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Treffen der Papierarbeiter

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Von: Ingeborg Ruthe

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Sigmar Polke: Richter – ab September ständig im Kino, 1965.
Sigmar Polke: Richter – ab September ständig im Kino, 1965. © The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Erlebnisspur Linie: Eine fulminante Zeichenkunst-Ausstellung in Berlins DB-Kunsthalle mit prächtigen Arbeiten von Sigmar Polke, Gerhard Richter, Georg Baselitz, Willem de Kooning, Arnulf Rainer und Neo Rauch.

Womöglich ist das ja bloß eine sonderbare Wahrnehmung: Aber wenn im Berliner Ausstellungsbetrieb der Herbst die Zeit der Fotografie war, dann beginnt jetzt die Periode der Zeichenkunst. Das Land Berlin und die Akademie der Künste bedenken reifere wie junge Zeichnerinnen mit Kunstpreisen. Zig Museen und große wie kleine Galerien der Stadt breiten auf ihren Wänden, in ausladenden Tableaus, Papierarbeiten aller Formate und Zeiten aus – der alten, der klassisch-modernen wie der gegenwärtigen.

Das älteste, wohl auch beständigste aller Medien hat die Bilderstürme des Mittelalters und die Avantgarde-Attacken der Moderne überdauert. Es widerstand Moden und Trends, ohne je, wie die große Schwester Malerei, totgesagt zu werden. Das Zeichnen war und blieb, was es ist: Kunst, die vom Kopf unmittelbar zur Hand aufs Papier übergeht.

Linien legen Erlebnisspuren. Ihnen nachzuspüren, sie zu deuten, ist Sinn und Zweck dieser soeben beginnenden Zeichner-Schau der DB-Kunsthalle – ein Treffen von Könnern im Umgang mit Graphit, Kohle, Kreiden, Tuschen und Wasserfarben.

Es sind durchweg berühmte Maler der späten Moderne und der Gegenwart, die in 113 Handzeichnungen, Aquarellen, Gouachen aus den Jahren 1955 bis 2009 belegen, dass Zeichnen für sie eine sehr – intime – Passion ist. Eine, die ihr Sammler Frieder Burda, Verlegersohn und Baden-Badener Museumsgründer, teilt. Er legte in 40 Jahren eine außergewöhnliche Kollektion zwischen Expressionismus und Abstraktion an.

Die Ausstellungsmacher entschieden sich für sechs Werkblöcke: von Sigmar Polke (?), Gerhard Richter, Georg Baselitz, Willem de Kooning (?), Arnulf Rainer und Neo Rauch. Und weil besagte Papierarbeiter ja eher als Maler berühmt sind, gibt es – mal links, mal rechts der Blätter – auch das eine oder andere Gemälde – als Referenz.

Die Blätter indes funktionieren gänzlich als eigenständige Bilder, sind Zeugnisse dafür, wie der schöpferische Geist sich umweglos, intuitiv, spontan Ausdruck verschafft – aufs Papier fließt, kriecht, springt, sich schwingt. Als Niederschrift von Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen, Fantasien.

Exzessiv geht es zu im ersten Raum. Georg Baselitz’ 24 expressive Blätter zum Zyklus „Straßenbild“ aus dem Jahr 1981 – einer im aggressiven Stakkato der Striche entstandenen Ode an die Straßenhuren, trifft auf de Koonings späten, surreal-vertrackt-sinnlichen Kohle-Figurationen: das Weib, Geliebte, Göttin, Hure.

Den zweiten Ausstellungsraum teilen sich innige Freunde, geben einander gleichsam die Stichworte: Während der Schelm Sigmar Polke die Kartoffel zärtlich zum Wahrzeichen deutscher Wirtschaftswundergemütlichkeit erhebt und sein Zyklus „Höhere Wesen befehlen ...“ die tragische Figur Don Quichotte zum Heiligen macht, sprühen liebevoll-ironische Funken hinüber zu Gerhard Richters Abstraktionen. Der setzt gegen den modischen Neoexpressionismus der Achtziger atmosphärische Verfremdungen, Verwischungen.

Von da gelang man zu Arnulf Rainers Versuchen, Bildern zurückzugeben, was sie verloren haben: ihr Geheimnis. Er holt es aus tiefschwarzen Linien und Flächen, die furiose Van-Gogh-Serie von 1977 erzählt von einer radikalen Kontroverse mit der eigenen Existenz.

Schließlich führt ein Treppe hoch zum Kabinett. Hier wird Neo Rauch zum intensiven Erzähler, durch geradezu archaische Figurationen und Landschaften zwischen Bewusstem und Unbewusstem, etwa einer Doppelgestalt, die ein Feuer in eine Arena trägt. Eine Prometheus-Metapher? Er sagt dazu nur „Schwebteilchen, die sich manifestieren.“

Der Zeichner, heißt es in den Notizen des Zeichners Paul Holz, sehe mit einem Auge die Dinge, mit dem anderen, was dahinter sei: Gleichnis, Fliehendes, Zeichen. Er arbeite wie ein Werfer; er müsse sich in Sekundenschnelle entscheiden, wohin er beim Wurf ziele.

DB-Kunsthalle, Berlin: bis 8. März. Der Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen und kostet 35 Euro.

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