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Botticellis Schöne

Die Trauer über den Zustand der Welt

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Das Bild zeigt eine junge schöne Frau - doch sie ist rätselhaft traurig. Warum Sie noch einmal in das Städel gehen und Botticelli schauen sollten - darüber klärt Arno Widmann auf.

Eine Freundin schrieb mir in einer Mail: " gibt es niemanden, der sich zu dem todtraurigen, verweinten Ausdruck der Schönen, der Schönheit, des Schönen auf fast allen (Frauen-)Bildern Botticellis äußert? Das Schöne selbst beklagt durch ihn sein Verschwinden oder seinen Untergang oder den Umstand, niemals Wirklichkeit, immer nur Idee gewesen zu sein oder flüchtige Erscheinung? Ich weiß es nicht, aber es rührt mich aufs Tiefste." Natürlich bat ich sie, mir doch ein paar Zeilen dazu zu schreiben, aber sie mochte nicht, und so schreibe ich jetzt auf, was mir an Botticellis Schönen auffällt, nachdem sie mit dem Finger auf sie gezeigt hat. Mir leuchtete sofort ein, was diese Freundin mir schrieb. Ich weiß allerdings nicht, ob es nicht vielleicht doch in der Botticelli-Literatur eine Auseinandersetzung zu den traurigen Gesichtern der Schönen gibt.

Eines der prominentesten Bilder der Ausstellung im Städel - ein Ausschnitt ziert den Umschlag des Kataloges - belegt, was die Mailschreiberin meint. Es ist omnipräsent in der Stadt und doch sprechen wir nur von der Schönheit und nicht von der rätselhaften Traurigkeit der jungen, dem Kentaur ins Haar fassenden Frau. Aber sind wirklich alle Schönen so? Wird nirgends gelacht und gescherzt?

Wer sich an den Primavera und die tanzenden Grazien erinnert, der wird zum Katalog greifen. Ja, sie tanzen. Aber sie tanzen weinend. Nein, es fließt keine Träne. Aber die drei jungen Frauen - sie sind allesamt schwanger - blicken tieftraurig. Die Augen sind gerötet. Wir sollen wissen, dass sie geweint haben, dass ihr Tanz kein frühlingshafter Ringelreihen ist, sondern erzählt von einer Gewalt, die ihnen angetan wurde, von einer Vergewaltigung?

Wer weiter blättert nach der "Geburt der Venus", der denkt beim ersten Blick vielleicht: Die Schaumgeborene lächelt. Doch dann blickt er auf einer Detailaufnahme der Göttin ins Gesicht und sieht: Auch Venus trauert. Auch sie verengt die Augen, um die Tränen zurückzuhalten. Die Göttin der Liebe und der Schönheit wird nicht in einem weltumarmenden Lächeln geboren. Sondern: Kronos kastrierte seinen Vater Uranos.

Dessen Penis fiel ins Meer und aus dem aufschäumenden Samen entstand Aphrodite, Venus, die Göttin der Schönheit und der Liebe. Nichts davon zeigt Botticellis Gemälde. Aber der Wissende kennt die Vorgeschichte des gemalten, des festgehaltenen Augenblicks. Glück sieht anders aus. Kein Grund zu lachen. Nirgends.

Wer vor der Madonna mit Kind und Johannesknaben steht, der hat es mit einer Kette der Schwermut zu tun. Man vergleiche in der Ausstellung Botticellis Venus vor schwarzem Grund mit der von Lukas Cranach. Cranachs Persönchen ist auch keine Leichtlebige. Sie weiß sehr genau, was sie will und wie sie es bekommt.

Botticellis Venus dagegen weiß nur, dass sie traurig ist. Ihr Kontrapost gibt ihr nicht Halt, sondern hindert sie allenfalls am Zusammenbrechen. Sie steht, aber sie wirkt doch wie hingegossen. Und sehen wir ihr noch einmal ins Gesicht. Die Augen sind vom Weinen gerötet, die Anstrengung hat Blut in die Wangen getrieben, aber desto blasser, bleicher ist der Rest des Gesichts.

Cranachs Blässe dagegen ist rein. Sie entsteht nicht aus Kontrast.

Nach diesem erneuten Gang durch die Ausstellung stehen wir vor den ausgeweinten Schönheiten und schämen uns, bei so viel Leid kein Mitleid empfunden zu haben. Was ist das für eine Schönheit, die auskommt ohne die Freude am Leben, ohne die Lust und die Ekstase, die im Gegenteil daherkommt, als weine die Welt selbst. Wir wissen es nicht. Aber wir gehen noch einmal ganz schnell von Bild zu Bild und uns wird klar: Es sind nicht nur die Frauen, die so schauen.

Auch bei den Männern ist nirgends Freude zu sehen. Nirgends ein heiterer Souverän. Selbst bei den Porträts scheint kein Auftraggeber gefordert zu haben, dass man ihn gut gelaunt in die Ewigkeit des Kunstmarktes schickt. Die Unterlider selbst des Kentauren sind gerötet.

Wir haben es also nicht mit einer Beweinung des weiblichen Schicksals zu tun, sondern mit einer Trauer über den Zustand der Welt. Man nennt das gern Melancholie. Aber es muss hier um mehr als um eine Stimmung gehen. Es ist ein ästhetisches Konzept, also so etwas wie ein melancholisches Weltbild.

Die Schönheit, die hier gezeigt werden soll, ist ja der Versuch der Wiederbelebung einer Toten: die Renaissance der Antike. Wird hier deren Untergang beklagt? Oder soll hier - gut christlich - auch noch im Schönsten und Prächtigsten daran erinnert werden, dass die Erde ein Jammertal ist? Oder sind wir unter Platonisten, die wissen, dass wir in Wahrheit festsitzen in einer Höhle und uns nichts vergönnt ist als der Abglanz des wirklichen Lebens? Trauern diese Schönen also darum, dass sie in aller Pracht nichts sind als Schatten dessen, was sie sein könnten oder einmal waren, ohne es in Wahrheit jemals sein zu können? Spricht diese Schönheit gerade darum zu uns, weil sie die Trauer über den Zustand der Welt einschließt?

Städel Frankfurt: bis 28. Februar. www.staedelmuseum.de

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