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Ungewollte Verwandtschaft: Die italienischen Künstler Fortunato Depero und Daniele Lievi

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Von: Peter Iden

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Fortunato Depero, „Movimento d’uccello“, 1916.
Fortunato Depero, „Movimento d’uccello“, 1916. Foto: MART/Fondo Depero © MART/Fondo Depero

Italienische Eigendynamik künstlerischer Prozesse: Fortunato Depero in Rovereto, Daniele Lievi in Salò.

Manchmal können es Zufälle sein, die unversehens aufmerksam machen auf stilistische Zusammenhänge über Jahrzehnte hinweg zwischen den Positionen von Künstlern, die einander persönlich niemals begegnet sind. Es ist diese Möglichkeit einer ungewollten Verwandtschaft Ausdruck gleichsam der Eigendynamik künstlerischer Prozesse, nicht zu verwechseln etwa mit der Praxis des bloßen Zitierens.

Zwei italienische Künstler liefern ein auffälliges Beispiel: In dem von dem Schweizer Architekten Mario Botta erbauten Museum MART in Rovereto, der immer einen Besuch lohnenden italienischen Stadt direkt an der Autobahnverbindung zwischen Innsbruck und Verona, gehören Werke von Fortunato Depero zum permanent gezeigten Kern der Sammlung moderner Kunst, die (auch durch Leihgaben der US-amerikanischen Galeristin Helena Sonnabend) zu den spannendsten Italiens gehört. Depero, 1960 sechsundachtzigjährig gestorben, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Schlüsselfigur des italienischen Futurismus, zugleich aber auch von imponierender Vielseitigkeit als Grafiker, Plakatmaler, Bühnenbildner, dem MART hat er seinen entsprechend vielteiligen und umfangreichen Nachlass gestiftet, vor zwanzig Jahren wurde das Museum ihm zu Ehren errichtet.

Nur eine Autostunde entfernt von Rovereto, am westlichen Ufer des Gardasees, ist derzeit in Salò (einst Regierungssitz von Mussolinis verbrecherischer „Republik“ und letzte Bleibe des Diktators vor seiner Hinrichtung auf der Flucht in die Schweiz) das MuSa, ein gerade großzügig renoviertes Museum für die Geschichte der Region, aber auch mit Raum für die bildende Kunst der Gegenwart, Schauplatz einer umfangreichen Ausstellung des zeichnerischen Werks von Daniele Lievi.

Welten nicht von dieser Welt

Die Schau kommt einer Entdeckung gleich. Der Künstler, geboren 1954 im nahen Gargnano und dort 1990 jung verstorben, erfährt mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Tod eine Würdigung, die ihn im Kontext der neueren italienischen Kunstgeschichte als einen Zeichner und Maler erkennbar werden lässt, in dessen Bildwelten der Futurismus eines Depero, wenngleich auf sehr eigenem Weg, sich mit selbstständig gefundenen und entwickelten Motiven als impulsives Stilmittel behauptet.

Fortunato Depero war geboren und aufgewachsen in Fondo, einem entlegenen kleinen Dorf in den trentinischen Bergen, damals noch im Herrschaftsbereich Österreich-Ungarns. Mit dem Umzug der Familie nach Rovereto verlief seine Lebensbahn stürmisch, stark prägten ihn die technischen Entwicklungen, auf deren Dynamik Filippo Marinettis 1909 in Paris veröffentlichtes Futuristisches Manifest enthusiastisch reagierte. Es war die italienische Geburtsstunde eines neuen Stils, der dem Aufbruchsgeist der Epoche entsprechen sollte. Er trieb Depero bis nach Amerika. Flugzeuge, Automobile, Motorräder, oft in grellen Farben erfasst, wurden ihm zu Bildmotiven, es gibt Darstellungen, die sogar Menschen auftreten lassen, als wären auch sie von technischer Art wie die Requisiten, die ihre Lebenswelt bestimmen. Wir sehen heute die flammende Begeisterung für den technischen Fortschritt eingedenk vieler fraglos negativer Folgen durchaus mit Vorbehalten.

Aufbruch, ständige Bewegung, gesuchte Unruhe – es gibt diese Antriebe und Regungen auch in den Zeichnungen Lievis, die er „carte segrete“ genannt hat, „Geheime Papiere.“ Jedoch sind die motivischen Ansätze poetischer als bei Depero, weniger schrill, weicher. Lievi hat einen anderen Begriff von Schönheit. Und doch bewahren die Blätter immer auch etwas Rätselhaftes. Sie haben zu tun mit der Brüchigkeit der Verhältnisse. Darin liegt ihr Zauber. Depero ist fast immer bunt und reich an häufig sich in mehreren Schichten überlagernden Reizen. Ein zentrales Motiv kann bei ihm als realistisch identifizierbar sein – was dann aber die Phantasie dem Maler und Zeichner eingibt, verwandelt die realen Ansätze in Welten nicht von dieser Welt: Er findet dafür immer präzise Strukturen und Formen. Gleichsam ein Reglement gegen die Überwältigung durch die Schübe seiner phantastischen Exkurse.

Auch bei Lievi gibt es diese Kontrollen. Das Besondere ist bei ihm, dass er zu vielen seiner Zeichnungen angeregt wurde durch Anforderungen, die ihm als Bühnenbildner die dramatischen Stoffe der Theaterbühne aufgegeben haben. Das ist nicht zuletzt eine deutsche Geschichte. Nach Anfängen am Teatro dell’ Aqua in Gargnano am Gardasee, das er mit seinem älteren Bruder, dem Dichter, Dramatiker und Regisseur Cesare Lievi, gegründet hatte, eine Bühne für fünfzig Zuschauer, waren die beiden schon mehrmals in Frankfurt tätig gewesen als Heinrich Klotz, damals Direktor des Architektur-Museums am Mainufer, Daniele Lievi in seinem Institut die erste Ausstellung, „Spuren in ein Theater“, ermöglichte.

Glücksfall, der sich bestätigt

Daraus wurde eine Erfolgsgeschichte, für den Bühnenbildner wie für seinen Bruder, den Regisseur. Aufführungen unter anderem in Berlin, Hamburg und (wiederholt) in Wien, in Heidelberg, Basel, Wiesbaden und Zürich wie an der Scala in Mailand und der Oper in Rom haben die Zusammenarbeit der beiden als seltenen Glücksfall wieder und wieder bestätigt.

Die Ausstellung jetzt in Salò, vorzüglich eingerichtet von Cesare Lievi und Bianca Simoni, führt mit vielen Beispielen vor Augen, wie die Kunst der Bühne sich verbinden kann mit der Sprache von Bildern; und beide davon handeln können, wie es um uns steht in der Zeit, die wir haben.

Museum MART , Rovereto: Fortunato Depero permanent im Museum. www.mart.tn.it

Museo di Salò , Salò: bis 30. November. www.museodisalo.it

Daniele Lievi: „La torre“.
Daniele Lievi: „La torre“. Foto: Lievi/MuSa © Lievi/MuSa

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