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Studio Drift, „AK47 + bullet“, 2019.  

Frankfurter Kunstverein

„Trees of Life“ im Frankfurter Kunstverein: Eine Ausstellung, irgendwo zwischen Faszination und schlechtem Gewissen

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„Erzählungen für einen beschädigten Planeten“: Eine Schau im Frankfurter Kunstverein lässt staunen und verschafft gemischte Gefühle.

Man verlässt diese Ausstellung mit gemischten Gefühlen: Faszination ist dabei, ein schlechtes Gewissen und womöglich sogar ein verändertes Körperbewusstsein. Man staunt und erschreckt in dieser Schau über Dinge, die man theoretisch längst wusste: Wie wunderschön eine Qualle aussieht, wenn man von ihr durch eine Glasscheibe getrennt ist. Wie lächerlich und zugleich fatal die Existenz des Menschen für seinen Planeten ist. Wie hochkomplex die Natur beschaffen und wie begrenzt zugleich unser Vorstellungsvermögen ist. Wenn man vor einem Meteoriten steht, der vor Milliarden Jahren entstanden ist, kann man sich diesen Zeitraum nicht einmal ansatzweise vorstellen. Auch nicht, dass diese unscheinbaren Brocken sämtliche chemischen Elemente enthalten, aus denen alles Leben hervorgegangen ist.

Frankfurter Kunstverein konfrontiert uns mit wissenschaftlichen Fakten

Genauso wenig kann man sich ernsthaft bewusst machen, dass der eigene Körper von unzählbaren Mikroorganismen bevölkert ist. Undenkbar – wenn man den Begriff wörtlich nimmt.

Die Ausstellung „Trees of Life – Erzählungen für einen beschädigten Planeten“ im Frankfurter Kunstverein konfrontiert uns mit wissenschaftlichen Fakten auf eine sinnliche Weise; sie macht das oft nur abstrakt Gedachte plastisch und damit auf neue Weise handhabbar. Und obwohl es sich um eine Schau handelt, die das ökonomische Denken und Handeln des Menschen und sein anthropozentrisches Weltbild kritisch beleuchtet, wirkt sie an keiner Stelle didaktisch.

Sonja Bäumel, „Crocheted Membrane“, 2008-09. 

Das Besondere an der Ausstellung ist die Zusammenarbeit zwischen dem Kunstverein und dem Senckenberg Naturmuseum. Arbeiten zeitgenössischer Künstler werden mit wissenschaftlichen Exponaten aus verschiedenen Zeitaltern konfrontiert, wobei sie sich gegenseitig erhellen. Da steht zum Beispiel der verkieselte Stamm eines Nadelbaumes im Foyer, 225 Millionen Jahre alt, durchzogen von knallbunten Farbstreifen, die durch verschiedene Mineralien entstanden – ein Kunstwerk, geschaffen ohne Absicht. Zugleich gibt es Werke, die als Kooperation von Bakterien mit einem Menschen entstehen, genauer: mit Sonja Bäumel.

Versteinerungen aus der Sammlung des Senckenberg-Museums

Die Künstlerin hat sich am Vortag der Eröffnung nackt in eine honigfarbene Masse namens Agar gelegt, eine gelartige Substanz, die aus Algen gewonnen wird und sich hervorragend als Nährboden für Mikroorganismen eignet. Noch ist nicht viel zu sehen, allenfalls ein paar Schlieren ziehen sich über die Oberfläche. Doch schon bald wird sich eine pelzige Struktur bilden, die die Körperkonturen der Künstlerin aufweist. „Expanded Self“ heißt die Arbeit, die auf anschauliche Weise vermittelt, dass das, was wir sind, so viel mehr ist, als ein einzelnes denkendes Wesen. Dass unsere Haut keine trennscharfe Grenze bildet, sondern eine höchst lebendige Membran. Ein Gedanke, der durchaus ein wenig befremdet. Bereits für eine frühere Arbeit mit dem Titel „Crocheted Membrane“ experimentierte die Österreicherin mit Hautbakterien und deren Reaktionen auf Textilien. Die Häkelobjekte visualisieren durch ihre unterschiedliche Dichte die Orte, an denen der Wärmebedarf am höchsten ist.

Um filigrane Gebilde handelt es sich auch bei der Sammlung präparierter Käfer, die um 1880 entstand und in 42 Kästen zu sehen ist. Ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Arrangement – nicht nur, weil einige der Käfer uns monströs erschienen, wenn sie über unser Kopfkissen liefen. Auch, weil die Form der Präsentation uns heute so zwiespältig vorkommt: Alle Tiere wurden gefangen, getötet, sortiert und aufgespießt – eine brutale Methode, die uns zugleich ein Bewusstsein über die (ehemalige) Vielfalt der Arten beschert.

Dominique Koch, „Holobiont Society“, Filmstill, 2017.  

In unmittelbarer Nachbarschaft präsentiert der Österreicher Edgar Honetschläger sein Projekt „GoBugsGo“, das aus einer simplen Erkenntnis entstand: „Wie kann ich mich weiter mit ästhetischen Problemen beschäftigen, wenn um uns die Welt untergeht?“ Der Künstler hatte in Tokio gelebt, als in Fukushima die Katastrophe passierte. Er zog nach Italien, bewirtschaftete einen Garten und stellte bereits damals fest, dass die Zahl der Insekten rapide gesunken war. Honetschläger gründete einen gemeinnützigen Verein, der Grundstücke aufkauft und diese zu menschenfreien Zonen erklärt, damit dort neue Ökosysteme entstehen können. Eine Idee, die einem naiv vorkommen mag und zugleich großen Respekt abnötigt.

Frankfurt Kunstverein: Koloniale Transportwege und kapitalistische Ausbeutung

Dann steht man wieder vor einem dieser unendlich alten Versteinerungen aus der Senckenberg-Sammlung und kann nicht anders als zuzugeben, dass der Mensch im Angesicht der Weltgeschichte nur ein Witz ist.

Erstaunlich minimalistisch kommen in diesem Kontext die Objekt-Assemblagen des Künstlerkollektivs Studio Drift daher, die wirken wie konstruktivistische Kompositionen. Dass es sich in Wirklichkeit um Ikonen der Konsumgesellschaft und Kriegswaffen handelt, ein iPhone etwa oder eine Kalaschnikow, ist zunächst nicht zu erkennen. Die Künstler haben die Objekte in ihre Bestandteile zerlegt, die Rohstoffe herausgefiltert und sie zu abstrakten Kuben synthetisiert. Ein so komplexes wie letztlich simples Vorgehen, dessen Assoziationsspektrum immens ist und von fehlgeleitetem Konsumverhalten bis zur Ausbeutung des Planeten reicht.

Lesen Sie hier über norwegisches Licht im Fotografie Forum Frankfurt

Um koloniale Transportwege und kapitalistische Ausbeutung geht es schließlich in dem Film „Holobiont Society“ von Dominique Koch, in dem Wissenschaftler mit verbreiteten Theorien aufräumen. Dem genetischen Determinismus zum Beispiel, der These, dass jeder über seine Gene gänzlich vorbestimmt ist.

Hinterher steht man dann da mit seinen Gefühlen – und einer erheblichen Menge neu erworbenen Wissens.

Frankfurter Kunstverein: bis 19.Januar. www.fkv.de

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