Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Zwei Ritterrüstungen aus dem frühen 16. Jahrhundert. Im Hintergrund: Die insgesamt über 50 Meter lange Collage aus sechzig Federzeichnungen von Albrecht Altdorfer.
+
Zwei Ritterrüstungen aus dem frühen 16. Jahrhundert. Im Hintergrund: Die insgesamt über 50 Meter lange Collage aus sechzig Federzeichnungen von Albrecht Altdorfer.

Ausstellung zu Kaiser Maximilian in Wien

Der Traum von einer Sache

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
    schließen

So setzte um 1500 Kaiser Maximilian die neuen Medien ein – eine Ausstellung in Wien.

Im Zentrum der Ausstellung stehen sechzig Federzeichnungen mit einer Gesamtlänge von 53,8 Metern. Angesichts dieser Masse wird es nicht an Besuchern fehlen, die froh darüber sind, dass die restlichen 48 Blätter, die zum Gesamtbild gehörten, im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen. Es ist nämlich so, dass man beim flüchtigen Draufblicken schnell fertig sein kann mit der Strecke, dass man aber, sobald man anfängt genauer hinzusehen, sich stundenlang darin verlieren kann. Die Zeichnungen sind allesamt von Albrecht Altdorfer (1480-1538) oder doch aus seiner Werkstatt. Sie stellen den Entwurf für einen Triumphzug Kaiser Maximilians I. (1459-1519) dar. Ob jemals daran gedacht war, diesen mehr als einhundert Wagen und Hunderte in teure Festgewänder gekleidete Menschen umfassenden Zug zu realisieren ist strittig. Sicher ist, dass es nie dazu kam. Dieser Triumphzug dokumentiert nicht, was es einmal gab. Er ist der Traum von einer Sache. Ein Traum aus dem Jahre 1512. Ein Traum, den der Kaiser selbst fixierte. In der Ausstellung ist eine kolorierte Federzeichnung zu sehen, die zeigt den Kaiser, wie er seinem Sekretär Max Treitzsaurwein (1450-1527) diktiert, wie der Triumphzug auszusehen hat. Vergleicht man die Zeichnungen Altdorfers mit den Angaben Maximilians, dann erkennt man, so erklärt Eva Michel im Katalog, wie genau der Künstler den Anweisungen des Herrschers folgte. Abweichungen gehen wahrscheinlich auf spätere Änderungswünsche Maximilians zurück. Zum Beispiel steht im ersten Entwurf des Kaisers noch nichts von einem „Wagen der Frauen“. Den forderte er erst in einem Brief vom 26. Januar 1513.


Markenbildung, Ruhmsucht

Der Festzug ist seit 1920 in der Albertina. Er wurde bisher nur zweimal ausgestellt: 1938 und 1959. Über Herkunft und Zuschreibung informiert der ausgezeichnete Katalog. Den Betrachter von heute frappiert der Triumphzug vor allem als propagandistisches Konzept. Die Ausstellung in der Albertina verdeutlicht das, indem sie ihn in die anderen Anstrengungen des Kaisers in Sachen Image- und Markenbildung einbettet. Bis fast in unsere Gegenwart hat sich das Etikett „der letzte Ritter“ erhalten. Das wurde ihm nicht von kritischen Historikern angeklebt. Als solchen hat er sich selbst etikettiert. Im „Theuerdank“, einem 1517 fertig gestellten Buch, beschreibt er das eigene Leben, also zum Beispiel die Auseinandersetzung mit den niederländischen Ständen, Kreuzzugspläne, aber auch Turniere und die Brautwerbung um Maria von Burgund ganz im Stil mittelalterlicher Heldenepen. Ein Rétrochic, der sich bei seiner Verbreitung der allermodernsten Mittel bedient: Holzschnitt, Buchdruck, Flugblatt und Zeitung. Maximilian sorgte dafür, dass nicht nur seine Ideen, seine grundsätzlichen Vorstellungen, sondern auch seine alltäglichen Entscheidungen größtmögliche Verbreitung fanden. Seine Kanzlei ist sein Propagandaministerium oder besser noch seine Marketing-Abteilung. Man erkennt in dieser Ausstellung, dass auch jemand, der auf die Unterstützung der breiten Masse keinen Wert zu legen brauchte, doch sehr interessiert daran sein konnte, was sie über ihn dachte. Die Demokratie hat den Hunger der Mächtigen nach dem Applaus der Massen nicht erst geweckt. Er war längst da. Die Ruhmsucht erscheint so als eine Vorgängerin der Demokratie. In seinem Roman „Der Weißkunig“ schreibt Maximilian: „Wer sich in seinem Leben kein Gedächtnus schafft, der hat nach seinem Tod kein Gedächtnus und desselben Menschen wird mit dem Glockendon vergessen, und darumb so wird das Geld, so ich auf die Gedächtnus ausgib, nit verloren.“ Die Liebäugelei mit der ritterlichen Vergangenheit hinderte Maximilian nicht daran, die treibende Kraft der Modernisierung des Reiches zu sein. Er entwickelte eine funktionierende von ausgebildeten professionalen Bürokraten betriebene Administration, einen sich an Burgund orientierenden frühmodernen Staat. Wahrscheinlich diente die mittelalterliche Camouflage weniger der Täuschung der anderen als vielmehr seiner selbst. Vielleicht kann man die Realität leichter, vielleicht sogar besser ändern, wenn man es tut als ein Bewahrer statt als ein Revolutionär. Vielleicht ist das eine nicht die Kostümierung des anderen. Vielleicht ist beides gleich echt. Ludwig II. von Bayern (1845-1886) und sein Neuschwanstein scheinen rein rétro. Beim deutschen Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) dagegen mischt sich altertümelnde Kostümlust mit modernster Eisen-und-Stahl-Begeisterung und der Idee vom sozialen Kaisertum.

Umringt von aufgeklärten Köpfen

Bei Maximilian kommt noch viel mehr zusammen. Er umgibt sich nicht mit Anton von Werner, sondern zum Beispiel mit Altdorfer und Dürer. Dazu kommen aufgeklärte Köpfe wie Konrad Celtis, den er zum Leiter seines an der Wiener Universität eingerichteten Collegium poetarum et mathematicorum ernannte. Man wünscht sich, jemand käme heute und schenkte George Steiner ein solches Institut, in dem Poesie und Mathematik und das, was die beiden verbindet, erlernt und gelehrt würden. All diese Aktivitäten verschlangen Geld. Sehr viel Geld. Der Bill Gates jener Jahre hieß Jacob Fugger der Reiche. Er finanzierte den Kaiser und die Kriege, die der nicht zuletzt führen musste, um seine Schulden an den Augsburger Bürger zurückzahlen zu können. In einer der Vitrinen der Ausstellung liegt ein Blatt Papier: 30 mal 21 Zentimeter groß. Es ist eine detaillierte Aufstellung von Käufen, die der Fugger für den Kaiser getätigt hatte. Sie werden verrechnet mit dem Verkauf der Graf- und Herrschaft Kirchberg und Weißenborn. Die Abrechnung wurde vom Kaiser persönlich quittiert. Spätestens bei diesem Blatt greift der Besucher nach dem Katalog. Wer nur nach der Schönheit geht, kommt sehr auf seine Kosten in dieser Ausstellung, aber er betrügt sich um das Beste an ihr. Das begreift er erst, wenn er den Katalog heranzieht. Er hätte zum Beispiel vielleicht einen Blick auf Dürers Weltkarte des Johannes Stabius geworfen, aber womöglich wäre ihm entgangen: Es handelt sich um keine flächentreue Projektion, aber doch um den ersten perspektivischen Blick auf die Erde von Außen. Avantgardistischer ging nicht. Ein Mandat Maximilians sicherte die Druckrechte für zehn Jahre und sicherte die Arbeit so gegen Nachdrucker. Neue Medien schaffen neue Öffentlichkeiten und auch die Macht definiert sich neu. Die Ausstellung Maximilian I. zeigt uns, dass unsere Gegenwart so neu nicht ist.

Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien, Albertina, bis 6. 1. 2013, Katalog: Prestel-Verlag, 32 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare