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Jean-Michel Basquiat in New York, 1984

Schirn Kunsthalle

Der Typ, der auf dem Bürgersteig T-Shirts bemalte

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Frankfurts Schirn Kunsthalle widmet dem unberechenbaren Jean-Michel Basquiat eine fulminante Schau.

Auf den ersten paar Metern beschleicht einen der Verdacht, dass hier jemand ganz fürchterlich überschätzt sein könnte. Man sieht Fotos von Tags, die einem nicht sonderlich bedeutsam vorkommen. „SAMO© 4 U“ steht da, „SAMO© as a result of overexposure“ oder „SAMO©? Do I have to spell it out!!“ Dann gelangt man zu einem Metallschild, auf das der Künstler den kryptischen Satz „Jimmy Best on his back to the suckerpunch of his childhood files“ gesprüht hat. Daneben hat er zwei Autos gekritzelt, eines ist auf das andere aufgefahren. Es fällt schwer, hier den Künstler zu sehen, der als Wunderkind gilt, der den Kunstmarkt zum Bersten bringt und Kunsthistoriker in Verzückung versetzt.

Doch Jean-Michel Basquiat, dem die Frankfurter Schirn Kunsthalle jetzt eine große Überblicksausstellung zu seinem dreißigsten Todestag widmet, hat naturgemäß mehr zu bieten als ein paar hastig gesprühte Buchstaben, und je mehr man in die als düsterer Parcours aufgebaute Ausstellung eindringt, desto stärker wird man mitgerissen. Von der Unmittelbarkeit und rohen Energie, die sich auf gewaltigen Tableaus oder einem kleinformatigen Schaumstoffquadrat entladen hat, auf einer Vase, auf einem Kühlschrank. Von der Wucht und Originalität, die einem von Papiercollagen, Leinwänden und Holzbrettern entgegenknallt, den wütenden Gesichtern, Gesten und Wörtern, die einen regelrecht anzuspringen scheinen.

Der Eindruck von Wahllosigkeit verflüchtigt sich mit jedem Bild, jedem Gegenstand, sei es ein mit Afrohaaren beklebter Footballhelm oder eine Fotocollage auf braunem Einkaufstütenpapier. Sei es ein wüstes Konglomerat aus verwirrenden Einzelteilen oder ein beschmiertes Holzbrett, auf dem 24 Mal der Buchstabe A steht. Ganz im Gegenteil hat man das Gefühl, dass der Künstler, der 1960 als Kind einer puerto-ricanischen Mutter und eines haitianischen Vaters in New York geboren wurde, sehr genau wusste, was er da schreibt, klebt, pinselt und warum er das tut. Dass jedes Wort eine mehr oder weniger konkrete Bedeutung hat, die sich inhaltlich in einen politischen, sozialen oder anderweitigen Zusammenhang bringen ließe.

Es scheint, als habe Basquiat bereits in den frühen achtziger Jahren das Gefühl von ständiger Reizüberflutung vorweggenommen. Tatsächlich soll in seinem Atelier permanent der Fernseher und zusätzlich ein Plattenspieler gelaufen sein, während der Boden mit Büchern zu den unterschiedlichsten Themen übersät war. Basquiat hatte eine unfassbar schnelle Auffassungsgabe und er verarbeitete sein Material oft sofort. Er wollte alles, und er wollte es gleich. Als hätte er geahnt, dass ihm nicht viel Zeit blieb, weil er bereits mit 27 Jahren an einer Überdosis Heroin sterben würde. Dreißig Jahre ist das her, und doch wirkt das Werk so dynamisch, konfrontativ und zeitgemäß, als sei seither kein Tag vergangen.

Die Karriere des Autodidakten Basquiat begann 1977-78, als er mit seinem Schulfreund Al Diaz unter dem Pseudonym SAMO© kurze Botschaften auf Häuserwände, Autos und Türen des New Yorker Künstlerviertels SoHo sprayte. Nebenbei spielte er in einer Band namens Gray und legte als DJ auf. 1980 spielte er dann die Hauptrolle in „Downtown 81“. Der Film, der in der Schirn gezeigt wird, handelt von einem jungen Künstler, der aus dem Nichts zum Star aufsteigt. Genau so sollte es auch im wahren Leben kommen. Seine ersten Leinwände bemalte Basquiat tatsächlich noch als Schauspieler im Film, da hatte er noch nicht einmal eine eigene Wohnung. Es folgten Ausstellungen in den USA und Europa, Verträge mit Galeristen wie Mary Boone. 1982, mit nur 21 Jahren, wurde Basquiat zur Documenta 7 nach Kassel eingeladen. Die Preise für seine Werke stiegen, und der Künstler malte im Akkord. Ab 1984 gehörte er zur Entourage von Andy Warhol, von dem er diverse Porträts angefertigt hat. Warhol war zunächst skeptisch, er kannte Basquiat als Typen, der auf dem Bürgersteig herumsaß und T-Shirts bemalte. Ab und zu hatte er ihm zehn Dollar zugesteckt. Dann jedoch erkannte er das Potenzial. Von 1984-85 schufen Basquiat und Warhol mehr als 150 Gemeinschaftswerke.

Basquiat kopierte, sampelte und rekontextualisierte, was ihm in die Finger kam: Comics, Gedichte, Stummfilme, Anatomiebücher, Werbung und das Leben auf den Straßen New Yorks, eine Umgebung voller Lärm, Gewalt, Rassismus, Kapitalismus. Als erster afro-amerikanischer Künstler, der es in die erste Liga des Kunstmarktes geschafft hatte, reflektierte er schwarze Themen wie Sklaverei, Rassismus, Box-Sport und Jazz-Musik.

„Boom for Real“ ist der Titel der Ausstellung in der Schirn – ein kraftvoller Ausdruck, den der Künstler mal auf eine Betonwand gesprüht und danach häufiger verwendet hat. Ein Begriff, der gleichzeitig auf seinen Erfolg und auf seine explosive Herangehensweise an Kunst verweist.
Die Ausstellung mit über 100 Werken, die zuvor im Londoner Barbican Centre zu sehen war, zeigt die Widersprüche, die das Werk des New Yorkers so spannend machen: die schrillen, wilden Maskenköpfe, mit denen der Künstler Klischees über schwarze Künstler kommentierte, die zarten, bisweilen lyrisch anmutenden Sprachbilder, die mit ihren rhythmischen Wiederholungen auf den von ihm geliebten HipHop verweisen. Das knallfarbene Tableau, das dezent beschriftete Papier, der Krach, die Stille. Eine Abteilung der Schau gibt Einblick in Basquiats Notizbücher: „Spores floated on the potatoe foaming thru the skin“ heißt es da, Sporen, die durch die Haut schäumen. Dann wieder: „Shot a fool’s head off!“ Einem Idioten den Kopf heruntergeschossen.

Deutlich wird auch, dass Basquiat sich intensiv mit der Kunstgeschichte, vor allem der des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt hat. Diverse Arbeiten verweisen auf Picasso, Matisse oder Marcel Duchamp. Basquiat wusste, dass er auf eine Tradition von Regelbrechern aufbaute und er ahnte vielleicht, dass nach ihm noch viele kommen würden, denen sein Werk eine entscheidende Inspiration sein würde.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt:
bis 27. Mai. www.schirn.de

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