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Erwin Wurms Ein-Minuten-Skulptur „Confessional“.
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Erwin Wurms Ein-Minuten-Skulptur „Confessional“.

Erwin Wurm in Berlin

Überall ist der Wurm drin

  • VonIngeborg Ruthe
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Dieser alltägliche Horror: Der österreichische Bildhauer und Zeichner Erwin Wurm wird jetzt auch in einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie vorgestellt.

Muttis Häuschen mit dem steilen Satteldach, wo winters der Schnee gut runterrutscht, steht tatsächlich in Oberschöckl bei Graz, klein aber mein: Weißer Putz, kleine Fenster, Blumenkästen. Hier ist Erwin Wurm, Jahrgang 1954, Österreichs derzeit angesagtester und wie wohl kein zweiter geländerlos in die Weite und um die Ecke blickender und denkender Bildhauer des Komischen, ja, Absurden, aufgewachsen. Da sage also einer, Provinz mache eng.

Der kuriose Blick und Sinn fürs Zusammengestauchte und Aufgeblähte aber – vielleicht sogar eine Genveränderung des krachig-störrischen steirischen Humors in Richtung der britischen Monty Pythons – bricht sich nunmehr freie Bahn in den Hallen und Sälen der Berlinischen Galerie.

Mit der Schau „Bei Mutti!“ stellt sich auch ein ehemaliger DAAD-Stipendiat vor, in West-Berlin zu Mauerzeiten, 1987. Damals, hinter dem absurden Betonwall in der Inselstadt, verrät Wurm offenherzig, habe er seine Arbeitsweise grundlegend verändert: „Ich fing an, die Grenzen zwischen Skulptur, Objekt und Performances auszuloten.“

Das tut er seither mit liebevoll-boshaftem Blick auf alles Zwanghafte, Konventionelle, Pathetische, aufs Kuriose, aufs Absonderliche, auf die Vertracktheiten und kleinen Gemeinheiten des alltäglichen Horrors. Womöglich musste das ja auch so kommen bei einem, der großer Fan von Buster Keaton und Joseph Beuys ist und Ende der siebziger Jahre bei einem Quer-Denker wie Bazon Brock an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst studierte, wo er heute selber lehrt.

Mama Wurm muss eine verzeihende Seele sein, wenn der Sohn ihr Schmuckstück derart madig macht als klaustrophobisches Trauma aus Wänden. Denn er hat das Knusperhäuschen als „Narrow House“ (was fast klingt wie Narrenhaus) in der rechten Halle der Berlinischen Galerie nachgebaut als Paradox: 20 Meter lang, 1,20 Meter breit, das Satteldach aus Kunststoffschiefer, Fensterladen, Ornament-Rollos und -Tapeten, Bildchen, Kruzifixe in Nasenhöhe, an denen sich das Publikum mit allen figürlichen Vor- und Nachteilen vorbeiquetschen darf. Ein, hoffentlich, amüsanter Selbstversuch aller Mutigen und Phobischen in der labyrinthischen Wohnhölle.

Der Berliner Milieu-Zeichner Heinrich Zille hat um 1900 gesagt, mit einer Wohnung könne man einen Menschen wie mit einer Axt erschlagen. Mit einem engen Häuschen auf dem Lande möglicherweise auch. Wollte man das „Enge Haus“ also als kreativ-ironischen Beitrag zur aktuellen Berliner Wohnungsnot lesen, ist das wohl kaum politikfähig.

Lieber nehme man sich die langen Vitrinen mit der Handlungsanweisung für einen Verwandlungsprozess in Form von Buchseiten vor: Der Bildhauer Wurm, geübt im Umgang mit Masse, Volumen und Form, gibt penibel vor, wie er – oder andere Männer – in nur acht Tagen bei Mutti von Konfektionsgröße 50 auf 54 aufgemästet werden könnte.

Dafür gibt es in Versform geschriebene Speisezettel und Befehle zum Schlafen, Ruhen, Lesen. Solch kalorienintensives mütterliches Aufblähen muss der Betrachter ins Verhältnis setzen zum gestauchten Raum, so etwa im steirischen „Narrow House“.

An sich eine Katastrophe

Geradezu ein Déjà-vu hat die Autorin dieses Textes vor dem Podest mit dem „Idioten“ aus der umwerfenden „One-Minute-Serie“ Wurms. Auch dieses Werk lädt zum Selbstversuch: Der Typ (auf dem Foto ist es Wurm selber) steckt mit beiden Armen in den Lehnen eines Stuhls und kann sich offenbar von alleine nicht befreien.

Die selbst verursachte Katastrophe weckt eine Erinnerung an Kindertage: Der Kopf steckte zwischen zwei Streben einer Stuhllehne, wohin ihn infantile Experimentierlust befördert hatte, und schwoll beim panischen Schreien umso mehr an. Dem Vater blieb nichts anderes übrig, als, den Lockenkopf derb beiseite gedrückt, die Lehne beherzt mit einem Fuchsschwanz zu zersägen. Fortan saßen wir zu Hause nur noch auf Hockern.

Wurm, auch ein manischer Zeichner, scheint die bizarre Zweckentfremdung gewohnter Dinge zu lieben: Er zeichnet Männer in sexuellem Notstand, als Flaschenliebhaber. Er zerdellt Kühlschränke, als wären sie aus Butter, deformiert Wanduhren, zerlöchert Smartphones. Alles bei ihm ist – aber höchst vertrackt und absurd – Körper. Körpergefühl, Körperkampf zwischen Innen und Außen, zwischen Hülle und Inhalt.

Es soll Ärzte geben, die empfehlen Schnarchern, sich gegen Apnoe-Intervalle mit Tennisbällen zwischen Rücken und Matratze zu wappnen. Genau das sollen Wurms Ausstellungsbesucher auch ausprobieren. Auf einer Matte liegen grüne Tennisbälle bereit. Wurms Philosophie ist so grandios wie sein Credo: einfach lustvoll zu scheitern.

Berlinische Galerie, Berlin: bis 22. August. Katalog (Prestel) für 24,80 Euro.

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