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Der kleine Kerl entstand um 1470/75.
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Der kleine Kerl entstand um 1470/75.

Skulpturensammlung

Das ungemein lebhafte Kind

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Frankfurts Liebieghaus hat mit einem spätgotischen Christuskind eine herrliche Kostbarkeit erworben.

Was für ein Knabe, wahrlich ein Wunderkind. Um ihm also zu zeigen, wie sehr man ihm gewogen war, wollte man ihn auch in den Armen wiegen. Wie Mütter es tun. Ein Kümmern, ein Bemuttern, ein Kosen. Ob das der Sinn der Sache war? Das allein?

Wie auch immer, die Figur legte viele Regungen nahe, viele Handlungen, auch bei dieser aus Laubholz geschah das, und schon wegen ihrer Lebensgröße war es wohl um die Betrachterin geschehen. Vor allem aber in ihrer rosigen Lebensechtheit legte sie der Nonne eine noch andere Rolle ans Herz. Der Braut Christi, der Nonne also, eine Mutterrolle. Aber dieser Mutter eine allerdings nicht nur mütterliche Rolle. Was für ein komplexes Kind!

Wahrhaftig ein Wunderknabe dieses Christkind, das zur Weihnachtszeit eingezogen ist in Frankfurts Liebieghaus. Direktor Philipp Demandt spricht von einem „Neuzugang“, der „unsere Mittelalterabteilung auf das Glücklichste ergänzt“. Die 63,5 Zentimeter hohe Figur war schon einmal im Haus zu sehen, 2011 war sie eine Attraktion in der Niclaus-Gerhaert-Schau. Fortan bereichert sie, gerahmt von zwei kleineren Christus-Darstellungen aus ebenfalls spätgotischer Zeit, die Skulpturensammlung an Frankfurts Museumsufer.

Bereits 2011 bestanden Zweifel an der Urheberschaft des Niederländers Gerhaert von Leyden (um 1430-1473) - wenn der Knabe jetzt dem Ulmer Michel Erhart (um 1440 bis nach 1522) zugeschrieben wird, dann nicht mit letzter Gewissheit, natürlich nicht, aber doch mit gehörigem Nachdruck. Stilanalysen sprechen für Meister Erhart. Anschaulicher: die Modellierung des Mündchens, als hätte der Knabe bereits eine erfreuliche Botschaft. Ebenso ein Stilmerkmal: die Behandlung der Augen. Ein wacher Blick, offenbar nicht fixiert auf eine Einzelheit, nicht auf uns Nobodys, heute, nicht auf die Nonnen aus der Zeit um 1470/75. Ein Silberblick, ja, eher herumschweifend. Der Kopf leicht geneigt. Wer möchte das Kleinkind nicht an die Brust drücken? Und im Arm liegend, schaut es da die Wiegende womöglich an?

Wenn wir es so sehen, kann man sich lebhaft vorstellen, wie sehr die Möglichkeit des Erwerbs elektrisiert hat: Liebieghaus-Direktor Demandt, den Sammlungsleiter für das Mittelalter, Stefan Roller, dazu den Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung, Martin Hoernes, die den Ankauf ermöglichte, ergänzt aus Mitteln aus dem Nachlass Wirthle. Eine Rarität, wie Roller versichert, neben einer Münchner und einer Hamburger Figur zählt er den Knaben, der jetzt seine Bleibe in Frankfurt gefunden hat, zu den drei großen Kostbarkeiten spätgotischer Christuskinddarstellungen.

Roller erzählt, wie wohl auch dieses Jesuskind, ebenso wie andere seiner Gattung, in das Klosterleben eintrat, vor allem in das eines Frauenordens, als Mitgift einer Novizin. Hinter den Mauern wurde ein fleißiges und inbrünstiges Anbeten vollzogen, auch diente zur spätgotischen Weihnachtszeit die Figur als Medium der Identifikation mit der Heiligen Jungfrau. Die Figur war eine handfeste Hilfe, Anleitung zum Nachvollzug der Freuden und Sorgen der jungen Mutter Maria. Und weil ja an dem nackten Knaben alles dran war, wollte man den Laubholzkörper am eigenen Nonnenleib spüren - was keine haltlose Spekulation ist. Lassen doch die stark abgegriffenen Stellen im Schambereich Rückschlüsse zu auf ein haptisches Begreifen der männlichen Anatomie. Das Kind in den Händen der Nonne war nicht nur ein Objekt der Andacht, der heilige Knabe, so müssen wir Heutigen uns das vorstellen, war auch ein eminent erotisches Objekt.

Wenn wir es nicht nur vollkommen nackt sehen, dann steht das Kind ein wenig tapsig da. Standbein, Spielbein - das spricht dafür, wie sehr ein modernes Abbild vom Menschen in der Skulptur selbstverständlich geworden war, und wie virtuos der Meister aus Ulm es auch bei diesem Menschlein beherrschte. Ein niedriger Körperschwerpunkt (aus dem Linksfuß hätte ein prima Fußballer werden können). Stramme Waden, Babybauch, überhaupt Babyspeck, nicht zu übersehen, rosige Wangen. Die Locken eine Pracht aus Blattgold, ursprünglich jedenfalls. Die Figur kostete eine Unsumme - der Stadtpfarrer in Ulm, so Roller, hätte für diesen „Erhart“ sein Jahresgehalt hingeben müssen.

Hingabe überhaupt, vor allem an die Lebensechtheit einer Skulptur. Roller sprach bei der Präsentation des Knaben von einem „Bankert“. Das war beileibe nicht abwertend gemeint, sondern eine veraltetete Bezeichnung für ein so ungemein uneheliches wie ungewöhnlich lebhaftes Kind.

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