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ARCHIV ? 24.09.2009, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Der dänische Künstler Per Kirkeby steht im Museum Kunstpalast vor einem seiner Werke. Der dänische Maler und Bildhauer Per Kirkeby ist im Alter von 79 Jahren gestorben. (zu dpa ?Dänischer Maler Per Kirkeby gestorben? vom 09.05.2018) Foto: Federico Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Kunst

Ungemein geerdet

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Zum Tod des dänischen Bildhauers, Malers, Forschers und Essayisten Per Kirkeby.

Eines Tages wurde er der Super-Per genannt, was ihm wohl auch ganz recht gewesen sein muss, ihm, der am Anfang der Kirkeby war, und das bereits war eine Auszeichnung. Denn „der Kirkeby“, wie er hieß, zählte er doch zu den Attraktionen der Skulptur Projekte Münster 1977. Es war die erstmals gezeigte und von Anfang an international beachtete Schau, die den Dänen präsentierte, mit einem Werk vor dem Schloss, dem barocken Bauwunder von Johann Conrad Schlaun. Bekannt auch als ein Bauwerk mit großen Backsteinflächen, war es Kirkeby, der davor auf einer Rasenfläche eine Bodenskulptur einließ. Form und Struktur der Backsteinskulptur nahmen Bezug auf die Schlossfassade – und tun es heute noch, denn die Stadt kaufte „den Kirkeby“ an. So wie auch „den Rückriem“ oder „den Oldenburg“, weitere Größen der Kunst, heute.

Die erste Skulptur Projekte Münster im Jahr 1977 hat dem damals bereits 39jährigen Dänen einen großen Auftritt verschafft – es waren die Scouts Klaus Bußmann und Kaspar König, die auch diesem nicht mehr ganz jungen Künstler zum Durchbruch verhalfen, so dass Kirkeby seit Anfang der Achtzigerjahre wahrgenommen wurde, ob nun mit seinen architektonischen Skulpturen oder mit seinen Bildern, schließlich auch seinen Grafiken, nicht zuletzt als Autor. Sich zur Welt korrespondierend verhalten. Auch der rotbraune Backstein, in der Erde lagernd, war nicht geschaffen für die Konfrontation.

„Das dänische Baumaterial ist der Backstein, wir besitzen kein anderes natürliches Material“, hat er einmal erklärt, und was sich fast wie eine Entschuldigung anhörte, wie ein Wort der Verlegenheit, war selbstverständlich keines, denn die Entscheidung für den Baustoff aus tonhaltigem Lehm war eine bewusste Wahl, um aus diesem Material Skulpturen entstehen zu lassen, Türme und Tore - schließlich auch an Frankfurts Miquel-/Adickes-Allee, auf dem Vorplatz der Deutschen Nationalbibliothek. Seitdem am Rande einer sehr turbulenten Verkehrsachse ein transitorischer Raum der beruhigten Art.

Feste Größe im Frankfurter Kunstbetrieb

Überhaupt im Frankfurter Kunstbetrieb war Per Kirkeby eine feste Größe, er war es in den 1990er Jahren an der Städelschule, wo er von 1989 bis 2000 lehrte. Nachfolger Kirkebys, auf die Talente in den Städelklassen angesprochen, aber auch auf die kuriose Anpassungsbereitschaft von Schülern an das Vorbild der Meister, haben recht gerne erzählt, wie Per Kirkeby, sichtlich erschöpft von der Durchsicht Hunderter von Bewerbungsmappen, sich danach sehnte, „dass endlich einer käme, der einen Blumenstrauß gemalt hat“.

Sollte es so sein, dass beim ihm nicht die Mimikry an einen der Großmeister der Städelklassen auf dem Programm stand? Denn das enorme Selbstbewusstsein, dass so viele Städellehrer besaßen und besitzen, ging wohl auch ihm nicht ab. Überliefert ist die Selbstzuschreibung: „Ich finde auch, dass ich ein richtig guter Maler bin.“

Geboren 1938 in Kopenhagen als Per Christensen, studierte er zunächst Geologie und begann 1962 ein Kunststudium. In den 60er Jahren kam er zusammen mit Joseph Beuys und Jörg Immendorff und bekannte sich zur 68er-Linken. Kopenhagen – Münster – Frankfurt – die weite Welt. Der Künstler Kirkeby war ein großer Reisender, der seine Skulpturen weltweit fest zu verankern wusste, dessen Bilder durch die internationalen Ausstellungen gereicht wurden, in die Londoner Tate, das Museum of Modern Art in New York und das Centre Pompidou in Paris.

Zu diesen Bildern erscheinen die immer wieder klaren Kuben wie der strenge, fest umrissene Gegenentwurf einer Kunst, die die Welt, wie Kirkeby sie in der Malerei sah, verflüssigte. Zwei Seelen, ach, in einer Künstlerbrust?

Kirkebys Landschaften, darauf hat er hingewiesen, denn er war auch Essayist, sind erinnerte Landschaften. Dass sich die äußeren Landschaften im Laufe eines Künstlerlebens verändern, ist naheliegend. Dass die Farben leuchtender wurden, war eine Entwicklung der 1990er Jahre. So groß sein Zweifel an dem, was der Mensch zu sehen in der Lage ist, die Farben des nordischen Sommers, die er vor Augen gestellt hat, sind immer wieder betörend. Seine Bilder lässt er wirken als Bild-Räume. Himmel und Meer – auch die Natur hat ihre Architektur, und zu ihren Schönheiten gehört, dass Kirkeby dem Betrachter seiner Naturkunst Einblicke in Tiefendimensionen eröffnet, die er durch Schichtungen und Überlagerungen hat entstehen lassen.

Dass er als Höhlenmaler bezeichnet wurde, ist ihm nicht entgangen. Eine weitere Auszeichnung, eine Adelung einmal mehr. Denn nicht nur Haus und Hütte waren seine zentralen Motive, auch Höhle und Grotte. Zwangsläufig wohl, denn das Unterirdische hat Kirkeby, der in der Welt auch als Geologe unterwegs war, fasziniert. Er untersuchte das Gestein, dessen Schichtungen, dessen Substanz, und er gab ihm eine Form. Als Künstler hat er auf das Material, das er vorfand, jedoch nicht durch Mimesis geantwortet, sondern durch die Metamorphose. Das erklärt, warum er auch den Titel eines abstrakten Expressionisten trug.

„Beobachtung ist die Grundlage von allem. Aber sehen wir wirklich, was wir sehen. Die Beobachtung ist immer gefärbt, nicht nur durch Licht und Schatten, sondern auch durch die Ideen der Zeit.“ Mit der Natur korrespondieren, mit der Umgebung, mit der Zeit. Weil die Herausforderungen für das Auge groß sind, und weil es ein so heikles Organ ist, wollte er dem Auge einen Halt geben mit seinen Bildern, nicht weniger auch mit seinen Objekten im Außenraum, in der Landschaft ebenso wie im städtischen Raum, auf einem unruhigen Platz, an einer belebten Straße, auch in Frankfurt.

Per Kirkeby ist am Mittwoch im Alter von 79 Jahren gestorben. Durch den Stein ebenso wie die Farben seiner Bilder wirkt die Kunst Per Kirkebys ungemein geerdet.

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