicht mehr auf Parties. Ich tauche auf und verschwinde wieder. Der Grund ist, dass ich ein Revolutionär geworden bin, ein Mitglied der FSLN“ (die Sandinistische Befreiungsfront).

So wie diesen Brief eines 1979 Getöteten, so sammelt und bewahrt Susan Meiselas oft auch Dokumente und Zeugnisse aus dem Umfeld ihrer Fotoprojekte (und veröffentlicht diese teils auf ihrer Web-Seite). Sie hält in ihren Bildern den charakteristischen Moment fest, aber sie tut das doch stets vor dem Hintergrund eines Wissens um die Geschichte eines Landes und seine politischen Entwicklungen. Sie ist Beobachterin, „reisende Ausländerin“, aber sie versucht doch auch, für die Menschen vor Ort Erinnerungslücken zu schließen, eine Art Kartographie ihrer Vergangenheit zu erstellen. „It’s all about time“, sagte sie in Frankfurt. Und sprach da sowohl von ihren wiederholten Reisen in die Kurdengebiete (über 25 Jahre), als auch von dem Zeit-Faktor, der Flüchtende treibt und beherrscht. Die entscheidenden Schritte eines illegalen Grenzübertritts müssen in nächtlicher Dunkelheit und schnell passieren. Meiselas’ Fotografien machen das sichtbar.

„Drop Site“ ist der Titel eines panoramischen Schwarz-Weiß-Bildes, das nahe einer Bundesstraße entstand: Da liegen eine Decke, Papier- und Plastikreste, steht eine Flasche, da haben Leute offensichtlich hastig ein Versteck verlassen. Ungewiss, ob sie es geschafft haben, ob sie nun in den USA leben – und wie sie dort leben. Die Aufnahme „US-Mexican Border, 2:00 pm, holding cell for undocumented female detainees“ aus der gleichen Serie ist ein unaufdringlicher Blick in einen betonnackten Raum, in dem Frauen warten, die wieder abgeschoben werden sollen.

Susan Meiselas hält in ihren Bildern die Balance zwischen Anteilnahme und Sachlichkeit. Ihre Fotografien sind so symbolisch wie nüchtern. Typisch ist eine Aufnahme von 1991: Sie zeigt aus der Vogelperspektive, wie kurdische Familien zu den Ruinen ihrer Häuser zurückkehren, die sie 1989 verlassen mussten – damals vertrieben von der Armee Saddam Husseins. Man sieht ferne, winzige Menschen auf einer grauen Straße zwischen grauem Schutt und dunkelgrüner Vegetation. Unerheblich eigentlich, dass es im Nordirak ist, denn diese Menschen sind die Vertriebenen dieser Welt.

Fotografie Forum Frankfurt: bis 5. Juni.

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