50 Bildwerke aus Marmor, Gips, Terrakotta und Bronze im Wechsel des Tageslichts.
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50 Bildwerke aus Marmor, Gips, Terrakotta und Bronze im Wechsel des Tageslichts.

Skulpturenmuseum

Unverstellte Schönheit

  • vonIngeborg Ruthe
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Acht Jahre geschlossen wegen der Fassaden-Risse: Jetzt ist Schinkels Friedrichswerdersche Kirche in Berlin-Mitte wieder Skulpturenmuseum.

Der bedeutendste deutsche Architekt des 19. Jahrhunderts? Schinkel natürlich. Was seine Größe ausmacht, ist die souveräne Synthese. Eine Alchemie aus griechischer und römischer Antike, aus Mittelalter und früher Industrialisierung, aus Überlieferung und Neuerfindung.

Karl Friedrich Schinkel hatte zunächst am Werderschen Markt einen klassizistischen Bau geplant. Auftraggeber Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.) aber verlangte ein Gotteshaus in „altdeutschem“, also gotischem Stil. In den Proportionen des Gebäudes indes blieb sich der Architekt in seiner Absicht, „die Gotik durch die Antike zu läutern“, treu. Immerhin ist das häufigste Wort in Schinkels Tagebüchern „schön“. Für Bettina von Arnim, Dichterin der deutschen Romantik, war er gar ein „enthusiastischer Weltverschönerer“. Was passt also besser zu Bauten von so viel Schönheit, als eine die menschliche Gestalt in ihrer Schönheit, aber auch Verletzlichkeit feiernde Kunst – die der Skulptur?

Schinkels untrügliches Auge für stimmige Proportionen, für die Einbettung der Bauwerke ins Umfeld, für mal monumentale, mal romantisch-poetische Wirkung – für Schönheit eben, brachte anno 1830 – fast zur gleichen Zeit wie sein klassizistisches Meisterwerk, das einzigartige Alte Museum am Berliner Lustgarten – die Friedrichswerdersche Kirche hervor. Das historizistische Kleinod, seit 1987 Skulpturen-Dependance der Nationalgalerie (damals Ost), musste für die Kunst acht Jahre lang geschlossen bleiben. Die – empörenden – Gründe für den Lockdown sind bekannt: Rigide Bauarbeiten für die benachbarten Luxus-Wohnungen hatten der Kirche Risse und fatale statische Probleme beschert. Der Bauherr der Wohnbauten beseitigte die Schäden. Jetzt ist das Gotteshaus wieder Skulpturenmuseum, der Pachtvertrag der Staatlichen Museen mit der Kirchengemeinde könnte mit Glück über 2025 hinaus verlängert werden.

Als ich die Kirche betrete, dringen für Momente ein paar Sonnenstrahlen durch die Fenster, übernehmen eine grandiose Lichtregie über die von Skulpturenkennerin Yvette Deseyve und Nationalgalerie-Leiter Ralph Gleis kuratierte neue Schau „Ideal und Form“. Ihr Ausstellungskonzept folgt abermals Schinkels Intention. Dem Architekten ging es ums unverstellte Erleben eines hell erleuchteten Kirchenschiffes: „Der ganze innere Raum der Kirche“, so schrieb er es nieder, „ist frei ohne Hindernis im Sehen und Hören von einer angemessenen Anzahl großer, nicht zu hoch liegender Fenster erleuchtet.“

50 Bildwerke aus Marmor, Gips, Terrakotta und Bronze erlebe ich im Wechsel des Tageslichts, zehn davon oben auf der Empore. Hier spricht die Bildhauerkunst Europas im 19. Jahrhundert, unter der Überzahl der Männer fünf Frauen, von denen etwa Elisabet Ney mit ihrem beinahe psychologisierenden Bismarck-Kopf oder Katharina Felder mit ihren miniatürlichen Statuetten von „Bauernkindern“ der männlichen Konkurrenz mit ihrem Können nicht nachstanden.

Unnachahmlich selbstredend die Skulpturen der Stars wie Johann Gottfried Schadow, etwa dessen frühes, fragendes Selbstporträt und die fragile, geradezu verletzliche Darstellung des griechischen Kriegsgottes „Mars“ von 1792/93. Die originale Gipsvariante von Schadows ikonischer preußischer Prinzessinnengruppe (das Marmorbildwerk steht in der Alten Nationalgalerie) wird derzeit noch restauriert, kann daher erst in absehbarer Zeit wieder auf dem noch leeren Sockel stehen.

Dafür entschädigen Christian Daniel Rauchs „Narziss“ von 1831 und die zwei Jahre später geformte „Danaide mit hochgestecktem Haar“ – Meisterwerke klassizistischer Bildhauerkunst. Und François Joseph Bosios anmutig hingestreckter „Hyazinth“ von 1817, Sinnbild des Geliebten Apolls, den der Gott des Lichtes aus Versehen tötete. Die Marmorversion der Skulptur gehört dem Pariser Louvre. Für Bildhauer Europas jener Zeit war diese Figur sozusagen der Maßstab.

Einige Zeit später galt Reinhold Begas’ „Eva mit ihren Kindern Kain und Abel“ als universales Vorbild. Und tatsächlich ist diese große Marmorarbeit nicht nur ein Hingucker, sondern auch Anlass zu vielfältigster Interpretation. Es bleibt jedoch ein Rätsel, welches der biblischen Babys nun der spätere Brudermörder Kain oder der unschuldige Abel ist.

Inzwischen ist das nur noch spärlich einfallende Herbst-Tageslicht sachte gewandert. Mal streichelt es sanft die Skulpturen des frühen 19. Jahrhunderts, die Formen der „Edlen Einfalt, stillen Größe“ der Goethe-Zeit, dann die reinweiße Zurück-zur-Antike- Ästhetik Winckelmanns, das „Ideal“.

Und schließlich wandert es Richtung Altarblock. Davor stehen die „Form“-Betonungen der Wegebereiter der modernen Skulptur um 1900. Es sind feinsinnige, lebensnahe und formreduzierte Figuren der „Deutschrömer“ Artur Volkmann und Adolf von Hildebrand, Wegbereiter der modernen Skulptur, die bereits auf den Expressionismus verweisen. Letzterer versah seine Skulpturen auch mit Farbe für Gesichter, Haare, Kleidung, belegte damit – wie sein Leipziger Bildhauerkollege Max Klinger es seinerzeit tat -, dass Menschenbilder in der Antike keineswegs nur im reinen Marmorweiß erstrahlten, sondern sehr realistisch farbig gestaltet waren.

So gesehen gilt es in der Friedrichswerderschen Kirche auch eine seinerzeit bereits international ausgerichtete Berliner Bildhauerschule neu zu entdecken.

Friedrichswerdersche Kirche, Berlin. Der Eintritt ist frei, es kann zu Wartezeiten kommen.

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