Das Metropolitan Museum of Art in New York bei der Wiedereröffnung Ende August nach fünfeinhalb Monaten Corona-Schließung.
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Das Metropolitan Museum of Art in New York bei der Wiedereröffnung Ende August nach fünfeinhalb Monaten Corona-Schließung.

Corona

Der Ausverkauf droht

  • vonIngeborg Ruthe
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Anders als in Deutschland haben die Museen in den USA geöffnet. Doch das Publikum bleibt aus, und die so existenzielle private Förderung fließt derzeit vornehmlich in andere Projekte.

Max Hollein, langjähriger Leiter der Schirn, des Städelmuseums und des Liebieghauses in Frankfurt, ist seit 2018 der Kapitän auf dem Museums-Flaggschiff der USA, dem New Yorker Metropolitan Museum. Es ist das größte Ausstellungshaus der Welt. Ist der Haupttempel dieser traditionell von Sponsoren – also Bürgersinn – und von massenhaft Ehrenamtlichen getragenen Museumslandschaft angeschlagen, bekommen alle anderen Schlagseite. Darauf hat auch der US-Wahlausgang keinen Einfluss. Für die Finanzierung der 35 000 Museen in den 50 Bundesstaaten sei es egal, wer im Weißen Haus regiere, sagt der Kunsthistoriker, Jahrgang 1969, der gleichwohl wie so viele seiner Zunft alle Erwartungen auf den künftigen US-Präsidenten Joe Biden setzt. Die Lage sei ernst, aber nicht hoffnungslos.

Laut American Alliance of Museums (AAM) sind in den Staaten nun mindestens 12 000 US-Museen existenzbedroht: 726 000 Arbeitsplätze hängen, so die Erhebung, direkt oder indirekt von den Ausstellungshäusern ab. Diese trugen bis Frühjahr 2020, also bis zum Lockdown, fünfzig Milliarden Dollar pro Jahr zum US-amerikanischen Bruttosozialprodukt bei. Durch die Schließung verloren alle Museen in den USA zusammen täglich 33 Millionen Dollar.

Seit der sukzessiven Wiedereröffnung im Sommer würden sich viele davon nicht mehr erholen, sagt die AAM-Präsidentin Laura Lott. „Das ist verheerend für Kommunen, die Wirtschaft, Schulsysteme und für unsere kulturelle Geschichte“, warnt sie. Die große Mehrheit der amerikanischen Museen haben finanzielle Reserven nur noch für ein Jahr oder vielleicht auch weniger. Die Krise könnte langfristig dazu führen, dass Museen sich noch mehr auf private Geldgeber konzentrieren und diese dann auch häufiger eine Vorzugsbehandlung oder Einfluss erwarten werden – und das sicherlich auch angeboten bekommen.

In Deutschland werden die wichtigsten Museen – es sei denn, sie sind in privater Hand – staatlich oder kommunal finanziert. Auch jetzt, im zweiten Lockdown hierzulande, sind die Etats für Betriebskosten, Gehälter und geplante Ausstellungen noch weitgehend sicher, wurden Entlassungen der Festangestellten bislang vermieden. In den USA hingegen leben die Museen von der Großzügigkeit der Förderer und ebenso von den Einnahmen durch die Besucher-Ströme. Zuwendungen des Staates betragen im besten Fall ein Viertel des Etats. Und die von den Bundesstaaten und Joe Biden zugesicherten Corona-Hilfspakete sind für die Kultur noch in weiter Ferne.

Die Museumsverbände der Vereinigten Staaten, so die AAM, schlagen Alarm, fordern dringend Kompensation, sonst werde es ein Drittel der Museen wohl im kommenden Jahr nicht schaffen. Denn die Häuser, auch Hollein musste im Frühsommer nach dem Vollstopp 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen (20 Prozent der Belegschaft), sind derzeit trotz regulärer Öffnungszeiten ungewohnt leer. Sogar das MoMA, wo im Frühjahrs-Lockdown 160 gehen mussten.

Normalerweise, so Hollein, habe sein Haus 30 000 Besucher am Tag. Zu 70 Prozent natürlich Touristen. Derzeit sind es gerade mal 8000 am Wochenende. Dabei sei das Metropolitan Museum, so Hollein, „eine sehr stabile Institution“, immerhin mit einem Kapitalstock von 3,4 Milliarden Dollar, wie er dem Wiener „Standard“ sagte. Allerdings schränkt das Haus sich künftig ein: Man werde mit 30 anstatt 50 Sonderausstellungen im Jahr planen und zunächst auch keine Kunstwerke ankaufen, erklärte Hollein. Die minimierten Ausgaben könnten die Einnahmeverluste nur halbwegs ausgleichen.

Hollein nennt dies eine vergleichsweise komfortable Situation. Auch kann er eine erhöhte Spendenbereitschaft seiner Museumsmäzene vermelden: Das Metropolitan bekam in den vergangenen Monaten 25 Millionen Dollar an zusätzlichen Spenden. Das Haus ist also nicht bedürftig, andere Museen schon. Viele Stiftungen und Unternehmen, etwa die Ford-, oder Mellon-Foundation unterstützen gegenwärtig vor allem soziale Einrichtungen und kleinere, ärmere Institutionen. Solidarität als Gebot der Stunde.

Die Befürchtung, die Museen würden nun ihre Eintrittspreise erhöhen, ist berechtigt. Was aber wären die Folgen? Können sich in naher Zukunft womöglich nur noch die Begüterten sich und ihren Kinder Museumsbesuche leisten? Was würde das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeuten? Es ist eine Horrorvorstellung für den Museumsmann.

Und auch für Beverly Schreiber-Jacoby. Die New Yorkerin betreut Auktionen, und sie hat eine Strategie, für die sie derzeit unter Museumsleuten und Interessierten wirbt: „Keine musealen Meisterwerke mehr für Auktionen!“ Denn schon gibt es besorgniserregende Nachrichten von amerikanischen Museen, die Kunst verkaufen, um zu überleben. Anders als in Europa, in Deutschland, war es bislang kein Tabubruch, wenn Museen das eine oder andere Stück veräußerten, um mit dem Erlös ein für die eigene Sammlung spezifischeres, wertvolleres Werk anzuschaffen.

Nun aber geht es ans Eingemachte: Das Brooklyn Museum, eines der größten New Yorks, versteigerte bei Christie’s und Sotheby’s diesen Herbst zwölf Gemälde, von Monet, Dubuffet, Degas, Bacon. Das Cranach-Bild „Lucretia“ brachte 4,2 Millionen Dollar ein. Der zentrale Museumsverband hat vorübergehend die Regeln ausgesetzt: So sind bis 2022 Notverkäufe erlaubt, um in der Krise laufende Kosten und Gehälter zu zahlen.

Das Everson Museum of Art in Syracuse im Bundesstaat New York gab vor wenigen Tagen Pollocks „Red Composition“ unter den Hammer, ein Hauptwerk des Hauses. Und das Baltimore Museum will Bilder von Andy Warhol, Brice Marden und Clyfford Still verkaufen, weil es sich davon 70 Millionen Dollar erhofft. Es rumort in der Kunstszene. Die „Los Angeles Times“ empörte sich, die Pandemie sei „nur Vorwand, um vom überhitzten Kunstmarkt zu profitieren“. Das Museum sagte die Auktion vorerst ab.

Darüber ist Beverly Schreiber-Jacoby erstmal froh. Sie bietet Museen ihre Beratung an, die Folgen solcher Notverkäufe stark abzumildern, indem die Sammlungen Werke mit weniger kunstgeschichtlicher Relevanz verkaufen, solche, die seit Jahrzehnten nie ausgestellt wurden, und wo das auch nicht abzusehen ist. Es geht um Stücke, die für Sammler höchstens „Liebhaberwert“ hätten, das Profil der Kollektionen aber nicht tangieren oder ihm schaden. Die Auktionatorin will wenigstens den Schaden für den Kernbestand und das Image der Museen so gering wie möglich halten. „Was für Zeiten, wo man schon über das geringere Übel froh sein muss!“, sagt sie.

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