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Günter Brus: Wiener Spaziergang, am 5. Juli 1965.
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Günter Brus: Wiener Spaziergang, am 5. Juli 1965.

Günter Brus im Gropius-Bau

Unter Schmerzen zelebriert

  • VonIngeborg Ruthe
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Das Publikum schlürfte Wein, während er den eigenen Urin goutiert: Der Martin-Gropius-Bau in Berlin widmet sich Günter Brus, einem radikalen Spieler des Wiener Aktionismus.

Die Obsession hatte Methode. Und zwar bis zur Abscheu- und Ekel-Provokation. Günter Brus aus Wien, gebürtig in der Steiermark – mittlerweile 77 Jahre alt – ist ein von Selbstversuchen, vor allem Selbstverletzungen unübersehbar gezeichneter Mann. Und er ist verkörperte Kunstgeschichte.

An diese Kunstgeschichte, grob datiert von 1962 bis 1970, wird gerade im Berliner Martin-Gropius-Bau erinnert. Die Retrospektive dieses wohl radikalsten Spielers im Wiener Quartett infernale heißt „Störungszone“ und der leise sprechende, mühsam und langsam laufende einstige Bürgerscheck im zwiespältigen Bunde mit den ebenso berühmt-berüchtigten Akteuren Hermann Nitsch (bekannt fürs Orgien-Mysterien-Theater), Rudolf Schwarzkogler (Fischtöter) und Otto Muehl (später Sekten-Guru und verurteilter Kinderschänder) hat das gefährlich-böse Spiel von Ironie und Selbstzerstörung längst aufgegeben. Seit 40 Jahren zeichnet er „nur noch“.

Auf jeden Fall verfolgten Brus & Co das Konzept des Happenings und Fluxus; sie setzten es nur noch weit radikaler um, als die Amerikaner oder in Deutschland etwa Joseph Beuys und Wolf Vostell.

Auf unserem Foto spaziert Brus, 27, durch die barocke Wiener Altstadt. Das war am 5. Juli 1965. Es könnte gerade geregnet haben, auf dem Asphalt sind Wasserreste zu sehen, die Leute tragen Mäntel und Jacken.

Auch Brus’ heller Ausgeh-Anzug hat so einiges abbekommen, aber die Nässe ist nicht das Problem, eher der Liter Farbe, der an Kunstblut denken lässt, den er akkurat-dramatisch vom rechten Hosenbruch übers Jacket, dessen Knopfleiste, den Kragen und als steile Trennlinie im Gesicht bis in die schon damals spärliche Haartracht strich. Eine Art Wunde, wie mit Sauschneiderstichen vernäht.

Christus oder gefolterter KZ-Häftling

Was war das damals für eine Aufregung, eine Empörung. Dabei war es ja nur schwarze Farbe. Brus hat seine Aktionen oft mit Körpersäften, auch Kot gemacht, er hat sich öffentlich ins eigene Fleisch geritzt und gestochen, sogar ins Allerheiligste seiner Männlichkeit. Er war bald Marsyas, bald auch Christus oder gefolterter KZ-Häftling.

Man kann sehen, wie er im Dauerschleifen-Film vor den Augen eines – Wein schlürfenden – Publikums den eigenen Urin goutiert und ausspeit: Dantes Unterwelt, Boschs Hölle, Holocaust. Als Klangkulisse Beethovens „Eroica“.

Er war also, nicht nur auf der obigen Wiener Straße, ein lebendes Kunstwerk, ein Märtyrer oder eine Karnevals-Gestalt? Selbst-Darsteller Brus läuft bei der abgebildeten Aktion einsam und auch unbehelligt die Straße lang, hinter ihm die historische Pracht-Architektur der Stadt. Die Leute haben aufgehört, zu gaffen.

Er gehörte zu den „Irrsinnigen“ von damals, kam vor Gericht; zuletzt sollte er 1970 wegen „Herabwürdigung der österreichischen Staatssymbole“ für sechs Monate in den verschärften Arrest – kurz vor Abschaffung dieser Strafform. Er floh nach West-Berlin, ins Exil.

Porös und grau-gelb sind all die Aktionsfotos und Filme von einst. Über der Kunst des Tabubruchs, der krassen Kunst des Protestes gegen die verheuchelte, eigensüchtige kapitalistische Welt zieht sich die sanfte Patina des Historischen. Was haben uns die Obszönitäten, Selbstverstümmelungen, Revolten des alten Rebellen noch zu sagen?

Recht ambivalent, was einem da durch den Sinn geht: Angesichts der irren Welt von heute, der Verteilungskämpfe, des IS-Terrors, der Fluchtmassen, der Besitz- und Religionskriege, auch der ungeheuren Tatsache eines US-Präsidentschaftskandidaten wie Donald Trump erschient einem das Brus’sche Happening von einst als fast harmloses Bühnenspiel.

Und doch war, was der Mann, gewiss unter Schmerzen, zelebrierte, so radikal wie klar und kühn. Denn er wandte sich, beschimpft als „perverser Staatsfeind“, rückhaltlos gegen die repressiven gesellschaftlichen Zustände, gegen das österreichische Befindlichkeitskonglomerat von k.-und-k.-Erbe, Austria-Faschismus, Spießbürgertum, Doppelmoral und Konsumwahn. Und jetzt kommt das alles ins Museum!

Martin-Gropius-Bau, Berlin: bis 6. Juni.

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