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Weniger ist, laut Sandra Doeller, langweilig.
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Weniger ist, laut Sandra Doeller, langweilig.

MAK

Typografische Visitenkarten von Frankfurt

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Das Museum Angewandte Kunst zeigt eine fabelhafte Ausstellung über Typografie und Grafik in Frankfurt während der letzten 100 Jahre.

Es ist nicht verborgen geblieben, dass sich Menschen durch Zeichen verständigen. Gelegentlich entstehen dadurch noch Wunder. Durch eine Visitenkarte, die wegen ihres klaren Schriftbilds ihr Anliegen unterstreicht. Durch ein Konzertplakat, das durch seine Typografie auffällt. Durch ein Zeitungslayout, das sich in der Tat sehen lassen kann. So kann es jetzt systematisch angeschaut werden in Frankfurts Museum Angewandte Kunst (MAK), wo es in den nächsten Monaten heißt „Alles neu!“

Das ist kein leeres Versprechen. Gleich einem Slogan nimmt der Titel Bezug auf den entschiedenen Gestaltungswillen der 1920er Jahre in Frankfurt, und wenn es in dieser Schau um „100 Jahre Neue Typografie und Neue Grafik“ geht, dann steht diese Ausstellung in einer Reihe mit denjenigen über das „Frankfurter Zimmer“ oder das gestalterische Werk Ferdinand Kramers. Denn das „Neue Frankfurt“ war alles andere als nur ein gewaltiges Neubauvorhaben, es war so etwas wie ein Laboratorium des Anderen, ähnlich dem Bauhaus eine Neugründung für das Funktional-Sachliche, eine Niederlassung der Normabweichung, die, mehr als das Bauhaus, am Bedarf des Alltags orientiert war.

Von Klaus Klemp, Friedrich Friedl, Peter Zizka und Matthias Wagner K kuratiert, spannt die Ausstellung einen äußert facettenreichen Bogen von etwa 1920 bis in die Gegenwart, angefangen mit dem Aufbruch für ein „Neues Frankfurt“, in dem sich die Stadt ebenso neu erfinden sollte wie die Gesellschaft und mit deren Neuerfindung wiederum die Stadt. Der Modernisierungswille, der Frankfurt sozialpolitisch erfasste und der sich architektonisch und in die Stadt heute noch bereichernden Stadtplanungen niederschlug, wurde forciert durch einen entschiedenen Gestaltungswillen. Er ging an vielen Ort Frankfurts aus und ein, vor allem in der Kunstgewerbeschule und in der Städelschule wurde die fortschrittliche Gestaltungshaltung kräftig kultiviert. Ausdruck des allgemeinen Optimismus war eine neue Grafik, vor allem eine neue Typografie, angefangen mit der Futura-Schrift. Futura – das war nicht so dahingesagt, denn es galt, die Zukunft zu gestalten.

Philipp Albinus macht den Anfang

Die Erfindung Paul Renners, schlank und rank, kam 1928 auf den Markt – und die Futura aus Frankfurt ging um die Welt, Sachlichkeit demonstrierend, überhaupt ein Modernebekenntnis, das sich als politisches Projekt verstand, mit einem nicht unbeträchtlichen Gesinnungsüberschuss auch. Denn zum Bestandteil einer „rigiden Reklameordnung“, die in Frankfurt verbindlich gemacht werden sollte, zählten nur noch Buchstaben. Für Bilder aber sollte ein Verbot ausgesprochen werden. Dermaßen drakonisch ließ sich das Neue dann doch nicht durchsetzen,

Ein Anfang wird in der Schau gemacht mit Philipp Albinus (1884-1957). Dieser ist nun wirklich eine Wiederentdeckung, selbst für Kenner, die ihre Überraschung einräumen. Er war nicht nur ein Aktivist der radikalen Kleinschreibung (wie nicht wenige), zugleich ein Propagandist der Groteskschrift.

Modernität sollte fortan auch dem Setzkasten entspringen: „Heute gehört die Welt dem Nüchternen, Sachlichen.“ Das Plädoyer für das Funktionale zeigte sich durchaus geharnischt. Was zukünftig druckbar schien, wurde in den „Typographischen Mitteilungen“ in Umlauf gebracht. Die kubische Form gewann Raum, ob auf Einladungskarten oder dem Plakat, anstelle des klassischen Mittelachsensatzes wurden asymmetrische Anordnungen bevorzugt. Und wenn das Layout noch stärker dynamisiert wurde, dann entsprach das der Lebenserfahrung der Beschleunigung aller Lebensverhältnisse.

Mit Willi Baumeister (1889-1955) kam im Sommer 1928 ein Gestalter in die Stadt, der mit der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ den gewaltigen Stadtumbau propagandistisch begleitete. So geradlinig die Schrift, so unverschnörkelt die Botschaften, so pathetisch weiterhin das Sportplakat.

Anders als die Dynamik, die vor allem die Automobilwerbung beherrschte, strahlte das Sportplakat ledrige Unbeugsamkeit aus. Es sei denn, dass die theatralische Pose auf den kämpferischen Plakaten zurückgedrängt wurde durch abstrahierende Formen, darunter konstruktivistische Motive wie etwa bei Hans Leistikow (1892 – 1962). Sein enorm abstrakter Adler, als Signet für Frankfurt entworfen, rief Proteststürme hervor, wurde doch der Kampf um die Gebrauchsgrafik nicht zuletzt als ein Kulturkampf verstanden – totalitär von den Nazis seit dem Frühjahr 1933.

Es ist alles andere als nur eine Legende, dass die Nazis die Fraktur zur „deutschen Schrift“ erklärten, mit ihr sollte der völkischen Ideologie unmissverständlich Ausdruck verliehen werden. Wenn sich fortan ein Max Bittrof (1890-1972) in den Dienst der Nazis stellen ließ, dann mit dumpfem Pathos, mit Brimborium wie Siegesfackel oder Lorbeerblatt, nachdem er als kühner Gebrauchsgrafiker für die Automobilindustrie recht schnittige Illustrationen geliefert hatte.

Auch die Grafik, insbesondere die unmissverständlich gesinnungsträchtige Grafik hat sich politisch nicht teilnahmslos verhalten. Nach dem Krieg, so schildert es Friedrich Friedl, kam es zur Wiederkehr der „altdeutschen Phase“. Zugleich wurde die Kontroverse, die die 1920er Jahre bereits beherrscht hatte, fortgesetzt. So ließ man das „Altdeutsche“ nicht einfach gewähren, vor allem an der HFG Offenbach nicht. Gerade während der 1950er Jahre blieben Typografie und Grafik Projektionsflächen für eine nüchterne Bescheidenheit, für eine asketische Haltung, für eine manifeste Sachlichkeit, wie sie exemplarisch von Dieter Rams für das berühmte Braun-Design verwirklicht wurde.

Die Promenade, die mit der Ausstellung angelegt wurde, ist eine verwinkelte Route, durch kleine Kabinette und über schmale Korridore, die in das zweite Obergeschoss von Richard Meiers Bauwunder eingestellt wurden.

Sie führt die Neubegründung der Gestaltung vor Augen: Plakatkunst insbesondere unter dem Eindruck der Pop-art. Zugleich wirkte von der Staatlichen Werkakademie Kassel aus weiterhin Hans Leistikow, ein Artist aus den Tagen des „Neuen Frankfurt“. Mit seinen Filmplakaten verblüffte ein Hans Hillmann immer wieder aufs Neue. Günther Kieser popularisierte als Gestalter Folk und Blues, erst recht cool seine Jazz-Plakate. Der Suhrkamp Verlag schrieb durch Willy Fleckhaus auch Gestaltungsgeschichte.

Allein die Begriffsgeschichte zeigt, wie sehr die „Gebrauchsgrafik“ immerzu up to date sein wollte. Im Laufe von nur hundert Jahren wurde aus dem „künstlerischen Entwurf“ die „Gebrauchsgrafik“, diese sollte überwunden werden in der „Reklame“, diese wiederum, noch bevor die Nazis sie aufbrachten, durch die „Propaganda“.

Die „visuelle Kommunikation“ ist seit 1989 konfrontiert mit dem Auftritt des Macintosh, mit Gestaltungsmöglichkeiten, die aus dem Rechner herausgekitzelt werden können, von „Derwischen“, wie Peter Zizka sie nennt. Dass sie, engagiert am Schauspiel Frankfurt oder am Mousonturm, von der Clubszene oder der Messe Frankfurt, nicht nur im Lager einer digital aufgekratzten Welt stehen, bebildert der Parcours durch einige grelle Zeichensetzungen. Wo sich vor hundert Jahren, mit der Typografie so etwas wie ein fester Standpunkt zeigte, flackert heute eine ironische Brechung auf.

In fetten Lettern ging Sandra Doeller im vergangenen Jahr gegen die Tradition vor: Less is more – weniger ist mehr, das Leitmotiv der klassischen Moderne, von Mies van der Rohe formuliert, erklärte sie, zum Langeweiler: Less is a bore.

Der Bogen ist nicht nur zeitlich über 100 Jahre gespannt, sondern thematisch ein veritabler Spannungsbogen, angefangen mit der Reduktion auf das Eindeutige bis hin zu den vorsätzlichen Verwirrungen, die angerichtet werden im Zeichen des Vieldeutigen. An die Stelle der Parteigänger des Neuen Frankfurt ist das Plädoyer für den formalen Solisten getreten. Es so zu sehen, ist natürlich eine ungeheure Verkürzung, zumal die Ausstellung vielerlei Wege vorführt, Umwege, auch die Sackgassen in die schiere Propaganda.

Gleichwohl, vor 100 Jahren stand Frankfurt im Zeichen eines Aufbruchs, der schnörkellose Schrift-Bilder in Umlauf brachte. Allein das Wort – ein Kompositum. Frankfurt entwickelte typografisch und grafisch eine Visitenkarte, die sich bald schon international herumreichen ließ.

Museum Angewandte Kunst, Frankfurt: bis zum 21. August. Ein Katalog ist in der av edition (320 S. 39 Euro) erschienen.

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