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Unerfüllt abziehende Wärme

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Roger Melis: „Die Ostdeutschen“, ihr Leben und nichts anderes.

Die Ostdeutschen gibt es nicht. Es gibt ein aufgelassenes Erinnerungsland mit seinen Menschen, die einfach da sind und sich nur selten wichtigmachen. In dem Fotobuch „Die Ostdeutschen“ von Roger Melis ist überall DDR, aber sie ist überall anders. Es sind die Menschen, die das Ländchen immer wieder anders erscheinen lassen. Die Ostdeutschen leben nicht nach Allgemeinbegriffen, sie leben im Detail.

Die Titelei ist eine Referenz an Klassiker der Fotokunst wie Robert Franks „Die Amerikaner“ oder René Burris „Die Deutschen“ und bemisst damit den Rang des früh verstorbenen Roger Melis (1940-2009). Aber sie entfaltet nicht die Leuchtkraft des Titels „In einem stillen Land“, eines der Vorgängerbände, nach dem Biermann-Vers „Das Land ist still. Noch.“ Und hat auch nicht die Poesie vom Namen des Fotobuches „Am Rande der Zeit“, in dem Melis die Menschen der Uckermark in einer Welt der angehaltenen Zeit zeigt.

Ein Fotoband von Roger Melis ist immer ein Ereignis, zumal wenn sich mit den „Ostdeutschen“ als viertes Buch im Lehmstedt Verlag alles zu einer Werkausgabe auswächst. Der Herausgeber Mathias Bertram macht Aufnahmen von 1964 bis 1990 aus dem Nachlass zugänglich. Ausgewählt wurden Bildstrecken, aber auch das „erzählende Einzelfoto, in dem eine ganze Geschichte steckt“. Alles thematisch gefügt. Bereits publizierte Fotos stehen in neuen Zusammenhängen.

Am Anfang steht eine gemeinsame Parade der Roten Armee und der Volksarmee zum 8. Mai 1965. Ruhmlose Langeweile der ostdeutschen Soldaten in den Bereitstellungsräumen. Erstaunlich viel Publikum drängt sich an den Straßenrändern: Kriegshandwerk macht auf Paraden einen schönen Eindruck. Nicht weniger Auftrieb herrscht bei einem Aufmarsch zum 1. Mai. Aber hier gibt es dann doch nicht nur Unterschiede, sondern auch Abstände. Mitten im Mai-Umzug wird Helene Weigel in einem Cabrio chauffiert. Sie demonstriert nicht, sie repräsentiert.

Der Mensch an seinem Platz

Aber das ist bei den Ostdeutschen nicht Alltag. Und Melis weiß, nur das Persönliche ist unerschöpflich. Er sucht die Menschen im Alltagsleben auf. Leute auf ihren Stammplätzen in Feld, Forst und Fabrik. „Meine wichtigste Aufgabe habe ich immer darin gesehen, eindringliche Bilder von Menschen zu schaffen, möglichst in ihrem natürlichen Lebens- und Arbeitsumfeld, und ihnen dabei nicht die Seele zu rauben ... .“ So gewinnt er Vertrauen. Melis hat nicht einfach fotografiert, sondern erkannt.

Im Strom ihres Tätigseins zeigen sich Land- und Fabrikarbeiter, Schlachter und Maurer, Fährmann und Winzer. Seltenes Handwerk mit Mühlensteinhersteller und Spreewaldkahnbauer. Landmann und Forstwart „im Sonntagsstaat“ – wie eine Fortsetzung der Menschenbilder von August Sander. Schwere Gesichter, von Arbeit gezeichnet, aber nicht gelöscht. Souveräne Gleichgültigkeit, erwiderte Blicke.

Da ragt viel Schweigen rein, aber hinter diesen Gesichtern liegen erkennbar feste Geschichten. Man kennt Mühe und Einschränkung. Es herrscht keine Not, aber unerfüllt abziehende Wärme. Das verbindet die Arbeitenden, legt ihre Nachbarschaft fest. Nicht anders bei dem Fischer von Usedom mit seinem Charaktergesicht, nicht nur von Wind und Wetter gegerbt, sondern von der Arbeit als dem Maß der Dinge. Seine Skepsis ist kompromisslos, aber da ist auch ein Stolz, der sich gegenüber der schweren Arbeit behauptet, sich nicht beugt. Die Gleichheit bleibt ein unersättliches Ideal: Herzchirurg, Bibliothekar, Generaldirektor, und Parteisekretär haben andere Gesichter. Die Schriftsteller und Künstler allemal – hier als Erweiterung zum Melis-Band „Künstlerporträts“. Das Cover der „Ostdeutschen“ ist ein Lockruf: Eva-Maria Hagen als junge Schauspielerin, doppeltgespiegelt – zwölf Jahre vor ihrer Ausbürgerung. Der Fischer von Usedom wäre ein anderes Signal.

Melis bannt auch die Unterschiede der Alltagswelt: Berliner Hinterhöfe und der Satellit Marzahn. Größer können Gegensätze nicht sein, der Bauch von Ost-Berlin und das Gleichmaß in der Neubau-Absonderung. Im Prenzlauer Berg bröselnde Fassaden, vermauerte Fenster. Kriegswunden sind gegenwärtig. „Zorro“ steht auf einer vernagelten Tür. Der Film des Rächers lief auch hier. Aber zu Zeugen werden die Dinge: Gepflegte Autos vergangener Epochen oder verblichene Werbeschilder wie „Ruhr-Eierbriketts“. Wie ausgemalte Zeitlosigkeit zeigt sich auch die Provinz im winterlich Meißen, in den Straßen von Rudolstadt oder Anklam. Gezügelte Freude und gemütliche Ereignislosigkeit zur Silvesterfeier in der Uckermark. Als reine Gegenkultur leuchtet die Performanceparty der Modekünstler um Sabine von Oettingen & Frank Schäfer.

Unter den jubelnden Menschen zur Deutschen Einheit, nach dieser nie vermuteten Umwälzung, steht eine verstörte Mutter mit Kleinkind, als gäbe es für sie keine Gewissheiten mehr. Manches Foto ist schon für sich allein Parabel. Die Aufnahmen des Roger Melis machen nachdenklich, mehr kann Fotografie – als Medium und Kunstform – nicht leisten. Das Bildgedächtnis, das er hinterlässt, schafft ein „Es-ist-so-gewesen“ und wird zu der „Überraschung des Bewusstseins“, wie sie Roland Barthes vorschwebte.

Zur Sache

Roger Melis: Die Ostdeutschen. Fotografien aus dem Nachlass 1964-1990. Dt./Engl.. Hrsg. von Mathias Bertram. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2019. 224 Seiten, 169 Duotone-Abbildungen, 28 Euro.

Die Reinbeckhallen in Berlin zeigen eine gleichnamige Ausstellung, bis 28. Juli. www.reinbeckhallen.de

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