Paris im März 2020.
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Paris im März 2020.

Verhüllungsaktion

Trotz Corona: Christo plant für Paris das nächste große Ding

  • vonIngeborg Ruthe
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Optimismus trotz Corona : Verhüllungskünstler Christo will im Herbst den Pariser Arc de Triomphe einpacken.

Der gebürtige Bulgare aus New York gilt als unbeirrbarer Künstler, der bewundernswert geduldig auf die amtlich genehmigten Aktionen warten musste und seine spektakulären Verhüllungen auratischer Landschaften und markanter, geschichtsträchtiger Bauten immer durch Selbstvermarktung komplett privat bezahlte.

Der fast 85-Jährige will im Herbst den Pariser Arc de Triomphe verhüllen. Er glaubt fest daran, dass die wegen des bedrohlichen Corona-Virus aus den Fugen geratene Welt bis dahin wieder in ihren Bahnen ist. Für seinen kühnen Plan setzt er schon zum dritten Mal auf eine Firma aus Lübeck namens „geo – Die Luftwerker“, Hersteller von Heißluftballons, Luftschiffen, Werbebannern und anderen aufblasbaren Objekten.

Christo plant unverdrossen trotz Coronakrise

In dem Betrieb soll aus 25 000 Quadratmetern recycelbarem blauem Stoff, umwickelt mit 7000 Metern rotem Seil eine schöne Hülle für das Wahrzeichen von Paris genäht werden. Anfang April, heißt es, begännen die Arbeiten. Und die sind gewiss nicht im Home Office zu erledigen.

Der in New York lebende Künstler wie auch die stolzen Auftragnehmer in der norddeutschen Hansestadt planen kühn und das heruntergedimmte Wirtschafts-, Verkehrs-, Kultur- und Alltagsleben auch der Deutschen wie der Franzosen ausblendend, dass die ersten 2000 Quadratmeter bereits Ende April geliefert werden könnten. Aber gegenwärtig liegt, auch in Paris, das öffentliche Leben brach, ist belegt mit einer Ausgangssperre.

Christo plant dennoch unverdrossen weiter. Schon 2013 hatte die Lübecker Firma das „Big Air Package“, die Gasometer-Verhüllung in Oberhausen, möglich gemacht und 2018 – unter dramatischen Wetterbedingungen mit Sturm und sintflutartigen Regengüssen – auch pünktlich die sonnengelben „The Floating Piers“ auf dem Lago d’Iseo in Oberitalien, in der gegenwärtig so furchtbar von Corona heimgesuchten Region Lombardei: Christos leuchtende Stege ahmten die Bewegung der Wellen nach. Die Leute konnten das Wasser unter ihren Füßen spüren und sehen, wie sich die Wellen unter der Oberfläche des Stoffes bewegten.

Luftwerkers Mondskulptur

Auf die „Luftwerker“ aufmerksam geworden war Christo, der bis zum Tod seiner Frau Jeanne-Claude im Jahr 2009 alle seine spektakulären Projekte mit ihr gemeinsam als Duo realisierte, durch eine monumentale Mondskulptur. Die Luftwerker hatten diese 2009 für die Schau „Sternstunden“ im Gasometer in Oberhausen gefertigt. Danach kam es zügig zu der jetzigen Partnerschaft, die hoffentlich die gegenwärtige Situation aushalten wird.

Christo Vladimirov Javacheff, der 1957 aus dem bulgarischen Gabrovo in einem Güterwagen vor dem Sozialistischen Realismus via Wien nach Paris geflohene Bildhauer, nimmt in der Weltkunstgeschichte der Nachkriegszeit bis heute einen singulären Platz ein. Er verhüllte den Pariser Pont Neuf, Inselwelten vor Florida, überzog zeitgleich kalifornische und japanische Hänge mit gelben und blauen Schirmen.

Und er schenkte uns Deutschen fünf Jahre nach der Wiedervereinigung dieses Sommermärchen im heutigen Regierungsviertel: Erinnerungen verblassen, doch diese glänzt noch lange nach. Die von Krieg und Mauerzeit gezeichnete Wallot-Architektur des Reichstags war durch die Bahnen zur silbrig schimmernden Skulptur geworden, von fünf Millionen Menschen bewundert und gefeiert.

Ein Sehnsuchtsbild angesichts der derzeit leeren Straßen und Plätze in allen Städten von Berlin bis Paris. Und dort bleibt die Hoffnung auf den Herbst. Die Lübecker Stoffwirker und Näherinnen geben alles.

Bilder der verschobenen Schau  „Christo and Jeanne-Claude Projects 1963–2020“ aus der Ingrid & Thomas Jochheim Collection im Berliner Palais Populaire sind im Netz zu sehen. Der Katalog (Kerber Verlag, Engl./Dt.) kostet 29 Euro. www.db-palaispopulaire.de

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