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Ute Eskildsen zum 75.: Kuratieren heißt teilnehmen

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Von: Daniel Kothenschulte

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Ute Eskildsen, Fotografin, Fotohistorikerin und Kuratorin.
Ute Eskildsen, Fotografin, Fotohistorikerin und Kuratorin. © Hubert Jelinek/Imago

Ute Eskildsen, weltbekannte Vermittlerin der Fotografie, wird heute 75.

Rund 185 Jahre ist die Fotografie nun alt, doch eine Museumskunst wurde erst in jüngster Zeit daraus. Eine halbe Ewigkeit, aber die Fotografin und Fotohistorikerin Ute Eskildsen hielt sich nicht mit Warten auf. Entsprechend kurz müssen ihr die 33 Berufsjahre am Essener Folkwang Museum erschienen sein.

Auf der Grundlage der Studiensammlung ihres Lehrers, des großen Fotografen Otto Steinert, baute sie dort eine Kollektion von Weltrang auf. Die Grundlagen zu ihrer eigenen Weltgeltung als Erforscherin und Vermittlerin der ästhetischen, sozialen und politischen Kontexte des Mediums waren da bereits gelegt.

In ihren Zwanzigern wirkte sie bereits an einigen der renommiertesten amerikanischen Institute, dem George Eastman House in Rochester, dem Busch-Reisinger-Museum in Cambridge und dem Getty Research Institute in Los Angeles. Bruchlos führte sie ihr Lebenswerk auch nach ihrer Essener Pensionierung 2012 fort – bis heute, ihrem 75. Geburtstag: Als Gastprofessorin an der britischen University of Wales in Newport, als Kuratorin für die Villa Madsen in Rom oder derzeit als Gründungskuratorin des Kunsthauses Göttingen. Gerade ist dort die erste europäische Einzelausstellung der frühen Hollywood-Fotografin Ruth Harriet Louise zu sehen.

Erweiterin des Kanons

Immer wieder hat Ute Eskildsen mit ihrer Arbeit den Kanon der Fotogeschichte erweitert; etwa 1994 mit der grundlegenden Schau und Publikation zu den Fotografinnen der Weimarer Republik, „Fotografieren hieß teilnehmen“. Doch ihr Fokus ging weit über das monografische Interesse an bedeutenden Künstlerinnen und Künstlern hinaus. Es wäre wohl ein Leichtes gewesen, Fotografie im Kunstkontext zu etablieren, wenn man sich nur auf die großen Künstlerpersönlichkeiten hinter der Kamera beschränkt hätte. Das aber hieße, 99 Prozent der Fotogeschichte und die angewandten Bereiche des Mediums zu ignorieren.

Eskildsens erste große Ausstellung war 1979 eine Rekonstruktion der stilbildenden Stuttgarter Werkbundschau „Film und Foto“ von 1929. Heute erscheint es wie ein genialer Schachzug: Wer das Lichtbild zurück ins Museum bringen möchte, tut gut daran, zurück an die vielversprechenden Anfänge seiner Musealisierung zu gehen: Was damals an Avantgarde in Film und Fotografie gezeigt wurde, bestimmt noch immer den modernen Kanon. Von da aus konnte Eskildsen den Bildausschnitt stetig erweitern.

Zwischen Ausstellungen von Robert Frank, Rineke Dijkstra, Dan Graham oder Roni Horn zeigte und erforschte sie Amateurfotografin aus dem Ruhrgegebiet, deutsche Werbefotografie, Tierdarstellungen oder Fotopostkarten. Auch im digitalen Zeitalter bleiben Fotografien Objekte – ob im edlen Abzug oder im Zeitungsausriss. Hauptsache, der Blick dafür geht nicht verloren.

Viele Kunstmuseen machen es sich heute leicht und ziehen eine klare Grenze: Die akademische Fotokunst ist nicht mehr wegzudenken, die angewandte Fotografie hält man dagegen wie das Kunstgewerbe auf Distanz. So langweilig kann man sich das Leben eben auch machen.

Otto Steinert, Eskildsens strenger Lehrer, war noch Künstler und Handwerker zugleich. Seine Disziplin hat sie fraglos mitgenommen, den Dogmatismus ließ sie zurück. Wie keine zweite Vermittlerin in Deutschland hat sie sich um die Fotografie verdient gemacht.

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