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Wolfram Schütte war Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Rundschau. 

FR-Feuilleton

Wolfram Schütte - trotz alledem und alledem

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Zum 80. Geburtstag des ehemaligen FR-Feuilletonredakteurs Wolfram Schütte. 

Nach der Arbeit nicht einmal sind wir ausgegangen, nicht zum „Dortmunder“, nur eine Straße weiter. Undenkbar auch ein Besuch im „Werk drei“, der Kneipe, unten im Rundschauhaus. Nein, kein Versacken auf Parterreniveau. Stand niemals auch nur zur Diskussion, erst recht nicht an besonderen Tagen, an denen Wolfram Schütte einlud in seine eigenen vier Arbeitswände, in denen wir abhoben. Bildeten sie doch eine Raumkapsel, von der aus die Welt in den Blick genommen wurde, so zu sehen auch am nächsten Tag im Blatt. Dann nicht nur die übliche Welt-Rundschau.

Lesen ließ sich auf den von Wolfram Schütte verantworteten Seiten eine bewegende Bildbetrachtung von John Berger. Oder aus der Neuen Welt des Magischen Realismus ein Literaturessay von Mario Vargas Llosa. Oder ein Appell an die globale Verantwortung angesichts des Elends in Nordafrika, verfasst von Juan Goytisolo.

Global, ein Wort, das die Medien in Deutschland Mitte der 90er Jahre noch kaum auf dem Schirm hatten, war die Perspektive, mit der Wolfram Schütte Texte aus aller Welt ins Blatt lotste, ob von Kenzaburo Oe aus Japan, Günter Grass aus der Gegenwart Deutschlands oder Jorge Semprun aus der Heimatlosigkeit des Buchenwaldüberlebenden. Es waren solche Texte, mit denen er unter der Hand die Wahrnehmung des FR-Feuilleton-Lesers redigierte. Mit Texten aus den welthaltigen Winkeln der Welt regierte er unübersehbar das FR-Feuilleton mit.

Komm rein, so lud er zur Blauen Stunde ein, aber man musste sich einen Stuhl mitbringen. Weiß oder rot? So saßen wir gelegentlich noch zusammen, ein kleines Foto Adornos, das den Denker den Buchstaben, Wörtern und Sätzen auf einem Manuskript ungemein zugewandt zeigt, war stets dabei nach Redaktionsschluss, der natürlich kein Dienstschluss war, sondern ein Diskursauftakt, in einem tief-beschwingten Sinn ein Feier-Abend.

Heute feiert Wolfram Schütte, der das FR-Feuilleton über drei Jahrzehnte gestaltete und die deutsche Literatur- und Filmkritik prägte, seinen 80. Geburtstag. Als er das Haus 1999 verließ, tat er es mit Aplomb – mit einer legendären Beilage zum 250. Geburtstag Goethes, mit 32 Sonderseiten über den Weltbürger, von dem das Wort Weltliteratur stammt. Die Beilage wurde zu einem Datum im deutschen Feuilleton.

Es war nicht der einzige Coup Wolfram Schüttes. Wer erinnert sich nicht an seine Serie zum 100. Geburtstag des deutschen Kinos, in der sich seine Seh-Sucht niederschlug, im Wochenrhythmus ein Beitrag, eintreffend per Post oder per Fax, auf jeden Fall auch aus Übersee, etwa von Carlos Fuentes oder William Gaddis. Wer das Feuilleton aufschlug, schaute staunend auf ein „imaginäres Museum des Kinos“, in das Peter Handke oder Guillermo Cabrera Infante einluden, las „Kabinett-stücke“ von Antonio Lobo Antunes, Hans Magnus Enzensberger, Alfred Brendel, Elfriede Jelinek oder Gesualdo Bufalino.

Eine Weltliteraturriege und -perspektive aus dem Kinosessel, der dazu eingerichtet worden ist, den eigenen Horizont zu transzendieren. So hat denn auch die Nouvelle Vague Wolfram Schütte die Welt anders sehen lassen, mit den Sehnsüchten und bürgerlichen Traumata, den Phantasien und Phantasmen eines Chabrol, Rohmer, Truffaut, erst recht eines Godard. Von eminenter Bedeutung, auch für die Herzensbildung wurde die Perspektive des italienischen Neorealismus, und hierbei nahm Pier Paolo Pasolini die Rolle eines Kronzeugen gegen einen konsumgeilen Kapitalismus wahr. Das Neue deutsche Kino, Alexander Kluge, Wim Wenders, Edgar Reitz, vor allem mit dem Enfant terrible Rainer Maria Fassbinder erhob er Einspruch gegen die Selbstgerechtigkeit, die Rituale aggressiver Verdrängung in einem (Juste) Milieu zwanghaften Amüsements, moralischer Heuchelei und des Selbstbetrugs.

Schreibend die Welt erschließen, schreibend ihre Zumutungen auf Distanz halten. Verbindung halten zur Welt – sie haltend durch eine Neugierde, die durch Skepsis imprägniert ist. In der Nähe von WoS waren wir Jüngeren gut aufgehoben, und manches Mal war mir, als könnte einem an seiner Seite nicht viel zustoßen, trotz aller Erkenntnisse in die Abläufe der Welt, die im alten Rundschauhaus an der Gr. Eschersheimer Straße allerdings noch gut sortiert war, eine andere Welt als heute. Sicher, im Umlauf war längst der Satz von der „Neuen Übersichtlichkeit“, doch die konstatierte Irritation war eine andere als die heutige Konfusion.

Keine Turbulenz, die unserm WoS nicht Auftrieb gegeben hätte, deshalb nahm er uns mit, treibende Kraft, anspornend, mitreißend. Im Anfang mag Homer sein, wichtiger ist Rabelais, auf dem Olymp aber regiert Jean Paul, zu seiner Linken der Geist des Humors, zu seiner Rechten der Gerechtigkeitssinn. Und zu seinen Füßen ein García Márquez, ein Lobo Antunes, ein Arno Schmidt – eine sagenhafte Schar.

Durch Engagement & Enthusiasmus, beides nicht selbstverständlich, beides zusammen erst recht nicht: Durch diese von ihm nicht vernachlässigte Kohäsion hält er weiterhin Verbindung zur Welt, etwa durch seine Beiträge in Online-Magazinen, darunter seiner Kolumne „Petits riens“ für das Forum „Glanz und Elend“. Sie versammeln Einsprüche gegen den Ausverkauf kritischer Reflexion, gegen Häppchenkultur und Schnäppchenmentalität – gegen das, was der Freund John Berger die „Abwertung der Welt“ nannte.

Der archimedische Punkt aller Weltanschauung (ob gnädiger Betrachtung oder begründeter Ideologie) ist für Wolfram Schütte allerdings die Erkenntnis Adornos zur Bedrohung der Aufklärung, deren Dialektik, deren Schicksal nicht zwangsläufig, aber deren Potenzialis, deren Umschlag in die Barbarei. Der abgrundtiefe Pessimismus, wonach es kein richtiges Leben im falschen gebe, ist für Wolfram Schütte nie nur ein Apercu gewesen. Allerdings widerspricht er einem flotten oder verkapselten Fatalismus allein dadurch, dass er seit ein paar Wochen in der Initiative zur Erhaltung des Profils von HR2-Kultur mitmischt, federführend, wie auch anders.

Hoffnung, trotz alledem und alledem, ja, auch Trotz, bei allem. Denn Hoffnung ist gewiss keine üppige Ressource. Man muss ihr halt hinterher sein.

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