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Balthasar Grießmann ließ Herkules den Löwen besiegen.
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Balthasar Grießmann ließ Herkules den Löwen besiegen.

Liebieghaus Frankfurt

Die Veredelung der Ekstase

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Es waren der 30-jährige Krieg und die Pest die das Interesse am Elfenbein als mobiler Kleinplastik förderten: Das Frankfurter Liebieghaus zeigt nun sechsunddreißig Kostbarkeiten der barocken Elfenbeinkunst aus den unermesslichen Schätzen der Stadt Wien.

Namentlich Kaiser Leopold I. und Fürst Karl Eusebius von Liechtenstein waren im Wien des 17. Jahrhunderts, so ist es verbürgt, stark treibende Kräfte, wenn es um die Inszenierung des Elfenbeins ging. Das barocke Wien schätzte den matten Schimmer eines Materials mit seiner ausgeprägten Körperähnlichkeit. Wenn dann Bacchus etwa mit dem Kaiser Pentheus auf die Szene trat, taten sich Sinnlichkeit und Liederlichkeit zusammen wie Zwillinge. Aus dem Kreuz heraus, so zeigte es der Schnitzer Johann Caspar Schenck um 1670, stemmte der Weingott das feuchtfröhliche Treiben. Auf dass sich, neben Muskeln und Adern, die Wirbelsäule stark abzeichnete, darunter die sehr störungsanfälligen Lendenwirbel L3 und L4.

Virtuose Elfenbeinkunst als Apotheose der Anatomie, so kann es der Besucher jetzt in Frankfurts Liebieghaus Schritt für Schritt studieren. Sechsunddreißig Kostbarkeiten, vom Relief bis zur Statuette, zeigt das Skulpturenmuseum unter dem Titel „Elfenbein. Barocke Pracht am Wiener Hof“. Sie verdanken sich den unermesslichen Schätzen der Stadt Wien, hinzu kommen Leihgaben aus der privaten Sammlung Reiner Winkler. Gestaltet von Maraike Bückling, der Leiterin der Skulpturensammlung des Liebieghauses für die Zeit von der Renaissance bis zum Klassizismus, wurde die Auswahl vor allem möglich gemacht durch Sabine Haag. Im Katalog spricht die Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien von einem „spezifisch höfischen Werkstoff“.

Veredelung des Körperlichen

Das Interesse an dem Werkstoff zur Veredelung des Körperlichen hatte ausgeprägt außerkünstlerische Ursachen. Der Habsburger Elfenbeinboom ist nicht denkbar ohne den Dreißigjährigen Krieg, die Türkenbedrohung und die Pest. Sie ließen für einige Jahrzehnte von monumentalen Dekorationen der Kirchen und Paläste weitgehend absehen. Konjunktur hatte die mobile Kleinplastik – für sie standen nicht nur einsame Könner und Spezialisten an den Drechselbänken, derartige Apparate ließen sich auch Habsburgs Kaiser, Könige und Erzherzöge einrichten, um fürstlich zu dilettieren, unterstützt von Patronen, mit denen sich die Werkbänke konditionieren ließen. Auf dem Programm, das den Zufall ausschloss, standen Geschichten, mit denen sich repräsentieren ließ, feudal angemessen. Elfenbeinkunst diente der Glorifizierung, um das Haus Habsburg als eine „gleichsam himmlisch gelenkte Erscheinung auf Erden“ (Haag) da stehen zu lassen.

Indem der Liebieghausbesucher einen „höfischen Werkstoff“ erkundet – und zur Fülle der Themen und Motive gehören biblische Legenden, Heiligenviten, antike Mythen oder zeitgenössische Theaterstücke –, indem das Martyrium am Kreuz so plastisch dargestellt wird wie der Auszug aus dem zerstörten Troia, sieht sich der Besucher mit einem Erbe zwischen Heidentum und Christentum konfrontiert. Im Liebieghaus tut sich ein Spektrum auf, das nur multikulturell zu begreifen ist.Neben dem Elfenbein schaut der Liebieghausbesucher auf Rhinozeroshorn und Walrosszahn, während er sich durch die cool gestaltete Ausstellungsarchitektur des Berliner Büros Kuehn Malvezzi (das in Frankfurt auch das neue Museum der Weltkulturen bauen wird). Ignaz Elhafen schuf um 1700 „Bacchische Szenen“, in denen Eroten und Nymphen es sich barbarisch gut gehen ließen. Das Urteil des Paris, bei Elhafen wiederkehrend, war für ihn Anlass, um seine Virtuosität zu demonstrieren. Halb- und Flachreliefs ließen beinahe vollplastische Figuren umso stärker wirken. Johann Ignaz Bendl (um 1650 – um 1730) schuf ein Gedenkmedaillon an die Errichtung der Pestsäule, eine Erinnerung en miniature an das erste monumentale Denkmal in Wien seit Jahrzehnten. Auch Bendl, abgesehen von dieser hochpolitischen Gedenkarbeit, mit der die theokratische Sonderstellung der Habsburger gefeiert wurde, war ein Mythenerzähler, der das archaische Griechenland aufleben ließ. Jacob Auer (um 1645 – 1706) wird dagegen als ein Szeniker alttestamentlicher Legenden und christlicher Märtyrergeschichten gezeigt.

Einmalige Chance

Der exquisite Reichtum der Liebieghausschau kann nur eine Ahnung geben von der Schatzkammer Wien – angefangen mit dem enzyklopädischen Anspruch der Wiener Kunstkammer, die zur Zeit zugebaut wird, so dass sich die einmalige Chance der Ausleihe der Elfenbeine ergab. Die Liebieghauspromenade wäre unvollständig ohne den Gedanken, dass Vielfalt und Facettenreichtum der Wiener Kunstkammer der Bestätigung einer kosmischen Ordnung galten, ihrer Harmonie. Deshalb der Dreiklang aus Kunstwerk, Kuriositäten und Monströsem.

In diesem Kleinkosmos diente Elfenbein als ein Werkstoff der Prachtentfaltung, Macht und Reichtum repräsentierend. Was an Statuetten, Kannen, Pokalen, Humpen oder Schalen gedrechselt und geschnitzt wurde, entstand ohne Interesse an irgendeinem Gebrauchswert. Fragil war das Material, dazu faserfrei und samtig, und so feinnervig auch die Maserung des Rhinozeroshorns (wofür hochbarocke Dickhäuter den Kopf hinhalten mussten, bis 1973 das Washingtoner Artenschutzabkommen Wilderei und Ausrottung Einhalt gebot), so delikat die Werkstoffe, so drastisch immer wieder die Gewaltszenen, nicht zuletzt die Martyrien des Hl. Sebastian. Aus zehn Elfenbeinplatten besteht das Sebastiansmartyrium, weit ragt der an einen Baum gefesselte Heilige hinaus über die Horizontlinie, im Blick zwei kleine Engel, die sich ihm mit einer Märtyrerpalme und einem Lorbeerkranz fliegend zuwenden. Eine Erzählung en miniature, welche das Leid auf dieser Welt zu transzendieren trachtete. Nicht zuletzt geschah das im Medium von Flachrelief und einer annähernd vollplastisch ausgebildeten Heiligenfigur. Als könnte sie aus ihrem Jammertal heraustreten.

Flatternde Bänder kommen dem Besucher entgegen hinter Glas, Matthias Steinl (1643 – 1727) türmte eine „Allegorie der Elemente Wasser und Luft“ zum Gewirr aus Muscheln, Delfinen, Schildkröten, Eidechsen, Schlangen, Krebsen, aus dem drei Menschenkörper aufsteigen, fontänenartig. Es ist in der Ausstellung derselbe Steinl, der das staunende Besucherauge an den „gedämpften Widerstand“ (Bückling) der Proserpina gegen den unmissverständlichen Zugriff des Pluto gewöhnt, an zwei Körper, weich modelliert, sehr wild.

Zum ausgeprägten Ekstaseprogramm aus Elfenbein zählt aber wohl am entschiedensten die Darstellung, mit der Adam Lenckhardt (1610 – 1661) das Schicksal des Marsyas schnitzte. Es war kein Teufel, der den Satyr mit dem Messer bearbeitete, keine Henkerhand, die ihn marterte. Der göttliche Apoll hatte sich Marsyas gewidmet. Die entsetzliche Tortur des Marsyas, eine Prozedur, die der Mythos sich bei lebendigem Leibe vorstellte, zählt zu den Meisterwerken aus Elfenbein, wohl realistisch in ihrer Detailversessenheit. In der Schindung des Marsyas schritt die Elfenbeinkunst zur Apotheose des Schönschrecklichen. An dieser Stelle ist der Punkt erreicht, um daran zu erinnern, dass das barocke Wien mit dem Augenblick der Marter Momente des grauenerregenden Genusses fand.

Liebieghaus, Frankfurt: bis 26. Juni. Im Verlag Michael Imhoff ist ein famoser Katalog erschienen, 256 Seiten, 34,90 Euro.

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