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André Masson: Ophelia von 1937. Das Bild ist die Kritik seines Malers am spanischen Bürgerkrieg. Es gilt als surrealistisches Pendant zu Picassos ""Guernica".
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André Masson: Ophelia von 1937. Das Bild ist die Kritik seines Malers am spanischen Bürgerkrieg. Es gilt als surrealistisches Pendant zu Picassos ""Guernica".

Surrealismusausstellung in Ludwigshafen

Unvermutete Begegnung im Traume

Die Ausstellung "Gegen jede Vernunft" in Ludwigshafen rekonstruiert den Austausch der bekannten Surrealistengruppe in Paris mit der ihr ebenbürtigen in Prag - und fördert nebenher einige Raritäten zutage.

Von Natalie Soondrum

Es ist erstaunlich, wie ein vermeintlich kleiner Perspektivwechsel ein so großes Tor aufstoßen kann wie bei der Surrealismus-Ausstellung in Ludwigshafen. Dabei erscheint alles zunächst ganz und gar erwartbar: Beim Betreten des Wilhelm-Hack-Museums werden die Besucher sogleich Zeugen einer unerhörten Verstümmlung.

Ein junger Mann zerschneidet einem Fräulein mit dem Rasiermesser das Auge, wie ein Wolkenband, das an der Mondscheibe am nächtlichen Himmel vorüberzieht. Die unvergessliche Eröffnungsszene von Luis Buñuels und Salvador Dalís erstem Film "Un chien andalou" von 1929 läuft als Video-Projektion in der Eingangshalle.

Doch neben Gemälden bekannter Künstler wie Max Ernst, René Magritte und André Masson hängen Werke von Josef ?íma - etwa die Männerporträts (Roger Gilber-Lecomte und René Daumal) von 1929. ?íma lässt die zart gezeichneten Gesichtszüge aus dem dunkelfarbigen Hintergrund realistisch herauswachsen, wie Foto-Porträts, die in einem vagen Traum vorüberziehen.

Immer wieder taucht der Name Jindřich ?tyrský auf. 1936 entstand von ihm "Trauma der Geburt", das aussieht wie die Abbildung eines lose zusammengetragenen Arsenals von Symbolen für eine Grenzerfahrung, wie zufällig vor einem schwarzen Hintergrund arrangiert. Ein Stück Betonguss mit einzementierten Kieselsteinen, eine vierfingrige Klaue wie von einem Menschenaffen. Rechts unten in der Ecke ein Fötus in seiner Eihaut, beiläufig und nicht wichtiger als der rehbraune Lederhandschuh daneben.

Doch die eigentliche Sensation in dieser Ausstellung ist ein Name, den die Besucher mehr als 20 Mal auf den kleinen weißen Schildchen neben den Gemälden lesen, Toyen. Hinter diesem androgynen Pseudonym steckt die Prager Künstlerin Marie Čermínová. Von ihren Arbeiten geht eine unwiderstehliche Kraft aus: "Die verlassene Höhle" von 1937 zeigt eine leere Hülle, deren Form einem Damenkorsett ähnelt. Der Frauenkörper hat sich daraus verabschiedet, doch nicht wie ein Schmetterling aus seinem Kokon. Die Abwesenheit der Frau hinterlässt eine Leerstelle, die schmerzt.

Im Kontrast dazu steht eine Serie gezeichneter Erotica von 1920. Darauf zu sehen sind masturbierende und kopulierende Paare, die Vereinigung mit Tieren und die Andeutung sado-masochistischer Praktiken: Zeichnungen, die eine große Lust und Neugierde ausstrahlen. Ein Bild von 1936 zeigt den Torso einer masturbierenden Frau vor drei erigierten Penissen hinter Gittern. Doch wie wild ist erst "Das Paradies der Schwarzen" von 1925!

In einer naiv-primitivistischen Darstellung, die völlig aus dem übrigen Schaffen Toyens herausfällt, zeigt sie eine stilisierte Orgie schwarzer Figuren, ein ironischer Kommentar zum rassistischen Blick.

Der Impuls, in Ludwigshafen einen Schwerpunkt auf die Prager Surrealisten zu legen, ging ursprünglich von der Fotografie aus. Barbara Auer vom Kunstverein Ludwigshafen war bei ihren Recherchen zufällig auf die Arbeiten der tschechischen Künstler gestoßen, und nun sind im Kunstverein rund 180 größtenteils originale Abzüge zu sehen. Die Arbeiten der Prager reihen sich nahtlos ein in den Kontext der Aufnahmen von Man Ray, Dora Maar, René Magritte und Georges Hugnet.

Allen voran wieder ?tyrský, der beeinflusst von Eugene Atgets Aufnahmen vom alten Paris, auf die Straße hinausgeht und beginnt, Schaufenster und Jahrmärkte abzulichten. Im Zentrum stehen die Fragmentierung, der Ausschnitt und die Spiegelung. So beim Schaufenster eines Herren-Unterwäscheladens aus der Serie "Froschmann" von 1934.

Die Begrenzung des Fensters ist nicht zu erkennen, dafür eine Schaufensterpuppe ohne Arme und offenbar nicht in Lebensgröße, denn die Strümpfe rechts und links von ihr überragen sie bei weitem. Die Spiegelung der Schaufensterscheibe unterbricht den naturwissenschaftlich-untersuchenden Blick auf die Auslagen. Der Traum, die Ablenkung, die aus den tieferen Schichten der Seele herrührt, ist neben dem dokumentarischen Charakter in ?tyrskýs Arbeiten immer präsent.

Erst in den Arbeiten von Karel Teige gewinnt das Irrationale und traumhaft Verdichtete endgültig die Oberhand. In der Fotomontage "Collage 326" sind die Platten der Bistrotische auf der Terrasse kreisrunde Ausschnitte von Brüsten. Der nackten Schönen am Strand aus "Collage 293" hat Teige eine Beinprothese vor das Gesicht geschnallt, so dass ihr Kopf zu einem riesigen rüsselartigen Auswuchs mutiert.

Vor einer Aufnahme von Claude Cahun, das die Künstlerin im Garcon-Schnitt an einen Spiegel gelehnt zeigt, fragt ein Besucher Barbara Auer: "Was hat das mit Surrealismus zu tun?" Offensichtlich ist der Schock, den das Spiel mit den Geschlechtern Ende der 20er Jahre noch auslösen konnte, das Unerhörte, dass eine Frau sich den Kopf kahl rasiert und so abbildet, heute nicht mehr nachvollziehbar.

Auch ist es notwendig, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, dass erst 1925 die leichten Kleinbildkameras mit 35 Millimeter Rollfilm die sperrigen Plattenkameras ablösten. Diese technische Entwicklung ist es, die den Künstlern des Surrealismus ermöglicht, die Welt, die sich vor ihren Augen immer schneller verändert, durch das Kameraobjektiv zu erforschen.

Aus dem ausführlichen und sehr sorgfältig zusammengestellten Katalog zur Ausstellung spätestens lernen wir, wie intensiv der Dialog der Surrealisten in Paris und Prag war. Josef ?íma lebt bereits drei Jahre in Paris, als André Breton 1924 das "Büro für surrealistische Forschungen" eröffnet und das erste Manifest verfasst. Zeitgleich veröffentlicht in Prag die Künstlergruppe Devětsil (Pestwurz) Manifeste zum Poetismus, dem Vorläufer des dortigen Surrealismus. ?tyrský und Toyen lassen sich von 1926 an für drei Jahre in Paris nieder. Zeitgleich erscheint Bretons Manifest in Prag auf Tschechisch, 1927 hält Philippe Soupault dort einen Vortrag über surrealistische Literatur. 1934 entsteht dann auch in Prag eine offizielle surrealistische Gruppe.

Die Ausstellung in Ludwigshafen rekonstruiert den Dialog zwischen den Kunstmetropolen. Sie lässt etwas davon ahnen, mit welcher Vehemenz die Surrealisten sich für die Freiheit der Gedanken, der rationalen wie der irrationalen, einsetzten. Und bis heute einsetzen, denn die Prager Gruppierung ist noch immer aktiv. Die Pariser Gruppe hingegensetzte bald nach André Bretons Tod im Jahr 1969 einen Schlusspunkt, den die Ausstellung übernimmt.

Auf der Suche nach den wenig bekannten Exponaten der Prager ist Kuratorin Judith Elisabeth Weiss auch auf andere Raritäten gestoßen. Erstmals ist in Europa der Bühnenvorhang zu Salvador Dalís von Wagner inspiriertem Ballett "Bacchanal" zu sehen, das 1939 an der New Yorker Met uraufgeführt wurde.

Im Zuge der Rekonstruktion des Hauptraumes der Pariser Surrealismus-Ausstellung von 1938, den man nun wieder im Hack-Museum betreten kann, gelang es Weiss, André Massons "Ophelia" von 1937 zu gewinnen. Das Gemälde gilt als das surrealistische Pendant zu Picassos "Guernica".

Was für ein Wurf mit der Ludwigshafener Ausstellung gelungen ist, geht einem auf, wenn man bedenkt, dass von den 400 Exponaten, die derzeit im Centre Pompidou in Paris in der großen Fotoausstellung zum Surrealismus gezeigt werden, nur acht der Prager Szene zuzurechnen sind. Barbara Auer erzählt, der dortige Kurator sei an ihrem Konzept sehr interessiert.

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