+
Auf den Hocker setzen, was sagen oder lesen.

Portikus

Auf Umwegen etwas erzählen

  • schließen

Leo Asemotas und Nástio Mosquitos Installation im Frankfurter Portikus.

Irgendwann steht man dann in diesem winzigen Tonstudio vor dem Mikrofon und weiß nichts zu sagen. Man könnte jetzt die Aufnahmetaste betätigen und etwas Wichtiges zu Protokoll geben. Oder etwas Persönliches. Oder wenigstens Irgendwas. Es würde ja niemand hören. Man bekäme einen Code, und die Nachricht würde archiviert. Man könnte den Code dann mittels Postkarte, durch ein Foto oder durch den Ausstellungswärter jemandem mitteilen, der sich das Gesagte dann im Tonstudio anhören könnte. Nette Idee, aber auch umständlich. Telefonieren geht schneller. Und würde tatsächlich jemand extra in den Frankfurter Portikus zur Ausstellung „#215“ von Leo Asemota und Nástio Mosquito gehen, um sich anzuhören, was man ins Mikrofon gesprochen oder vielleicht auch gesungen hat? Wer weiß?

Man könnte auch hingehen, um leiser Musik zu lauschen. Oder ein Brettspiel spielen, das hier auf dem mit Teppich ausgelegten Boden liegt. Man könnte sich hier treffen, sich auf Hockerchen setzen, die von Studenten und Mitarbeitern der Städelschule in Anlehnung an traditionelle Hocker aus Benin gebaut wurden, und sich etwas erzählen, denn darum geht es in dieser Ausstellung.

Leo Asemota und Nástio Mosquito haben sich im vergangenen Jahr bei der Documenta 14 kennengelernt, als beide am Documenta-Radio Savvy Funk mitwirkten. Seitdem haben sie sich gegenseitig Sprachaufnahmen geschickt. So entstand ein Gespräch, das nicht auf unmittelbare Reaktionen abhob, sondern – etwa wie eine Email – Zeit zum Nachdenken ließ. So ähnlich könnte man es also in dem Tonstudio im Zentrum der Ausstellung machen, das übrigens die gleiche Form hat wie das Portikus-Gebäude selbst.

Natürlich fragt man sich, was Asemota, der im nigerianischen Benin City geboren wurde und abwechselnd dort und in London lebt, seinem Kollegen erzählt hat. Man möchte wissen, was Mosquito, der in Angola geboren wurde und in Lissabon und Gent lebt, geantwortet hat. In der Ausstellung erfährt man es nicht. Zwar ist die Kommunikation der beiden Bestandteil der Schau, als handschriftliche Notizen, die Nástio Mosquito auf Glasscheiben hinterlassen hat, die wiederum auf zu Säulen gestapelten Katalogen aus dem Portikus-Archiv liegen. Doch lässt die Schrift sich kaum entziffern. Man kann allenfalls einzelne Wörter wie „regret“ oder „disagree“ lesen. Außerdem sind Notizen im Raum, die Leo Asemota auf Kohlepapier gekritzelt hat, während er sich Mosquitos Nachrichten anhörte – allerdings sind sie in Schachteln verstaut, die man zwar angucken, aber nicht öffnen darf. An der Wand hängt überdies ein großer, dichtbeschriebener Zettel, auf dem Asemota – indirekt durch Kohlepapier – seine Gedanken festgehalten hat – allerdings hat er die Wörter so oft überschrieben, dass die Bedeutung zur Zeichnung erstarrt ist.

Lädt Gesagtes oder Geschriebenes einen Raum auf, ohne dass man den Inhalt kennt? Wird man im Portikus, der während der Ausstellung von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang geöffnet ist, vermehrt ins Gespräch kommen? Wird man einander von seinen Sorgen und Hoffnungen erzählen? Einen Versuch ist es wert.

Portikus , Frankfurt: bis 27. Januar. www.portikus.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion