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Noch einmal: Schlingensief in seiner Kirche.
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Noch einmal: Schlingensief in seiner Kirche.

Biennale

Venezianische Verwandlung

Der deutsche Biennale-Pavillon feiert den 2010 verstorbenen Christoph Schlingensief - und liefert ein Bild jenseits des Klischees. Gezeigt wird Schlingensief nicht als Provokateur, als Megafon-schwingenden Schreihals.

Von Tobi Müller

Das Licht war schon am Nachmittag diesig, die Luft feucht, und der Boden so staubig, dass die Schuhe bald nicht mehr nach Prada, sondern nach Camel aussahen. Doch man stand nicht etwa auf der Baustelle des Operndorfes, das Christoph Schlingensief in der Savanne von Burkina Faso geplant hat und das seine Witwe, die Kostümbildnerin Aino Laberenz, fertig bauen will. Man traf sich vielmehr in den Giardini von Venedig, an der 54. Kunstbiennale, vor dem deutschen Pavillon. Und trank Prosecco oder Bionade, nachdem Staatsministerin Cornelia Pieper (FDP) den Pavillon offiziell eröffnet hatte.

Man hätte besser einen schweren Wein getrunken. Einen Messwein für Fortgeschrittene. Metaphysisch angeschickert, hätte man den Pavillon gestürmt, dessen Nazi-Umbau von 1938 so viele deutsche Venedig-Beiträge kommentiert haben. Statt „Germania“ seht auf dem Portal nun „Egomania“, eine kleine Übermalung nur. Spontan hätte man also einen Choral für Christoph erfunden, sich nackt ausgezogen, „Fluxus“ auf den Boden gepinkelt und wäre anschließend mit Flüstertüten durch die Parkanlagen marodiert. Aber es nützt alles nichts, Christoph Schlingensief ist im August 2010 gestorben. Wer betrauert, dass dieser Venedig-Christoph zu wenig krass oder nicht trashig genug sei, hat die Theaterarbeiten seiner letzten drei Schaffensjahre nicht mitgekriegt.

Jenseits der Provokation

Was dank dieses Pavillons nun verschwinden könnte, ist das Bild des bloßen Provokateurs. Des Megafon-schwingenden Schreihalses mit der Stromfrisur und dem gelegentlichen Anfall von Fäkalsprache. Wer wollte, konnte zwar schon vorher in seiner Intensität den extremen Ringkampf mit den allergrößten Fragen erkennen. Aber Schlingensief machte es den meisten nicht immer leicht.

Trotzdem, zum Tod und zur Abwesenheit mussten sich auch jene Leute verhalten, die am Schlingensief-Pavillon festhalten wollten. Kuratorin Susanne Gaensheimer, sonst Chefin vom Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, Dramaturg Carl Hegemann und natürlich Aino Laberenz: Sie sind zum Glück offensiv damit umgegangen, mit der offenen Wunde, wie Schlingensief selbst gesagt hätte, wenn er sich wie so oft auf Joseph Beuys bezog. Gerade weil sich das Team nicht an halbgare Entwürfe hielt und aus etwas Bestehendem etwas Neues schuf, überzeugt diese Arbeit so sehr. Hegemann sagte beim abendlichen Empfang zum viel zu leichten Wein, man könne doch nicht Konzeptscherze der Frühphase als fertige Kunst verkaufen.

Was hingegen fertig war: Das Bühnenbild der Theaterinszenierung von „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Es war Schlingensiefs Fluxus-Oratorium, eine herrlich anmaßende Messe über die eigene Krankheit, über Kunst- und Religionsgeschichte, uraufgeführt 2008 in Duisburg bei der Ruhrtriennale. In Venedig nun hat man Teile der Kirche, die der ehemalige Oberhausener Messdiener Schlingensief nachgebaut hatte, in die Mitte des Pavillon gestellt. Es ist ein Ort der entäußerten Einkehr. Ruhig ist es natürlich nicht, und doch hält man inne. Es ist eine fordernde, schöne, genaue Ausnahmesituation auf einem Gelände, durch das man sonst viel rascher eilen kann.

Es gibt auch ein rechtes Seitenschiff, das man von außen betreten kann und in dem eine Auswahl seiner Filme gezeigt wird, auch „Egomania“ mit Tilda Swinton und Udo Kier. Und es gibt ein linkes Seitenschiff, das einen Filmloop von den Bauarbeiten aus Burkina Faso wiederholt, während die Besucher auf ockerrotem Savannenboden zuschauen. Gerne gruppiert man sich auch um drei, vier Bildschirme und rätselt laut: Vor der Chemo, nach der Chemo, klar, schau mal, wie dünn der ist! Die Verwandlung dieses Körpers, dieses Kopfes, aus dem am Ende krauses Haar wuchs: Manchmal hat Schlingensiefs Totaleinsatz seine Themen wenn nicht dominiert, dann überlagert.

Doch in der Mitte, im Hauptraum des Pavillons, wo jetzt die Kirche steht, finden seine Themen zu einem neuen Flirren, zu einer Intensität, zu einer irren Form, die den Totaleinsatz Schlingensiefs von seinem Körper und seiner Person etwas wegrücken, hin zu seinen Anliegen. Vielleicht ist der Gedanke grenzzynisch, aber hoffnungsvoll: Dass für viele erst ein entmaterialsierter Schlingensief die Konzentration erlaubt, die seine Kunst fordert. Und das größte Anliegen in allen Schlingensiefdingen ist, sich keine Geschichten zu erzählen. Nicht zu lügen, klar zu sehen, und doch zu lieben. Ganz fest zu lieben sogar. Gott, die Nächste, den Feind. Vielleicht sogar den Anzugshersteller, der nach seinem Tod als Sponsor abgesprungen ist.

Verehrung und Eigensinn

Eine gute Stunde lang schaut man dem Film zu, der auf ein Triptychon über dem Fluxus-Altar projiziert wird. Andere Länder hätten mit diesen Filmen allein ihre Pavillons bestücken können. Wie Schlingensiefs Behinderte berühmte Szenen der Sechziger-Kunstavantgarde nachspielen: Den Grapschautomaten von Valie Export, das Cello aus Fernsehern von Nam June Paik! Die Verlangsamung dieser Filme, die schwarzweiße Farbe, leichte Überbelichtung und auch die Grobkörnigkeit verleihen den Profanisierungen geheiligter Avantgarde wieder einen eigenwilligen Glamour. Wie könnte man komplexer, und doch klarer von der Dialektik zwischen Liebe und Distanz, zwischen der Verehrung von (Kunst-)Göttern und dem Eigensinn des Subjekt erzählen?

Wenn man in den zu beiden Seiten vier Kirchenbankreihen sitzt, auf das Triptychon schaut oder eine der vielen flackernden 16-mm-Projektionen verfolgt, wenn man Ferienfilme der Schlingensiefs sieht und die Krankenberichte von ihm erzählt bekommt, wenn dann noch Arien gesungen werden oder ein Kitschsynthesizer Stimmung macht, bis sich der Klangteppich in unschönere Strukturen auflöst, versinkt man schon mal in eine kleine Trance.

Und schaut dabei, wie es in der katholischen Kirche Brauch ist, einer wundersamen Verwandlung zu. Es ist jene des verstorbenen Regisseurs in seine langjährige, immer noch höchst lebendige Bühnenbildnerin Thekla von Mülheim. Auch diese Heilige war aber nur eine weitere Erscheinung von Schlingensief selbst.

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