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US-amerikanische Grafiken: Körper als Tonklumpen

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Von: Sandra Danicke

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Bruce Nauman, „Studien für Hologramme (1) gekniffene Lippen“. Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main / VG Bild-Kunst, Bonn 2022
Bruce Nauman, „Studien für Hologramme (1) gekniffene Lippen“. © Städel Museum, Frankfurt am Main / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

„Into the New. Menschsein: Von Pollock bis Bourgeois“ - eine intime Ausstellung im Städel Museum.

Ein Zopf, klassisch geflochten aus drei Haarsträhnen. Mehr ist auf dem Bild nicht drauf. Pardon, es ist doch noch etwas drauf: Am unteren Bildrand steht „BRAID“, was nichts weiter als das englische Wort für Zopf ist. Ein Zopf also, etwas überlebensgroß in einem klassischen Hochformat. Ein banales Motiv, das der US-amerikanische Künstler Jim Dine 1973 in Braun auf ein bräunliches Nideggen-German-Buff-Vergépapier radiert hat, minutiös, Haar für Haar. Doch der Zopf hat es in sich, man könnte ewig davorstehen und die merkwürdigen faserigen Hubbel betrachten. Zugleich möchte man sich abwenden, weil das Gebilde ein leichtes Unbehagen auslöst.

Der Zopf wurde abgeschnitten, oben und unten wird er von je einem Haargummi zusammengehalten. An nahezu jeder Stelle ragen feine, abgebrochene (?) Härchen heraus. Natürlich fragt man sich, wem warum dieser Zopf abgeschnitten wurde, befürchtet Gewalt. Dann wieder hat so ein Zopf – vor allem dieser, weil er ein bisschen unregelmäßig geflochten wurde – etwas Unbedarftes, Mädchenhaftes. Man bewundert auch die Geduld des Künstlers. Und man fragt sich, ob das Wort Zopf unter einer Zopfzeichnung womöglich auf ein Werk von René Magritte anspielt, auf dem eine Pfeife zu sehen ist, die laut Text im Bild keine Pfeife ist.

Worum geht es also in diesem Bild? Natürlich um einen Menschen. Einen, der abwesend ist (der Zopf stammt in Wahrheit von Dines Frau). Es geht um Lebenszeit, die sich in der Länge des Haars abbildet, um Verletzungen, um Schönheit (oder die Idee davon). Vielleicht geht es auch um Emanzipation, die Faszination des Alltäglichen oder darum, Opfer zu bringen.

„Into the New. Menschsein: Von Pollock bis Bourgeois“ heißt die Ausstellung, die derzeit in der Graphischen Sammlung des Frankfurter Städel Museums zu sehen ist. Darin werden etwa 50 Druckgrafiken, Zeichnungen und Multiples von US-amerikanischen Künstlerinnen und Künstlern gezeigt; Arbeiten aus der Zeit von 1945 bis heute.

Dass die Ausstellung vom Menschsein handelt, klingt zu nächst beliebig. Handelt nicht jede Kunst vom Menschsein? Und doch hat man bei der Auswahl, die Regina Freyberger, Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1750 und Kuratorin der Ausstellung, getroffen hat, das Gefühl, es habe seine Berechtigung mit dem Titel. Geht es in diesen Werken doch zumeist um existenzielle Befindlichkeiten. Es ist eine Kunst, die - aufgrund der angewandten Formate und Techniken - oftmals eine besonders intime Anmutung hat. Auf Papier - so scheint es - wagen Künstlerinnen und Künstler oft mehr, sie experimentieren freier, probieren sich aus.

Wie Kiki Smith, die in „Untitled (Hair)“ ebenfalls Haare - ihre eigenen - abgebildet hat: als explosionsartiges Gewuschel. Es handelt sich um eine Lithographie von 1990, für die die Künstlerin die Dreidimensionalität ihres Kopfes auf reizvolle und eigenwillige Weise in die Fläche übertragen hat. Hierfür nahm sie zunächst einen Gipsabdruck ihres Kopfes, fertigte davon ein Hartgummimodell, rieb es mit Druckerfarbe ein und rollte es über eine lithographische Platte. Das üppige Haar wurde anschließend in mehreren Vorgängen übereinander auf handgeschöpftes Japanpapier gedruckt. Erstaunlich, wie spontan das Ergebnis anmutet.

Sämtliche Arbeiten der Ausstellung stammen aus der Sammlung des Städel Museums, viele waren seit mehr als 25 Jahren nicht mehr ausgestellt, manche noch nie. Darunter eine grafische Farblithographie, die Mark Tobey 1968 anfertigte. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine vollgekritzelte Schultischplatte: Ein Gewirr aus Kreisen, Dreiecken, Schnecken und Schnörkeln überzieht die gesamte Fläche, die regelrecht zu vibrieren scheint. Eine einzige Reizüberflutung. Man kann sich gar nicht sattsehen.

Natürlich ist die US-amerikanische Kunst der letzten achtzig Jahre enorm aufregend. Es war ja nicht nur eine Zeit voller Umbrüche und Krisen, es war auch die Zeit, in der die exzentrischsten Stile einander atemlos hinterherjagten, zeitweise auch überlappten: Abstrakter Expressionismus, Pop Art, Konzeptkunst, Minimal und Performance Art. All das entwickelte sich nach 1945 in relativ kurzer Zeit.

In den Sechzigerjahren wurde in den USA eine ganze Reihe von Druck- und Papierwerkstätten gegründet. Als „Graphic Boom“ ging diese kreative Periode in die Kunstgeschichte ein. Zur selben Zeit begann das Städel Museum damit, zeitgenössische US-amerikanische Kunst auf Papier zu sammeln.

Die Figur das Menschen konnte - namentlich nach dem Zweiten Weltkrieg - nicht mehr ungebrochen dargestellt werden. Naturalismus fühlte sich nicht mehr richtig an. Also wurde der Körper abstrahiert, als Fragment oder Abdruck präsentiert. Wie bei Jackson Pollock, der 1948 eine archaisch anmutende Figur auf Papier tropfte. Auch Louise Bourgeois zeigt in „Sainte Sebastienne“ den weiblichen Leib als Rumpf, der von Pfeilen traktiert wird.

Auch Gegenstände repräsentieren den menschlichen Körper, etwa ein Kleiderbügel, wie ihn Jasper Johns in zwei ausgestellten Lithographien ins Bild gesetzt hat. Doch wie bei Jim Dine und seinem Zopf (oder den hier abgebildeten Stiefeln) sind die Bilder letztlich weit mehr als nur die Abbildung eines Gegenstandes. In „Coat Hanger I“ (1960) ist die maßstabsgetreue Darstellung eines Drahtkleiderbügels, wie man ihn in der Reinigung als Dreingabe erhält, in ein wildes Liniengeflecht eingebettet. Der klare Umriss des Bügels und das expressive Gewirr treten hier in einen spannungsvollen Dialog. Kurz darauf überarbeitete Johns den Lithostein für eine zweite Version. In „Coat Hanger II“ tritt der Kleiderbügel aus dem düsteren Gestrichel deutlich hervor.

Bruce Nauman fand einen anderen Weg, den menschlichen Körper zu abstrahieren - indem er ihn zum Werkzeug umfunktionierte. 1968 begann der Künstler damit, seinen Körper zu untersuchen wie etwas, das einem eher fremd ist. Er zog sein Gesicht mit den Fingern auseinander, quetschte hier, drückte da, als handele es sich um einen Klumpen Ton. „Es geht darum, den Körper als Werkzeug zu gebrauchen, als einen Gegenstand, den man bearbeiten kann“, so der Künstler damals.

Bei den fünf zweifarbigen Siebdrucken „Studies for Holograms“ (1970) handelt es sich um bearbeitete Fotografien, die in Vorbereitung für diese Serie mit dem Titel „Making Faces“ entstanden waren. Durch eine leichte Phasenverschiebung der gelben zu der schwarzen Druckplatte entstand ein leicht dreidimensionaler Effekt. Der Ausschnitt und die Verformungen sind so extrem, dass der Besitzer des Körpers nicht mehr eindeutig identifiziert werden kann und somit zum anonymen Material erklärt wird.

Ein Highlight der Schau ist die Folge „Photographs & Etchings“, für die Jim Dine und Lee Friedlander 1969 auf berührende Weise kooperiert haben. Friedlanders Fotografien - spontane Schnappschüsse, die der Künstler mit einer Rollfilmkamera aus der Hand geschossen hat - sind mit Dines Radierungen auf einem eigens handgeschöpften Papier kombiniert. Friedlanders Fotos zeigen seltsame Ausschnitte und wirken bisweilen fast ein wenig missglückt. Wenn Menschen drauf sind, fehlt ihnen manchmal der Kopf, dann wieder sind die Füße abgeschnitten. Man sieht, dass die Bilder im Freien in einer Stadt aufgenommen wurden, aber das Motiv ist nicht immer erkennbar. Das Gleiche gilt für die Zeichnungen. Einmal sieht man eine abgelichtete Glasscheibe (Foto) neben einem kürbisartigen Gebilde (Radierung).

Inhaltlich hatten sich die Künstler, die ihre Werke mit der Post über den Atlantik hin- und herschickten (Dine lebte damals in England), kein Thema gesetzt. Und tatsächlich scheinen Fotos und Zeichnungen gar nichts miteinander zu tun zu haben, deshalb schaut man genauer hin und (er-)findet eigene Zusammenhänge. Ein leerer Sessel neben einem gezeichneten Herz ist natürlich einfach zusammenzubringen. Das Porträt einer schwarzen Frau in einem Bilderrahmen, der wiederum in einem Schaufenster steht, und ein haariger Schraubenschlüssel ist schon eine Herausforderung. „An Werkzeuge wie Schraubenschlüssel oder Schere, die in vielen seiner Arbeiten wiederkehren, knüpfen sich Erinnerungen an die Eisenwarenhandlung seines Großvaters“, heißt es im Katalog.

Beiden Künstlern gemeinsam ist eine ausschnitthafte, sehr individuell geprägte Wahrnehmung der Welt. Beide arbeiten mit Fragmenten des Körpers. Beide tauchen auch selbst in ihren Werken auf: Friedlander als Spiegelung, Dine als leerer Bademantel, der seit 1964 als sein metaphorisches Selbstporträt fungiert.

Vor allem ist die Serie ein Dokument der Freundschaft, festgehalten auch in der handschriftlichen Einführung zur Mappe von Jim Dine: „Lee Friedlander und ich trafen uns 1962. Er gab mir ein Foto von Cincinnati, ohne zu wissen, dass ich von dort komme. Seitdem haben wir ständig Dinge ausgetauscht. Freundschaft und Bilder. Unsere Arbeit stammt aus demselben Haus. Er versteht meine Arbeit immer.“

Städel Museum Frankfurt: bis 17. Juli. www.staedelmuseum.de

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