+
Otto Muellers "Paar mit Maske" aus dem Jahr 1921.

Der Traum vom Paradies

  • schließen

Die Berliner Nationalgalerie erinnert an den Brücke-Expressionisten Otto Mueller und sein Netzwerk in Breslau.

So sieht das Paradies aus. An der Museumswand des Hamburger Bahnhofs wird es eindrücklich gesagt: Die beiden Mädchen, nackt, unbeschwert, verträumt im grünen Gras, scheinen nichts zu wissen von den Schrecken der Welt. Der Maler setzte die beiden seinerzeit schön und unberührt von den Blessuren und Verformungen durch das Schicksal mit pastoser Leimfarbe auf die Rupfen(Jute)-Bildfläche.

Unweit davon hängt in dieser Ausstellung der Nationalgalerie auch des Malers „Selbstbildnis mit Pentagramm“ von 1924. Darin ist nun gar nichts arkadisch, eher liest man daraus eine skeptische, vielleicht ahnungsvolle Selbstbefragung des Harmoniesuchers, sechs Jahre vor seinem frühen Tod und neun Jahre vor Beginn der Nazidiktatur.

Otto Mueller, geboren 1874 im schlesischen Liebau, gestorben 1930 in Breslau, gehörte erst ab 1910 zu den damals von Dresden nach Berlin umgezogenen Brücke-Malern, zu dieser markanten Expressionistengruppe, die sich 1905 an den Moritzburger Teichen gegründet und 1913 aufgelöst hatte. Bei deren „Befreiungsakt“ von jeglichem akademischen Konservatismus, der Hinwendung zur Natur und zum „wilden“, lustvoll arkadischen Leben war Mueller noch nicht dabei. Aber ihn zog magisch an, was die Brücke-Gründer Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff (spätere Mitglieder waren noch Max Pechstein und Cuno Amiet, kurzzeitig Emil Nolde und Kees van Dongen) als Idee mit nach Berlin gebracht hatten: künstlerische Freiheit.

Mueller hatte zuvor an der Dresdner und kurz an der Münchner Kunstakademie studiert; er zog 1908 nach Berlin. Dabei war er so ganz anders als die das Ekstatische, Exzessive suchenden Brücke-Leute, teilte kaum deren Ehrgeiz radikaler Kunstveränderung, umso mehr aber die Freiheit des Bohème-Lebens. Zugleich verfolgte er eine eigene, eher sanfte Linie. Dieser Maler fühlte sich zur Randgruppe der Gesellschaft, zu den „Zigeunern“ (wie man Sinti und Roma damals nannte) hingezogen. Er reiste dafür sogar bis nach Spalato und Sarajevo, wofür er den Spitznamen „Zigeuner-Mueller“ bekam.

Nichts Schroffes, Hässliches, Abstoßendes

Vor allem Mädchen und junge Frauen waren seine bevorzugten Modelle. Er malte und zeichnete sie gleichsam als Beschwörungen einer paradiesischen, von den Verwerfungen der Moderne unberührten, einer also idealisierten Welt. So ganz außerhalb der kaputten und selbstzerstörerischen Zivilisation. Behutsam, geradezu lyrisch, dabei mit klar geordneten Konturen und Flächen und fast nie in reinen, starken Farben und harten Kontrasten wie die Kollegen, verwandelte er die mageren Kindfrau-Gestalten ins Ideale. Im Einklang mit der Natur. 

In Muellers Bildern gibt es nichts Schroffes, Hässliches, Abstoßendes, auch nichts Starres. Alles wirkt höchst lebendig, im Gleichklang koloriert in silbrig gedämpften Tönen, meist mit weichen Farbkreiden gesetzt. Es ging dem Künstler nicht um Visionen, eher um Harmonie und Schönheit, erklärtermaßen darum, „mit größtmöglicher Einfachheit Empfindung von Mensch und Landschaft auszudrücken“.

Das sollte man im Hinterkopf haben vor den Bildern in dieser von Dagmar Schmengler kuratierten Ausstellung der Berliner Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof. Muellers Kunstweg als „Maler, Mentor, Magier“ wird beleuchtet. Es ist eine so akribisch gebaute wie ehrgeizige Schau, das Publikum betritt sie durch ein nachgebautes Breslauer Stadttor und verlässt sie auf diesem Weg auch wieder, nachdem es einem anschaulichen Erzählstrang gefolgt ist. Dies sogar bis in eine Art Akademie-Atelier, wo der Meister, seine zahlreichen Schülerinnen und Schüler, darunter acht aus Polen, und die damaligen Professorenkollegen wie die surrealen bis neusachlichen Maler Oskar Moll, Oskar Schlemmer oder Alexander Kanoldt mit ihren Bildern oder Plastiken vereint sind.

Dabei erfahren wir auch, wie Otto Mueller couragiert dafür sorgte, dass Frauen beim Zeichnen im Aktsaal zugelassen wurden, dass das jüdische Leben Breslaus – in der Stadt lebte einst die drittgrößte jüdische Gemeinde des Deutschen Reichs – bildthematisch eine Rolle spielte und indem er den jungen Jankel Adler förderte. Zudem regte Mueller immer wieder Experimente an, etwa die der kubistischen Bildzerlegung, wie Georg Muche sie nach Muellers frühem Tod an der Breslauer Akademie als Lehrer fortsetzte, bis die NS-Diktatur diesem „Modernismus“ ein Ende setzte und ihn als „entartet“ verfemte.

Über 100 Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen – Gemälde, Papierarbeiten, Fotos und Dokumente – sind im oberen Westflügel des Hamburger Bahnhofs ausgebreitet. Zehn Kapitel erzählen vom Meister Mueller, von seinen Schülern und vom Bauhaus, dem Franzosen Matisse, der Neuen Sachlichkeit, einem psychedelischen Expressionismus oder auch von den von der Abstraktion inspirierten Weggefährten wie Oskar Schlemmer, Oskar Moll, Alexander Camaro, Carlo Mense, Alexander Kanoldt, Jankel Adler, Horst Strempel oder Georg Muche und Johannes Molzahn während der Breslauer Lehrzeit. Die dortige Kunstakademie, geleitet von Oskar Moll, zählte zu den fortschrittlichsten und liberalsten in Europa. Viele Lehrer und Studenten kamen aus Berlin, hatten aber zugleich schlesische Wurzeln. 

Die Ausstellung bezieht sich, ausgehend von der Brücke-Geschichte, vor allem auf die Jahre 1919 bis 1930, auf Muellers Professorenzeit an der Breslauer Akademie, damals zugleich eine durch Naziherrschaft und Krieg zerstörte Kunstachse zwischen der weltoffenen schlesischen Kunststadt und der mythosbeladenen Kulturmetropole Berlin. 

Zugleich wirkte Muellers künstlerisches Charisma nach bis in die Nachkriegszeit, ja, bis heute. Hierzulande auch bei Kunstliebhabern kaum bekannte neoexpressionistische Tendenzen in der polnischen Malerei, gerade um Wroclaw und Poznan herum, werden deutlich, so in den Gemälden des 1962 geborenen Breslauers Zdzislaw Nitka, der heute dort an der Akademie lehrt.

Das Aufgebot, darunter parallel zur „Breslauer Schule“ auch korrespondierende „Gast“-Bildwerke der polnischen Avantgarde wie etwa von Stanislaw Kubicki, Margarete Kubicka oder Jerzy Hulewicz, stellt eine beispielhafte Kooperation des auch finanziell beteiligten Nationalmuseums Wroclaw, der Berliner Camaro-Stiftung und der Nationalgalerie Berlin dar. Nationalmuseums-Direktor Piotr Oszczanowksi hielt seine Eröffnungsrede auf Deutsch.

Im Frühjahr 2019 geht die Schau nach Breslau. Der gemeinsame Katalog erscheint auch in polnischer Sprache, sieben polnische Kunsthistoriker arbeiteten gleichberechtigt mit. So setzt das Unterfangen, gerade vor dem Hintergrund eines befremdlichen Nationalismus in Polen, als gemeinsames Forschungsprojekt beider Länder eigene Zeichen. 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion