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Liefert das Leitmotiv: Sir Winston Churchill.
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Liefert das Leitmotiv: Sir Winston Churchill.

ZKM Karlsruhe

Ein Traum von Künstlern - was sonst?

Ein Plädoyer für die Europäische Union als Kultur-Gemeinschaft. Dazu zeigt das Karlsruher ZKM 500 Kunstwerke aus 19 Ländern.

Von Peter Iden

Aus einer Rede, gehalten von Winston Churchill 1946 in der Universität Zürich: „Es gibt ein Heilmittel ... durch das binnen weniger Jahre ganz Europa ... frei und glücklich werden würde. Wir müssen die europäische Familie wieder erschaffen... Wir müssen eine Art von Vereinigten Staaten von Europa aufbauen.“ Das Zitat ist ein Leitmotiv für die nicht nur durch ihren Umfang, sondern vor allem durch die hohe Qualität der Auswahl außerordentliche Ausstellung „Kunst in Europa 1945 – 1968“, die nach einem Start im kleineren Format in Brüssel, jetzt deutlich erweitert im Karlsruher ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) eröffnet worden ist und später nach Moskau weitergereicht wird. 500 Kunstwerke wurden aus neunzehn Ländern in West-und Osteuropa, 68 Museen und privaten Sammlungen zusammengetragen – die Anstrengung versteht sich als Versuch des Plädoyers für ein Europa, dessen Nationen ihre Einigkeit herleiten würden aus einem (bei aller Verschiedenheit der Ausprägungen) gemeinsamen Kulturbegriff.

Churchills Wunschbild einer „europäischen Familie“ war eine von Zuversicht aber nicht weniger auch von Verzweiflung bestimmte Antwort auf die gerade vorausgegangene Zerstörung Europas durch die maßlose deutsche Hybris. Es war später, 1951, Adorno, der zumal der Kunst als kulturellem Ereignis, das Auschwitz nicht hatte verhindern können, eine positive gesellschaftliche Wirkungsmöglichkeit nahezu absprach: Künstlerische Praxis könne nur noch bestehen, wenn sie sich als hinfällig selbst negiere. Jenseits der Theorie hat sich die These seither in der Realität als irrig erwiesen: Poesie, Literatur, Musik, Malerei haben sich behaupten können, auch nach Auschwitz.

Dass jedoch kulturellen Leistungen für Zusammenhalt und Entwicklung der Europäischen Union je ein wesentlicher Wert zugetraut worden wäre – davon war und ist praktisch kaum etwas zu erkennen. Auch die Ausstellung nun in Karlsruhe, die gerade in einer Phase der Zweifel am Sinn der Gemeinschaft einem Aufruf gleicht, Kunst und Kultur zu begreifen als notwendige Strukturelemente Europas, wird daran leider wenig ändern. Es bleibt doch dabei, dass nahezu ausschließlich Fragen der Wirtschaft, des Handels, der Industrie-und Finanzpolitik die europäische Debatte beherrschen. Kultur? Sie ist bis zur Unscheinbarkeit abgedrängt an die Peripherie der Themen- und Handlungsfelder europäischer Politik.

Vor diesem eher tristen Hintergrund will die Schau in Karlsruhe mahnend erinnern an künstlerische Entwicklungen der letzten siebzig Jahre, die grenzübergreifend gewesen sind, lange bevor Europa sich politisch als (wie zur Zeit sichtbar: unvollendete) Union geschaffen hat. Daten der Realgeschichte werden jeweils markante kunsthistorische Begebenheiten zugeordnet, so etwa dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag 1968 die Eröffnung der documenta IV in Kassel. Diese Zeitleisten helfen zugleich, das Angebot der vielfältigen künstlerischen Prozesse nach bestimmten Perioden zu gliedern.

Wobei die Kuratoren Peter Weibel und Eckhart Gillen den Schrecken des zu Ende gegangenen Krieges als traumatische Erfahrung eine lange Nachwirkung zuschreiben. Und zwar nicht nur in Max Beckmanns „Abtransport der Sphinxe“ (1945) und der konkreten Darstellung von Trümmerlandschaften und Elendsbildern geschundener Menschen wie bei dem Rumänen Alexander Deineka und im Fall von Boris Taslitzkys „Buchenwald“ (aus dem Centre Pompidou), sondern auch indem Künstler durch das Entsetzliche veranlasst werden, mit einer aus der Katastrophe gewonnen Energie zu Gunsten abstrakter Bildwerte von der gegenständlichen Schilderung abzusehen. Es war auch der Aufbruch in eine neue Freiheit.

Sie bestimmte, nicht zuletzt auch als Reaktion auf die fatalen Massenbewegungen der drei Jahrzehnte zuvor, zunächst die auf ein Höchstmaß an individueller Subjektivität setzende Stilrichtung der „informell“ genannten Malerei, in der Ausstellung allerdings mit Ausnahme der Arbeit von K.O. Götz nicht nachdrücklich genug präsent. Es war aber die jüngere Generation der westdeutschen Maler des Informel, außer Götz Künstler wie Bernard Schultze, Otto Greis, Emil Schumacher, Peter Brüning, Gerhard Hoehme, die – noch ehe die Zero-Bewegung sich Ende der fünfziger Jahre mit Zentren in Düsseldorf, Arnheim, Den Haag, Brüssel und Mailand als „Europäische Avantgarde“ behauptete und durchsetzte – Kontakt vor allem zur Pariser Szene (Matthieu, Fautrier, Wols, Hartung) aufnahm. Positiv akzeptiert von der französischen Seite: Schon 1955 war im Pariser „Cercle Volney“ eine erste Ausstellung nicht-figurativer Malerei aus Westdeutschland organisiert worden.

Im Westen etabliert sich die Avantgarde im Zuge rascher, die Ländergrenzen überspringender Stilwechsel – auf das Informel und dann Zero folgen die Pop-und die Op-Art, in Frankreich der Nouveau Realism, in Italien die Arte Povera, allenthalben auch schon Frühformen der Aktions- und der Konzept-Kunst. Spannend zu sehen, dass es in Polen, Ungarn, Jugoslawien gegen die politischen Auflagen Tendenzen gab, die durch kühne Dissidenten parallel zu Strömungen der Westkunst verliefen. Ein besonderer Vorzug der Ausstellung ist es, dass die vielen Bewegungen, manchmal auch: Zuckungen des europäischen Kunstkörpers, meist durch mehr als nur ein Werk je Künstler vorgeführt werden.

Mit Wagnissen, die mitunter Wiederentdeckungen gleichkommen, wie etwa einer Wand der imponierend formsicher ins Plastische führenden, weißen Kompositionen des zu Unrecht bis vor Kurzem schon fast in Vergessenheit geratenen Deutschen Herbert Zangs. Der früh verstorbene Peter Roehr ist mit erstaunlichen serielle Arbeiten, Jesus Raphael Soto mit einer der Kinetik nahen Installation zwischen Bild und Skulptur vertreten – der Bogen spannt sich von den Brandbildern Alberto Burris zu Joseph Beuys, von Heinz Mack zu Fernand Léger, von Fontana und Herman de Vries zu Nam June Paik, Timm Ulrichs und einem selten gezeigten, frühen Gemälde von Gerhard Richter. Von den für jene Jahre wichtigen fehlt fast kein Name.

Unvermeidlich gibt es auch eher Beiläufiges wie die nachlässigen Arbeitsproben der Wiener Nitsch und Mühl. Während der „Avantgardismus“ des Ostdeutschen Werner Tübke vor allem darin bestand, auf zweifellos technisch bestechende Manier, zu malen wie ein Alter Meister.

Allerdings ist Vorsicht geboten: Bisweilen erliegt die Ausstellung dem Risiko, die stilistischen Festlegungen und Gruppierungen auch zu übertreiben. Es ist aber jedes Bild in erster Linie eine Wirklichkeit für sich. Heikel sind einige Ableitungen der bildnerischen Inhalte nicht mit Hilfe ästhetischer, sondern politischer Kriterien und Bezüge wie sie in dem 500 Seiten starken, bisher nur auf Englisch vorliegenden Katalog vorgenommen werden.

Durchaus schlüssig ist es ja, wie Peter Weibel die „Anthropometrien“ Yves Kleins, farbige Körperabdrücke entblößter Frauen, zurückzuführen auf die schattenhaften Aufnahmen toter Körper in Hiroshima. Fragwürdig hingegen Eckhart Gillens törichte Repetition des längst widerlegten Gerüchts, es sei die abstrakte Malerei in Westeuropa als Mittel im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion mit Hilfe der Verbreitung des amerikanischen „Abstrakten Expressionismus“ durchgesetzt worden. Pollock, Rauschenberg, Franz Kline, Mark Rothko, Sam Francis, Clifford Still, nach Europa vermittelt als Kalte Krieger – dafür wäre ja noch heute dem CIA herzlich zu danken.

Das sind indes Einwände, die gegen das begeisternd groß gedachte und realisierte Ganze der Karlsruher Unternehmung kaum Gewicht haben. Mit diesem Plädoyer für die Kultur, die Künste, als entscheidend wesentlichem Ansatz des europäischen Gedankens ist ein Zeichen gesetzt, das wahrzunehmen abenteuerlich reizvoll ist. So, wie die Idee eines wirklich und tatsächlich – Churchills Hoffnung – zur Familie geeinten Europas, wenngleich in Realität nur ein Künstler-Traum, verführerisch war und bleibt. Im ZKM kann man den Traum mitträumen.

ZKM, Karlsruhe: bis 29. Januar, weitere Informationen unter:

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